Bischof Dr. Gebhard Fürst: Neujahrsansprache 2008

Rottenburg

Sehr geehrten Damen und Herren,

mit meiner diesjährigen Neujahrsansprache möchte ich anknüpfen an meine schon öfter dargelegte Beschreibung der Situation der katholischen Kirche in Deutschland. Ich sehe sie auf dem Weg von der „Volkskirche zur missionarischen Kirche im Volk“. Meine Ansprache und das ganze Jahr 2008 stelle ich in diesem Zusammenhang unter ein Wort aus dem Johannesevangelium, ohne dessen Verwirklichung missionarische Kirche nicht entstehen kann. Es lautet: „Wovon wir überzeugt sind, davon reden wir, was wir erfahren haben, das bezeugen wir.“ (Joh 3,11)

„Wovon wir überzeugt sind, davon reden wir, was wir erfahren haben, das bezeugen wir.“ (Joh. 3,11)

Jesus sagt dies zu Nikodemus, einem gebildeten, in religiösen Dingen kundigen und interessierten Menschen, der über Jesus nachgedacht hat und an seiner Lehre interessiert ist. Er will von Jesus wissen, wie er das Reich Gottes, das ewige Leben, wir könnten auch sagen, den wahren Glauben und die wahre Religion, finden kann. Für den Evangelisten Johannes, der die Szene überliefert, ist die Offenbarung von Gottes Heilshandeln in Jesus Christus den Jüngern anvertraut. Diese frohe Botschaft soll von ihnen übernommen und weitergetragen werden.

Im genannten Wort Jesu zu Nikodemus drückt sich die Überzeugung des Evangelisten Johannes aus, dass die Jünger Jesu sein ‚Zeugnis’ in ihrer Verkündigung aufnehmen und sein Zeugnis zum ihrigen machen sollen. Dieses Wort richtet sich also bis heute an die Gläubigen in der Kirche und fordert sie auf, von dem zu reden, wovon sie überzeugt sind, und das zu bezeugen, was sie erfahren haben. Nach dem Evangelisten Johannes können und sollen wir uns als auf Jesus Christus Getaufte dieses Wort zu eigen machen. Es soll unser Motto sein für die Verkündigung des Glaubens in einer Gesellschaft, in der wir als Kirche unser missionarisches Profil stärken müssen. „Wovon wir überzeugt sind, davon reden wir, was wir erfahren haben, das bezeugen wir“(Joh 3,11). Dieses Wort leitet mich jetzt auch durch die verschiedenen Abschnitte meiner Ansprache.

1. 2008 Jubiläum 50 Jahre Aktion Sternsinger

Mein erster Abschnitt hängt unmittelbar mit dem heutigen Fest der Erscheinung des Herrn zusammen, das wir im Volksmund das Fest der Heiligen Drei Könige nennen. Die Sternsinger unserer Tage tragen die Botschaft dieses Festes mit ihren Hausbesuchen, mit ihren Liedern, mit den Gebeten und mit dem Segen, den sie bringen, zu den Menschen.

Manche Zeitgenossen tun dies ab als Ausdruck kindlicher Volksfrömmigkeit und Brauchtum. Aber das Dreikönigssingen ist mehr, es ist die größte katechetische Aktion: Es ist gesungene Glaubensverkündigung – mit heilsamen Folgen für bedrohte Menschen. Was die Sterndeuter des Evangeliums erlebt haben und bezeugen, das tragen die heutigen Sternsinger zu den Menschen, in ihre Häuser, in ihr Leben, in ihr Herz, in ihren Alltag.

Das Evangelium von heute verkündet, dass die Weisen dieser Welt den neugeborenen Jesus gefunden haben und ihm huldigen. Das verkünden die Heiligen Drei Könige bis heute. Ein Stern hat ihnen den Weg gezeigt. Sie haben sich führen lassen. Im göttlichen Kind haben sie den wahren König gefunden, Jesus den Gottessohn, den Retter und Heiland aller Welt. Sie haben den gefunden, der alle Menschen liebt, besonders die Bedrohten in Schutz nimmt und gerade die Kinder in die Mitte stellt. Durch das Singen und Beten der Sternsinger in den Häusern für arme und bedrohte Kinder weltweit, durch die gesammelten Spenden werden viele Kinder im wahrsten Sinne des Wortes gerettet und geheilt. So geschieht durch Sternsinger heute, was durch Jesus Christus selbst geschehen ist.

