Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt am Ersten Weihnachtsfeiertag 2011

Stuttgart, Konkathedrale St. Eberhard

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist gut, dass wir heute Weihnachten feiern, das Fest der Geburt Jesu. Nach all den Vorbereitungen der letzten Tage können wir zur Ruhe kommen, den festlichen Gottesdienst begehen, die Botschaft von Weihnachten auf uns wirken lassen.

Was mussten wir im zurückliegenden Jahr nicht alles über uns ergehen lassen. Was hat uns nicht alles aufgeregt. Welch unruhige und beunruhigende Zeiten haben wir erlebt! Und stecken mitten drin. In den Ereignissen der Gesellschaft, in der Schulden-Krise Europas und nicht zuletzt selbst in unserer beunruhigten Kirche. Und vermutlich ist auch Ihnen ganz persönlich manch Belastendes widerfahren. So feiern wir in stürmischen Zeiten das Fest der Freude und des Friedens. Es ist gut, dass wir jetzt innehalten und uns besinnen können auf das, was Weihnachten uns bringt.

Ein Wort in den Evangelien des Neuen Testamentes spricht mich selbst in diesen beunruhigenden Zeiten immer wieder an: „Kommt zu mir, ich will euch Ruhe verschaffen. ... So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“ (Mt 11,28) Diese Worte versprechen viel, sie stammen von dem, dessen Geburtsfest wir heute feiern: von Jesus von Nazareth, dem Gottessohn und Menschensohn. Jesus sagte dieses einladende Wort schon seinen aufgeregten Jüngern.

Heute sind SIE, liebe Schwestern und Brüder, dieser Einladung Jesu ge-folgt, bei IHM zur Ruhe zu kommen. Vielleicht ganz unbewusst und doch in der Ahnung und leisen Hoffnung, hier in der weihnachtlich-festlichen Liturgie aufatmen können, innere Ruhe finden und ein Wort zu hören, das Sie sonst nirgendwo vernehmen, eine Gabe empfangen, die sonst nicht zu haben ist.

 

Wie selten in einer Zeit zuvor sind Menschen heute auf der unruhigen Suche nach einem Lebenssinn, der jenseits des bloß Materiellen und allein Diesseitigen liegt. Viele suchen nach einer geistlich-spirituellen Orientierung, die über das alltägliche Einerlei hinausführt in ein Leben der Erfüllung und der Freude.

Menschen spüren doch, dass in aufreibenden Zeiten die Flucht in Konsum, in Besitz und Geld den unruhigen Menschennicht rettet.

In Zeiten, die Menschen Angst machen, helfen auch nicht die wohlfeilen Sonderangebote und die allfälligen Glücksverheißungen. Was hilft, ist Aufbrechen und Suchen nach mehr als allem. Und so suchen viele nach dem, was wirklich trägt, was Leben erhält und Zukunft erschließt.

Die jungen Leute sagen: wir müssen viel ausprobieren, damit wir heraus-finden können, was gut für uns ist. Aber warum selbst da experimentieren, wo uns im Tiefsten schon Gegeben ist, was wir zum Glück brauchen und wir es nur Finden müssen? Die Freude beginnt, wenn aus dem Suchen ein Finden wird.

Den Hirten auf dem Feld ist wie den suchenden Menschen von heute die Zeit geschenkt zu finden, was kein Mensch sich selbst machen kann. Zu finden, was hilft, was heilt, was unser Leben nicht verloren gehen lässt.

Das Weihnachtsevangelium des Jahres 2011- aufgezeichnet für uns vom Evangelisten Lukas (Lk 2, 1-20) - verkündet in der Heiligen Nacht und am Morgen des Ersten Feiertages: „Heute ist euch der Retter geboren“ (Lk 2,11) - Die Hirten hören, was die himmlischen Boten verkünden. Sie lassen sich rufen, sie brechen auf und ermuntern sich gegenseitig „Kommt wir gehen nach Bethlehem, um das Ereignis zu sehen.“ (Lk 2, 15b) Das Ereignis, das sie sehen wollen, ist die Geburt Jesu. Christ der Retter ist da! Das Kind wird schließlich - groß geworden und weise - in seinem Wirken zeigen, wie er die suchenden, die unruhigen oder gar verlorenen Menschen heilt und rettet. Das Finden des Gottes, der in Jesus von Nazareth ganz einer der Menschen geworden ist und der leibhaftig eingetaucht ist in das Leben des Menschen und so Anteil nimmt an seiner Menschlichkeit, das hilft, das rettet und führt weiter. Diesen Gott zu finden in Jesus von Nazareth, erfüllt mit Glück und Staunen.

Paul Gerhardt hat 1653 wenige Jahre nach den erschreckenden Unruhen und furchtbaren Wirren des Dreißigjährigen Krieges sein freudiges Finden Gottes in dem von ihm gedichteten Weihnachtslied so ausgedrückt. „Ich steh an Deiner Krippe hier, o Jesus Du mein Leben“(GL 141). Gleichsam mit den Hirten von damals ruft er Jesus zu: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nicht weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen.“

Die Botschaft des Weihnachtsfestes mit der Geburt des Gotteskindes in der Krippe als dem Beginn des menschlichen Lebens des göttlichen Retters Jesus Christus bringt die Antwort auf die suchende Unruhe des Menschen auch unserer Tage. In staunender Ruhe den zu finden, der Rettung für uns ist in all dem Wirrwarr. „Fürchte dich nicht, ich bin bei Dir!“ ruft es ihm aus der Krippe entgegen.

Menschen unserer Zeit dabei zu helfen, diese Botschaft zu hören, sie zu finden, sie anzunehmen und daraus zu leben, das ist der Auftrag der Verkündigung der Kirche. Alle Dialoge und Erneuerungen sind dieser Aufgabe geschuldet.

Gott hat sich in Jesus von Nazareth, vom göttlichen Kind in der Krippe bis hin zu dem sich am Kreuz für uns Menschen opfernden Gottessohn als der gezeigt, dem das Wohl des Menschen am Herzen liegt, für ihn einsteht, sich für ihn her- und hingibt. Immanuel – „Gott ist mit uns“ - heißt der bei uns angekommene Jesus. Gott mit uns in Jesus Christus: in seiner uns befreienden Lebensart, mit seiner Menschen erlösenden Liebe, mit seiner Leben stiftenden Barmherzigkeit.
In der Lebensgeschichte des an Weihnachten ganz Mensch gewordenen Gottes zeigt sich die aus Gott stammende wirklich rettende geistliche Grundhaltung, auf die wir Christen getauft sind: Selbst in Gott ruhend ganz da sein für den nächsten Menschen und sich dabei nicht stören zu lassen von gegenläufigen Mächten – auch wenn es mich was kostet.

Dies gilt nicht nur für den einzelnen Christen, sondern auch für die Gemeinschaft der Glaubenden, für die ganze Kirche Jesu Christi. Eine Kirche, die von dem rettenden und das Wohl und die Heilung des Menschen wollenden Gott her lebt und wirkt, kann selbst wie zu einer Rettungsgemeinschaft; eine Gemeinschaft, in der Menschen mit ihren Sorgen, Ängsten und Einsamkeiten, mit ihren Verlorenheiten gerne wohnen können. Wo die kirchliche Verkündigung so zur Sache Gottes gefunden hat, wo das Herzens-Anliegen Jesu in ihr sichtbar, spürbar wird und durch sie wirkt, da kommt die Weihnachtsbotschaft an.
Amen.