Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt am Ersten Weihnachtsfeiertag 2006

Rottenburg, Dom St. Martin

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor wenigen Tagen, noch im Advent, aber schon als Vorbote des Weihnachtsfestes brachten mir Kinder das Friedenslicht von Bethlehem ins Bischofshaus. Dieses Friedenslicht wird Jahr für Jahr von einem Kind in der Geburtsgrotte Jesu in Bethlehem entzündet. Von dort aus tritt das Licht des Friedens seine Reise an - zu den Menschen in alle Welt: in viele Länder, in die Wohnungen und Kirchen, in unsere Schulen, in die Häuser der Kranken, zu denen ohne Obdach, zu den Heimatlosen, zu den Einsamen und auch zu Menschen, die Verantwortung tragen.

Als die Kinder die Flamme des Friedenslichtes bei mir entzündeten und dabei ihr Friedenslied sangen, wanderten meine Gedanken dorthin, wo dieses Friedenslicht seinen Anfang nimmt: an den Ort Bethlehem in Palästina.

Liebe Schwestern und Brüder! Da spätestens erwachen wir aus romantischen Gefühlen. Jedem wird spürbar, dass Menschen dort, dass wir hier und überall das Licht des Friedens brauchen wie das tägliche Brot. Ohne Frieden stirbt alles ab. Ohne Frieden zerstören Not und Leid, Schmerz und Hoffnungslosigkeit das Leben. Wir leben vom Frieden und wir sterben am Unfrieden.

Deshalb ist es nicht ohne Sinn, sondern geradezu lebensrettend, wenn wir immer wieder aufs Neue – alle Jahre wieder! - uns dieser Friedensbotschaft erinnern, dieses Friedenslicht in uns und für andere neu entfachen lassen. Am Weihnachtsfest nimmt die Rettung des Lebens seinen Anfang. Darum weiß das Evangelium, wenn die Gottesboten in der Weih-Nacht verkünden: „Heute ist euch der Retter geboren, der Messias.“ (Lk 2,11)

Und dieses Gerettetwerden beginnt im Alltäglichen. Da, wo wir zusammenleben, wird halt oft gestritten. ... Und dieses Gerettetwerden geht ins Große, wenn Hass statt Verständnis, Kälte statt Gemeinschaft, Schweigen statt Dialog, Krieg statt Frieden uns beherrschen: In diese Friedlosigkeit hinein empfangen wir mit Weihnachten den tiefsten und schönsten Grund dafür, doch daran zu glauben, dass letztlich Frieden das rettende Wort Gottes ist für unsere Welt und ihre Zerrissenheit. Friede, Gottes wirkmächtiges, befreiendes Wort Friede, ergeht an uns in der heiligen Nacht. „Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Frieden bei den Menschen seiner Gnade.’ Weihnachten eröffnet Gottes Zusage auf einen neuen, umfassenden, Herz und Welt verwandelnden Frieden. Friede – auch Abwesenheit von Streit, Hass und Gewalt, aber Friede noch viel mehr: volles Heil Gottes für die Menschen, wunderbare und heilsame Nähe Gottes bei uns. Frieden, den Gott uns bereitet, der unser gesamtes Leben, unsere Beziehungen und die ganze Welt heilsam verändert.

Die Propheten des Alten Bundes, die wir während des Advents hörten, rufen die Hoffnung auf den großen Frieden schon aus. Vor allem durch Jesaja sagt Gott ganz Unglaubliches an: Die Menschen "schmieden Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. (Jes 2,4). Vom Friedensbringer verkündet Jesaja: „Du zerbrichst das drückende Joch, das Tragholz auf unserer Schulter und den Stock der Antreiber.“ (Jes 9,3.f.)

Und noch mehr: Jesaja spricht gar von einem Sohn, der geboren wird, von einem Fürsten des Friedens, der seinen Wirkungskreis leben lässt durch Recht und Gerechtigkeit. "Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer, Ratgeber, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Fürst des Friedens. Sein Friede hat kein Ende" (Jes 9,4-6).