Die Sternsingeraktion findet 2008 zum 50sten Mal statt. Sie ist die weltweit größte Aktion von Kindern für Kinder. Sie findet mit ihrer religiösen Botschaft bei den Menschen in unserem Land eine erstaunliche Resonanz. Fast eine halbe Milliarde Euro haben die Kinder und Jugendlichen in diesen fünfzig Aktionen für andere Kinder und Jugendliche ersungen. Führen wir uns die Zahlen vor Augen: Allein im Jahr 2007 haben die Sternsinger in Deutschland 38,8 Mio € gesammelt.

Mit diesen Geldern konnten über 2900 Projekte für Kinder in schweren Notsituationen in Afrika, Lateinamerika, Asien, Ozeanien und Osteuropa unterstützt werden. Bei dieser letzten Sternsingeraktion 2007 haben sich deutschlandweit ca. 500 000 Kinder und Jugendliche und ca. 80 000 Ehrenamtliche in mehr als 12.000 Pfarreien beteiligt. Die Sternsinger unserer Diözese sind dabei wie seit Jahren Spitze: Es zogen ca. 30.000 Sternsinger durch die Diözese Rottenburg-Stuttgart, das Ergebnis des Vorjahres wurde wieder übertroffen!

Ich führe dies so konkret aus, weil die Sternsinger ein Segen für diese Welt sind: Ein Segen für die Menschen, denen sie die Botschaft bringen, ein Segen für die Kinder, denen geholfen werden kann. Kinder sind begeisterungsfähig für diese zutiefst christlich-religiöse Botschaft: Gott ist uns als Retter, als Heiland erschienen. Das ist nicht nur ein frommer Gedanke oder eine schöne Tradition. Im Singen, Beten und Segnen der Kinder wird wirklich, dass das Heil von Jesus Christus her zu den Menschen kommt. Nicht als Theorie, sondern als wirksame Lebensmelodie zum Wohle anderer.

Abertausende von Kinder werden in aller Welt ganz konkret von dieser gesungenen Botschaft des Dreikönigsfestes profitieren. Vergessen wir nicht, dass diese religiöse Aktion ihren Ursprung im Kern der christlichen Botschaft hat. Kinder haben einen Sensus fürs Religiöse. Sie haben Freude an der Botschaft des Glaubens, wenn sie ihren Glauben leben und erleben können; wenn er sich sichtbar ausdrücken kann und wenn sie spüren, dass es anderen Freude macht, wenn sie Gutes tun. Mich erinnert das Dreikönigssingen an den Psalmvers: „Aus dem Mund der Kinder schaffst Du Dir Lob, o Herr!“ (Ps 8,3)

2. Rückblick auf das Jahr der Berufung
2.1 Jede und jeder trägt in sich eine Berufung

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Jede und jeder trägt in sich eine Berufung, einen Stern, der ans Licht kommen möchte, um so anderen zu leuchten. Davon handelt mein zweiter Abschnitt.

Im vergangenen Jahr haben wir in unserer Diözese das Jahr der Berufung durchgeführt. Dass Jesus Christus lebendig wird in den Christen unserer Kirche, das war und bleibt Ziel dieses Jahres der Berufung. Jedem und jeder von uns möge immer wieder neu aufgehen, dass die auf Christus Getauften eine unverwechselbare Berufung in sich tragen: „Wir alle sind Berufene“. Gott hat mit einem jedem Christgläubigen etwas vor. Dass die Gaben des Gottesgeistes, die in Jesus Christus in seiner ganzen Fülle Fleisch und Blut und Hand und Herz geworden sind, dass sie durch uns heute lebendig werden und rettend und heilend wirken, dazu ist jeder Christ berufen!

