Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt am 50. Jahrtag der Verabschiedung und Promulgation des Ökumenismusdekrets des Zweiten Vatikanischen Konzils

Stuttgart, Konkatedrale St. Eberhard

Schrifttexte: Ps 11; Röm 5,1-11

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Zum 50. Mal jährt sich heute die Verabschiedung und Veröffentlichung des Dekrets zur Ökumene des Zweiten Vatikanischen Konzils. Und so möchte ich auch gleich mit einem Zitat beginnen. In dem Dokument heißt es: „Diese Einheitsbewegung (…) wird von Menschen getragen, die den dreieinigen Gott anrufen und Jesus als Herrn und Erlöser bekennen, und zwar nicht nur einzeln für sich, sondern auch in ihren Gemeinschaften, in denen sie die frohe Botschaft vernommen haben und die sie ihre Kirche und Gottes Kirche nennen.“ (UR1)

Es war ein Paukenschlag vor genau 50 Jahren, solche Worte aus katholischem Munde zu hören. Durch die Taufe, so würdigt das Konzilsdokument, sind wir Christen, sind wir Brüder und Schwestern im Herrn! Welch ein Geschenk, das für unsere Kirchen mit dem heutigen Datum verbunden ist!

„Ist den Christus zerteilt?“ fragte bereits der Apostel Paulus die streitsüchtigen Korinther (1 Kor 1,13). Und mit seiner Frage provoziert er die Antwort: natürlich nicht. Und so können wir es als ein großes Verdienst Papst Johannes XXIII. werten, dass er den Anstoß dazu gab, knapp 2000 Jahre später mit dem Konzil ausdrücklich ökumenische Absichten zu verbinden. Die klare Ansage Johannes XXIII. lautete: „Wir wollen nicht aufzeigen versuchen, wer Recht und wer Unrecht hatte. Die Verantwortung ist geteilt. Wir wollen nun sagen: kommen wir zusammen, machen wir den Spaltungen ein Ende.“ So weit sind wir leider noch nicht!

Aber ich freue mich, dass wir, liebe Schwestern und Brüder, heute zusammengekommen sind, gemeinsam dieses entscheidenden Schrittes der Annäherung unserer beiden großen christlichen Konfessionen zu gedenken. Ich habe bewusst hier nach Stuttgart in St. Eberhard eingeladen. Ist doch gerade die Stadt mit der Konkathedrale der Diözese Rottenburg-Stuttgart ein Spiegel der wechselvollen Geschichte, aber seit Jahrzehnten vor allem auch des Miteinanders der katholischen und der evangelischen Kirche.
Vor 50 Jahren sahen es die Konzilsväter als eine ihrer Hauptaufgaben an, eine Initiative zu starten zu helfen, dass die Einheit aller Christen neu gefunden werde. Denn, so hält das Konzil fest: „Eine solche Spaltung widerspricht ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen“ (UR 1).

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,
Katholisch sein, heißt seither Ökumene zu leben – vereint im dreifaltigen Gott und untereinander. Und Ökumene zu leben heißt Gemeinsames zu entdecken, zu würdigen und zu feiern, sich gegenseitig zu bereichern und zu beschenken mit dem, was wir je in der Geschichte bewahrt haben. – Einander zu zeigen, was man liebt, dazu sind wir ermutigt und beauftragt. Es ist die Botschaft des Zweiten Vatikanischen Konzils in Hinblick auf unsere beiden Konfessionen, dass aus zwei über die Jahrhunderte getrennten Brüdern miteinander verbundene Brüder und Schwestern wurden.

Der Blick zurück in die Geschichte öffnet zugleich den Blick in die Gegenwart! Drei Jahrzehnte nach dem Konzil warf Papst Johannes Paul II. die brennende Frage erneut auf: „Wie lang ist der Weg, der noch vor uns liegt?“ so fragte Johannes Paul II. in seiner Enzyklika über die Ökumene „Ut unum sint“. Und bereits vor zwanzig Jahren bringt er damit eine Sehnsucht zum Ausdruck, die bis heute spürbar ist und die uns im Herzen brennen muss!