Auf seine Weise, bricht in Jesus von Nazaret – geboren in Bethlehem - dieses Friedensreich an, nicht durch politische Macht und Sicherheitsdoktrinen. Gott geht in Jesus einen Weg in menschlicher Ohnmacht. Schon in der Armseligkeit der Geburt des Gotteskindes kündigt sich sein künftiger Weg an. Jesus ist anders als die Herren dieser Welt.

In Jesus will Gott keine andere Macht zum Heil der Menschen ausüben als die Macht der Liebe. Wir sind heute genauso überrascht wie die Hirten auf dem Feld.

Zeichen der Hoffnung ist ein Menschenkind. Darin liegt der Grund für unsere Hoffnung: Gott setzt auf die unwiderstehliche Kraft der Liebe. Das Kind in der Krippe Anfang einer neuen Zeit: der Weg von Liebe und Menschwerdung.

Jesus, jenes Kind in der Krippe, wird diesen Weg der Menschwerdung in Liebe Zeit seines Lebens ausgestalten. Jesus wird das leben, was Gott uns zu Weihnachten verkünden lässt: Frieden.

Jesus wirkt als der Friedensbringer aus dem Herzen Gottes.

Den Weg, wie Friede und Versöhnung unter den Menschen Wirklichkeit werden kann, hat Jesus in den Seligpreisungen der Bergpredigt gewiesen. Es ist gut, ruft Jesus dort aus, wenn Menschen gewaltlos und freundlich miteinander umgehen. Er nennt diejenigen selig, die um den Frieden bemüht sind: die Friedfertigen.

Durch sein Leben macht Jesus wahr, was er in der Bergpredigt verkündigt. Selbst denen gegenüber, die ihn dem Tode auslieferten, blieb er gewaltlos, friedfertig.

Angestoßen ist damit ein unter uns Menschen ungewöhnliches Verhalten. Ein neuer, vom Geist und der Gesinnung Jesu bestimmter Umgang miteinander. Wo der Regelkreis von Unrecht tun und Unrecht heimzahlen unterbrochen wird, da wird der Gewalt Einhalt geboten. Erlöst ist, wer so Frieden lebt; ihm ist der Retter schon erschienen. Im Kampf der Menschen ist Frieden stiften ein mühseliger Prozess. Er wird uns nicht gelingen, wenn wir damit nicht in unserem Herzen beginnen. Wenn wir aber da, wo wir leben, gewaltlos miteinander umgehen, zum Frieden und zur Versöhnung bereit sind, auf Schlag und Gegenschlag verzichten, wird dies nicht ohne Wirkung bleiben auf den Frieden im Ganzen der Welt. Wo es bei seiner Sache ist und bleibt, ist das Christentum die größte globale Friedensbewegung. Kirche ist nicht nur weltweit zukunftsfähig, sondern geradezu zukunftseröffnend: denn wir leben vom Frieden oder wir sterben am Unfrieden der Gewalt.. Überall in unserer Welt, wo christliche Gemeinden ihre, ihnen anvertraute Friedensbotschaft wirklich leben, ist die neue Welt schon angebrochen. Aber wenn Gottes Friedens-Geist unser Leben verwandelt, werden wir selbst zu Friedensstiftern.

So wird der weihnachtliche Frieden immer wieder neu lebendig. Oder um mit der Weihnachtsbotschaft des Engels zu sprechen: Verherrlicht ist Gott, der unsere Herzen zu verwandeln vermag - und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade, seiner Liebe - den Menschen, die von seiner Liebe leben und sie als eigenen Lebensquell annehmen.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen von ganzem Herzen frohe und vor allem fried-volle Weihnachten. „Der Friede sei mit euch!“ Amen.

 

Anmerkung der Redaktion: Es gilt das gesprochene Wort.