Manches ist geschehen im vergangenen Jahr: in den Kirchengemeinden unserer Diözese, in den Gruppen und Gemeinschaften, durch unsere Ordensleute, in der Jugendarbeit, bei jungen Menschen, die sich zu einem Beruf in der Kirche haben rufen lassen. Ich freue mich, dass viele sich neu dem Ruf Gottes stellen und sich je auf ihre Weise auf den Weg des Glaubens, des Liebens und des Hoffens gemacht haben. Ganz in der Absicht des Jahres der Berufung handeln alle, die sich aus ihrem christlichen Glauben heraus engagieren und tun, was ihrer Begabung, ihrer Berufung als Christ, ihrem Beruf entspricht.

2.2 Dank an alle, die aus christlich-religiösen Motiven handeln

Wir haben viele Ehrenamtliche in unserer Ortskirche Rottenburg-Stuttgart. Da sind viele Menschen, die sich als aus christlichem Geist Berufene verstehen und sich in vielerlei Weise engagieren: in Kirchengemeinderäten, im Diözesanrat und in den Dekanatsräten, in der Sakramentenkatechese, im Kirchenchor, bei den Ministranten, in der Jugendarbeit, für die Ökumene. Ich denke aber auch besonders an die verschiedenen sozialen und karitativen Dienste, in Kindergärten, im Religionsunterricht, in Verbänden, in der Pflege kranker und alter Menschen, in der Nachbarschaftshilfe, in Caritaskonferenzen und vielen anderen Einrichtungen mehr. Und nicht zuletzt: Viele in unserer Diözese beten für andere, beten für unsere Kirche.

Sie alle machen Christus lebendig bei den Menschen unserer Zeit. Ich danke ihnen dafür von Herzen! Unsere Kirche ist ganz wesentlich durch Menschen lebendig, die als Christen ihre Berufung leben. Und wir sind reicher an Geistesgaben an Glaubenskraft und Glaubenszeugnis als uns gemeinhin bewusst ist.

Im übrigen lebt nicht nur unsere Kirche, sondern auch unsere Zivilgesellschaft aus der im Ehrenamt fruchtbar werdenden, religiös motivierten Quelle. In einer Erhebung, auf die ich noch eigens zu sprechen komme, wurden Menschen befragt, ob sie ein unbezahltes Ehrenamt ausüben. Es bejahten dies 19% der als nichtreligiös eingestuften, aber 26% der durchschnittlich religiösen Menschen. Von den als ‚hochreligiös’ eingestuften Menschen widmet sich gar mit 43 % nahezu jeder Zweite einer freiwilligen und unbezahlten Aufgabe, also einem Ehrenamt : Religiöse Menschen engagieren sich deutlich häufiger ehrenamtlich als nichtreligiös eingestellte Menschen!

2.3 Wallfahrt der Jugend nach Assisi

Ein Höhepunkt im Jahr der Berufung war die Wallfahrt der Jugend im November nach Assisi. Diese Wallfahrt unter dem Motto ‚Gottes Ruf auf der Spur’, bei der ich die ganze Zeit dabei war, habe ich als großes religiöses Ereignis erlebt. Über 500 Jugendliche aus unserer Diözese wollten in Assisi der eigenen Berufung auf die Spur kommen.
Sie wollten das Leben und die darin zum Ausdruck kommende Spiritualität des heiligen Franz von Assisi kennen lernen, von dem es heißt, in ihm sei Jesus Christus für die Menschen wieder lebendig geworden.

Mit dieser religiösen Neugier erkundeten die Jugendlichen Assisi, die Kirchen, die Klöster und nicht zuletzt in Gesprächen den Glauben und die Religiosität ihrer Weggenossen. Ich habe in diesen Tagen erlebt: junge Menschen haben Freude am Glauben! Sie wollen diesen Glauben an Jesus Christus durch ihre Begabungen und Berufungen im eigenen Leben lebendig werden lassen. Christus ist für sie in diesen Tagen lebendig geworden und hat in ihnen und durch sie gewirkt. In wunderbaren Gottesdiensten und in dichten Gesprächen habe ich das selbst erlebt. Es hat allen sehr gut getan, aus der Situation der Vereinzelung herausgefunden zu haben, in der überzeugte junge Christen in der Schule, im Studium, im Berufsleben oft sind. Sie haben gemeinsam ihren Glauben feiern und andere in ihrer Spiritualität und Religiosität erleben können.