In den Abschiedsworten Jesu im Johannesevangelium heißt es: „Alle sollen eins sein: Wie Du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein (…). So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.“ (Joh 17,21-23)

Mit diesen Worten hat uns Jesus Christus aufgetragen, so miteinander in innigster Liebe verbunden zu sein, wie Gott Vater und Sohn selbst in innigster Liebe verbunden sind. Welch eine Auforderung! Der Weg zu einer gelebten Einheit der Christen hat seinen Ursprung in Jesus Christus selbst! Er ist Grund und gemeinsames Leitbild unserer christlichen Kirche. – Jesus Christus: Er wurde Mensch um unseres Heiles willen; er heilt Zerrissenes und Verletztes! Jesus Christus: Seine erlösende Botschaft will die Herzen möglichst vieler Menschen erreichen und verwandeln. – Er hat für uns Menschen gelebt und gehandelt. Und für uns ist er gestorben, damit wir heil werden und Heil erlangen.

An Christus erleben wir wie Gott zu uns ist und zu welcher Liebe wir berufen sind. Ökumene kann deshalb vor allem dann Früchte tragen, wenn sie ihre Kraft aus dem gläubigen Bekenntnis zu Jesus Christus erschließt. In seiner Nachfolge können wir gemeinsam befreit und gelassen die gemeinsame Wurzel unseres Glaubens entdecken und gangbare Wege der gegenseitigen Verständigung beschreiten. Im Bekenntnis zu Jesus Christus kann das gemeinsame gelebte Zeugnis der Christen Spaltungen überwinden und Sympathie, Solidarität und Versöhnung stiften und Gemeinschaft im Glauben finden. Die Zusage dazu haben wir mit unserer Taufe erhalten; dies betont das Ökumenismusdekret sehr deutlich. Denn bereits der Apostel Paulus schreibt: „Aufgrund der Taufe sind wir alle Glieder des einen Leibes Christi“, heißt es im 1. Korintherbrief (1 Kor 12,12). Dieses in der einen Taufe geschenkte gemeinsame und unauflösliche Band, das uns mit Jesus Christus verbindet, fordert unsere Kirchen sowie jede und jeden Einzelnen von uns heraus. Es ist Aufgabe, Verpflichtung und diakonischer Auftrag an uns, im Miteinander den gemeinsamen Grund unseres Glaubens zu teilen, zu leben, zu bekennen, zu bezeugen.

Insbesondere mit dem Blick auf die Krisenherde der Welt ist Ökumene geradezu dringende geistliche Weisung und Herausforderung, die sich aus der Wahrnehmung der Zeichen der Zeit ergibt. „Die Glaubwürdigkeit der christlichen Verkündigung wäre sehr viel größer, wenn die Christen ihre Spaltungen überwinden würden“, schreibt Papst Franziskus ganz aktuell in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium. (EiG 244)

In einer Zeit der zunehmenden Säkularisierung und wachsender Herausforderungen in der Gesellschaft, in einer Zeit, in der Religion in die Privatsphäre zurückgedrängt werden soll, intellektuelle und reelle Hinterstübchen zurückgedrängt werden soll, in einer Zeit, in der Christinnen und Christen an vielen Orten der Welt wegen ihres Glaubens bedroht, verfolgt und vertrieben werden, müssen wir eine gemeinsame Sprache finden, die die Menschen erreicht und die sie zu trösten und ihnen Hoffnung zu geben vermag. Das ist die ökumenische Herausforderung vor der wir alle – auch 50 Jahre nach dem Dekret zur Ökumene des Zweiten Vaticanum gemeinsam stehen!

So wird Kirche, so werden Kirchen, so werden wir Christen – jede und jeder Einzelne von uns – zum Zeichen und Werkzeug der heilsamen Nähe Gottes! So wird der gemeinsame Glaube an Jesus Christus, für uns getaufte Christinnen und Christen die Basis unserer Einheit. Denn das Fundament das Gott und die Menschen und uns Menschen untereinander verbindet, ist die Liebe, die durch Jesus Christus um unseres Heiles willen in unserer Welt Mensch geworden ist.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
„Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Mehr noch, wir rühmen uns Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn, durch den wir jetzt schon die Versöhnung empfangen haben.“ Dies sind Worte des Apostels Paulus, die wir vorhin in der Lesung gehört haben und dies ist zugleich die Hoffnung, die uns verbindet und die uns bis heute trägt. – 50 Jahre nach den Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Amen.