2.4 Jugend ist auf Religion und Spiritualität ansprechbar

Mir hat das Erlebnis dieser Jugendwallfahrt selbst viel Freude bereitet und Mut gemacht. Ich habe erfahren, dass junge Menschen auf Religiosität, auf Spiritualität ansprechbar und neugierig sind. Ja, dass sie mit ebenso großer Begeisterung wie Konzentration Eucharistie feiern wollen und können. Dass es ihnen gut tut, miteinander Kirche zu sein. Ich erlebe dies ähnlich bei den Jugendtagen, die unsere Frauenklöster veranstalten und bei denen sich jährlich viele Tausend Kinder und Jugendliche zu religiös anspruchsvollen Tagen zusammenfinden und positive Erfahrungen mit Kirche machen. Ich erzähle Ihnen von dieser für mich eindrucksvollen Erfahrung ganz im Sinne des Wortes: „was wir erfahren haben, das bezeugen wir“.

2.5 Religiöses Bewusstsein ist lebendig: Die Bertelsmannstudie

Meine Erfahrungen mit jungen Menschen finde ich in einer professionell durchgeführten und im Dezember 2007 von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Untersuchung bestätigt. Die großangelegte Befragung wurde durchgeführt, um mehr Wissen über die religiöse Weltanschauung in der modernen Gesellschaft liefern zu können. Das religiöse Empfinden und die religiöse Erfahrung sind dabei unabhängig von Kirchenmitgliedschaft erfasst worden. Eines der vielen Ergebnisse des ‚Religionsmonitors’ lautet: Junge Menschen können viel mehr mit Religion und Religiosität anfangen, als bisher vermutet. Ein Detail, das in den Zusammenhang meiner bisherigen Ausführungen fällt, kann wirklich überraschen. Es heißt in der Studie: „Wer als junger Erwachsener religiös ist, für den spielt der Glaube eine größere Rolle als für Ältere. Die Glaubenszustimmung der jüngeren Generation ‚erreicht einen Top-Wert’ heißt es. Insgesamt seien 52 % der 18- bis 29-Jährigen religiöse und 14% hochreligiöse Menschen.“

Wohl gemerkt, hier ist in unspezifischer Weise nach Religion und Religiosität erfragt worden und nicht nach Kirchlichkeit oder explizit christlichem Glauben: Aber die Studie zeigt, dass Religiosität als Anknüpfungspunkt für die Verkündigung der christlichen Religion von größter Bedeutung ist. Wir können und müssen die bei vielen Menschen vorhandene Religiosität wahrnehmen und ihr aus christlichem Geist eine Kultur anbieten, sodass – verkürzt gesagt - aus der ‚vagabundierenden Religiosität’ christliche Religion werden kann. Es geht darum, in die bunte Landschaft der Religiositäten so hineinzusprechen, dass die christliche Botschaft Aufmerksamkeit erweckt, die religiösen Bedürfnisse der Menschen aufgreift und sie aus christlichem Geist verwandelt.

3. Das Jahr der Berufung geht weiter
3.1 2000. Geburtstag des Apostels Paulus

In einem weiteren Abschnitt möchte ich das zu Berufung und Religiosität Gesagte aufgreifen und nach vorne blicken. Papst Benedikt wird Mitte 2008 zum 2000. Geburtstag des Apostels Paulus, des großen Missionars der Völker, ein Paulusjahr ausrufen. Benedikt XVI. möchte damit Paulus, diesen ebenso hochgebildeten wie tatkräftigen Mann, ohne den Europa so nicht geworden wäre, wie es geworden ist, nicht nur ehren. Er möchte ihn allen Christen vor Augen stellen als Zeugen des Glaubens, als missionarischen Menschen, der von seiner Christuserfahrung Zeugnis abgelegt und vor aller Welt davon geredet hat, wovon er überzeugt war.

„Wovon wir überzeugt sind, davon reden wir, was wir erfahren haben, das bezeugen wir“ (Joh 3,11): Für keinen sonst wie für Paulus gilt dieses Wort. Wir wollen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart die Initiative von Papst Benedikt aufgreifen, um auch das Anliegen der Berufungspastoral weiterzuführen und der Verwirklichung unserer Vision, missionarische Kirche zu sein, näher zu kommen. Paulus hat uns zum Thema Berufung, zur Sache der missionarischen Existenz eines Christen und zum Projekt einer ‚missionarischen Pastoral’ viel zu sagen. Ich möchte daher im folgenden auf ein für das missionarische Kirchesein wegweisendes Ereignis im Leben und Wirken des Paulus eingehen.

3.2 Glaubensverkündigung des Paulus auf dem ‚religiösen Markt’

Wer verstehen will, wie Paulus als Missionar handelt, wie er seine missionarische Existenz lebt und wie er sich in missionarischen Situationen verhält, der erhält besonders Auskunft in der Apostelgeschichte. Im 17. Kapitel stellt sie Paulus in Athen vor. Die Stadt stand zur Zeit des Paulus „als Stadt der Künste und der Wissenschaften in hohem Ansehen“ .
Zugleich berichten zahlreiche Quellen von der sprichwörtlichen Religiosität der Athener, die Stadt war ein regelrechter Schmelztiegel vieler Religionen und Kulte. In dieser Situation verkündet Paulus den christlichen Glauben, gerade in Athen mit seinen gebildeten, freien und doch ‚ungewöhnlich religiösen Bürgern’ (vgl. Apg, 17, 22b).

Wie macht er das? In Athen angekommen, geht Paulus zunächst durch die Stadt, nimmt die Situation wahr, hört, was die Menschen denken, was sie bewegt. Er spricht, wie die Apostelgeschichte berichtet, „täglich auf dem Markt mit denen, die er gerade antraf“ (Apg 17,17). Auf den zentralen Plätzen redet er von der Botschaft des Evangeliums Jesu Christi. Er spricht bewusst in die multireligiöse Vorstellungswelt der Menschen hinein. Und er tut das in den Denkkategorien seiner oft philosophisch gebildeten Gesprächspartner.
Hier vollzieht sich das, was wir in den Überlegungen zur missionarischer Pastoral als ‚anknüpfen’ bezeichnen.

Die Rede des Paulus auf dem Areopag, die „meist erörterte Rede der Weltliteratur“ , gilt als exemplarische Verkündigungs-Figur einer missionarischen Kirche. Die Rede des Paulus ist ein Höhepunkt in der ganzen Geschichte der Ausbreitung des frühen Christentums in der multireligiösen Welt der damaligen Zeit. Paulus und mit ihm das frühe Christentum scheuen sich nicht, auf dem Markt in aller Öffentlichkeit über ihren Glauben zu sprechen, ja ihn zu bezeugen. Darum lässt sich von Paulus zurecht sagen: ‚Wovon er überzeugt ist, davon redet er, und was er erfahren hat, das bezeugt er.’

Die ersten Adressaten waren religiös orientierte Menschen (‚Gottesfürchtige’), die also schon ein gewisses religiöses Interesse mitbrachten. Paulus fürchtet sich nicht vor diesen selbstbewussten Athenern und diskutiert mit ihnen, auch wenn sie ihm oft stolz und herablassend begegnen. Wer das Evangelium in einer solchen Welt verkünden will, muss mit Ablehnung rechnen. Seine athenischen Gesprächpartner halten Paulus für irgendeinen ‚Verkünder fremder Gottheiten’. Zwar rede Paulus, wie sie sagen, ‚recht befremdliche Dinge’, aber er erregt doch ihre Neugierde und sie wollen Genaueres wissen. So hält Paulus vor gebildeten, religiösen Menschen auf dem Platz Athens, auf dem es um die Sorge um das Gemeinwohl im umfassenden Sinne geht, seine sogenannte Areopagrede: das erste Dokument einer bewussten Auseinandersetzung des christlichen Glaubens mit dem Griechentum in missionarischer Absicht.

Paulus beginnt mit dem Hinweis auf eine Überfülle von heidnischen Altären, die er gesehen hat. Dabei hatte er unter den Heiligtümern auch einen Altar entdeckt, der die Inschrift trug: ‚Einem unbekannten Gott’. Daran knüpft er nun an und geht dabei einfühlsam und zugleich geschickt vor: Er nimmt zunächst die vielgestaltige, aber auch diffuse Religiosität auf, was eine erste Kontaktnahme erleichtert. Der freundliche Ton lobt die intensive Religiosität der Athener. Für Paulus ist es wichtig, suchende Menschen anzusprechen, die in ihrer Suche schon gewisse Ahnungen von Religiosität bekunden. Der ‚unbekannte Gott’ lädt da zur Weiterführung des Gesprächs geradezu ein. Paulus kommt dann bald zur Sache und öffnet seinen Zuhörern zunächst die Augen und Ohren: "Was ihr sucht, ohne es zu erkennen, das verkünde ich euch." (17,23)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, in unserer sich immer mehr säkularisierenden Welt, in der aber viele Menschen nach Sinn, Orientierung, nach einer religiösen Dimension suchen, bedarf es eben dieser ‚Areopag-Methode’ des Paulus. Denn dieser ist fest überzeugt, dass er den Athenern das Geheimnis dieses unbekannten Gottes entschlüsseln kann. Paulus zeigt den Athenern, dass hinter dem unbekannten Gott der Eine und Einzige steht, der Himmel und Erde erschaffen hat, der der Schöpfer aller Menschen ist und nicht in von Menschenhand gemachten Tempeln lebt. Er verkündet einen Gott, der nicht Ausdruck menschlicher Wünsche ist und eine unableitbare Selbständigkeit hat. Paulus knüpft dabei immer noch an die Gottesvorstellung seiner Zuhörer an.

Aber er zeigt auch die wesentliche Andersartigkeit dieses Gottes, der in unserer Welt wirkmächtig und zugleich der Herrscher der Welt ist. Die menschliche Situation, in der die von ihm Angesprochenen leben, nennt Paulus ‚Gott suchen’ (vgl. 17,27). Mehr als die rationale Erkenntnis rückt hier die existentielle Anerkenntnis in den Blick. Paulus ist zuversichtlich, dass alle Menschen Gott finden könnten. Er geht sogar so weit, dass er von einem ‚Ertasten’ Gottes, also von einer Art Berühren spricht. Denn, so Paulus in seiner Areopagrede, Gott ist „keinem von uns fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ (Apg 17,28)

Paulus ist der Überzeugung, dass Menschen auch in Zusammenhang der religiösen Dimension Religiosität konkret spüren, erfahren und mit allen Sinnen wahrnehmen möchten. Er kommt seinen Zuhörern durchaus entgegen, die die Kraft ihrer Götter in dieser Welt erleben möchten. Aber Paulus füllt die Transzendenz von der weltjenseitigen, lebensspendenden Gegenwart Gottes her und verwirft damit ein religiöses Denken, das nur allzu leicht Gott und die Welt identifiziert. Hier tut sich der ganze Riss zwischen dem biblischen Gott und den Götzen auf, wobei Paulus auch im klar markierten Unterschied noch von Gemeinsamkeiten ausgeht. Denn trotz dieser Klarheit, mit der er die Götter als Götzen entlarvt, geht Paulus verständnisvoll mit den Athenern um. Gott habe bis jetzt „über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen“ (17,30), verlange nun aber eine klare Umkehr, weg von ihrer Vielgötterei, Bilderverehrung und diffuser Religiosität.

Es sei dafür auch Zeit, denn Gott habe in der Offenbarung Jesu Christi den Menschen schlechthin sichtbar gemacht, der, beglaubigt durch die Auferweckung, Liebe und Gerechtigkeit in die Welt bringen kann. Hier erreicht Paulus sein argumentatives Ziel:

Seine missionarische Rede läuft auf Jesus und die Auferstehung hin. Aber hier scheiden sich nun die Geister. Paulus hat sich zwar mit seiner Botschaft souverän dem hohen geistigen Niveau der gebildeten Athener als geistig ebenbürtig erwiesen. Aber der Spott des Anfangs (vgl. 17,18) kehrt nun wieder. Die Athener vertrösten ihn höflich: „Darüber wollen wir dich ein andermal hören.“ (17,32)

Die vom Gesprächspartner erwartete Umkehr bringt einen eigenen und neuen Ernst in jedes Gespräch über Religiosität, Religion und Glauben. Hier muss der Mensch sich entscheiden. Die großartig angelegte und klug aufgebaute missionarische Rede des Paulus bewirkt keine Massenbekehrungen. Hier liegt die Grenze jeder öffentlichen Rede auch auf dem Markt der gegenwärtigen religiösen Eitelkeiten. Aber dieses ‚davon Reden, wovon er überzeugt ist’, war auch nicht umsonst. Als Paulus weggeht, heißt es: “Einige schlossen sich ihm an und wurden gläubig“, sogar ein Mitglied des Areopag und eine Frau, nämlich Dionysius und Damaris.

3.3 Paulus – Modell für missionarische Verkündigung

In dieser Szene auf dem Markt von Athen kommt modellhaft vieles zur Anschauung, was für eine ‚missionarische Kirche’ und das ihr angemessenes Verhalten wichtig ist. Es geht um das Anknüpfen bei dem, was der Mensch mitbringt, seine Kultur, seine Religiosität, Spiritualität usw. Es geht um das Zugehen auf den zeitgenössischen Menschen und um das Eingehen auf seine Sehnsüchte. Aber es geht auch um das Offenlegen von Irrwegen, um den Widerspruch gegen die Götzen und um die Einladung zur Entscheidung. Anknüpfungsmöglichkeiten der christliche Botschaft sollten dort gesucht werden, wo Menschen sich selbst als ‚heilungs- und heilbedürftig’ empfinden.

Jesus Christus kann als der Retter nur erschlossen werden, wo ‚Gestimmtheiten’ von Unerlöstsein bei Menschen aufgespürt, zur Sprache gebracht und als der Erlösung bedürftig gedeutet und auch kritisiert werden können. Der Aufbruch von Religiosität und Religion aller Schattierungen in den ‚postmodernen Zivilisationen’ signalisiert die Unzufriedenheit vieler Menschen mit dem bloß Vorhandenen. Die religiöse Suche vieler Menschen ist ein erster Aufbruch auf einem Weg, von dem sie hoffen, er möge sie zu einer wie auch immer gearteten anfanghaften Erlösung führen.

Bei aller Betonung der personalen Verantwortung des Menschen dürfen wir nicht übersehen, dass die Menschen heute einem Ensemble gesellschaftlich und medial vermittelt wirkender Kräfte ausgesetzt sind, denen sie sich nur schwer zu entziehen vermögen. In der kulturellen Gestimmtheit der Menschen unserer Gesellschaft gibt es kollektive und individuelle ‚Inseln eines präevangelischen Klimas’. Sie müssen aufspürt und im Sinne von ‚aufnehmen, annehmen, verwandeln’ in einer missionarischen Pastoral für das Nahebringen der christlichen Heilsbotschaft genutzt werden.

3.4 Diakonisch – missionarisch – konfessorisch bilden eine Einheit

Bei all dem ist Glaubwürdigkeit gefragt. Zu dieser Glaubwürdigkeit gehört das, was ich in den letzten Jahren zum Thema diakonische Kirche entwickelt habe, dass nämlich Nächstenliebe, individuell und institutionell praktiziert, zum Wesen des Christentums gehört und unverzichtbar ist. Nur eine diakonische Kirche kann im Zusammenhang mit der Rede von unseren Überzeugungen und dem Zeugnis unserer Erfahrungen eine missionarische Kirche sein! Diakonisch, konfessorisch und missionarisch bilden in der Kirche eine Einheit.

4. Wallfahrt mit den Dekanen ins Heilige Land

Im Zusammenhang mit meiner Überlegung, dass Glauben, Religion und Religiosität immer auch mit der Möglichkeit konkreter Erfahrungen und Erlebnisse zu tun hat, möchte ich Ihnen abschließend von einer geistlichen Reise berichten, die ich in diesem Jahr vorhabe. Seit dem Jahr 2000 haben wir diözesanweit zahlreiche Strukturreformen durchgeführt. Angefangen von den Seelsorgeeinheiten über die Errichtung von 100 neuen muttersprachlichen Kirchengemeinden bis hin zur geographischen Neuumschreibung und inneren Reform der Dekanate. Von allen Restrukturierungen, aber besonders von der Reform der Dekanate waren die Dekane als die pastoralen Führungskräfte der mittleren Ebene unserer Diözese betroffen.

Ich habe deshalb die Dekane der jetzt 25 Dekanate der Diözese Rottenburg-Stuttgart zu einem geistlichen Ereignis, zu einer Pilgerreise ins Heilige Land eingeladen. Die Pilgerreise ins Heilige Land wird uns im März an die zentralen Heiligen Stätten der christlichen Offenbarungsreligion führen. An die Orte des Lebens, des Lehrens, des Heilshandelns und schließlich des Sterbens Jesu und seiner Auferweckung von den Toten. Ich erhoffe mir von dieser Pilgerreise mit den Dekanen ins Heilige Land einen geistlich-religiösen Impuls. Die Dekane als kirchliche Führungskräfte sind - wie der Bischof auch - nicht einfach Manager in Strukturen.

Sie sind mehr und anderes. Sie führen und leiten die Dekanate als Priester, sie tragen ebenso Verantwortung für die Glaubensverkündigung und Sakramentenspendung, wie für ihre Mitbrüder im priesterlichen Amt und für alle pastoralen Mitarbeiter im Dekanat. Gerade als Führungskräfte sind und bleiben sie Geistliche. Um darin gemeinsam Stärkung zu erfahren, werde ich mit ihnen die Heiligen Stätten des Christentums als Pilger besuchen. Als Pilger, die sich von der Heiligen Schrift, der Erfahrung des Heiligen, den Stätten des Heiligen Landes prägen lassen. Ich hoffe, wir werden danach in vielfacher Weise ‚bezeugen, was wir erfahren haben’ (Joh 3,11).

5. Neujahrsgruß

Verehrte, liebe Gäste! Liebe Schwestern und Brüder!

„Wovon wir überzeugt sind, davon reden wir, was wir erfahren haben, das bezeugen wir.“ (Joh 3,11)

Mit diesem Wort aus dem Nikodemusgespräch habe ich meine Ansprache überschrieben. Und in den einzelnen Abschnitten habe ich versucht, verschiedene Dimensionen dieses Wortes vorzustellen. Ich möchte Sie alle, liebe Schwestern und Brüder, dass wir unser Christsein in Dankbarkeit gegenüber Gott und mit Augenmaß vor den Menschen selbstbewusst leben.

Wir haben allen Grund dazu, zu unseren Zeitgenossen davon zu reden, was uns an Überzeugung erfüllt und das zu bezeugen, was wir im eigenen Leben und im Zusammenleben als Christen in der katholischen Orts-Kirche von Rottenburg-Stuttgart Ermutigendes erfahren haben. Das im Glauben an das Evangelium Erfahrene und die christlichen Überzeugungen sind heilsam für dieses Land, für die Menschen, die hier leben und wohnen und nicht zuletzt heilsam für uns selbst. In diesem Sinne hoffe ich, dass es uns gelingt, miteinander missionarisch Kirche zu sein.

Ich wünsche Ihnen, uns allen, ein gesegnetes Jahr 2008!