Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt am Ersten Weihnachtsfeiertag 2014

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttexte: Jes 52, 7-10, Hebr 1,1-6, Joh 1,1-18
Predigttext: Lk 2,1-14

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir feiern Weihnachten. Und das in einer von Gewalt erschütterten Welt: Menschen sind auf der Flucht vor Bürgerkrieg und Terror, vor grausamsten Verfolgungen, vor Armut und Hunger. Dies dürfen wir besonders heute nicht vergessen. Denn was zur Zeit geschieht, erschließt uns eine Dimension von Weihnachten, die wir leicht übersehen. Im Weihnachtsevangelium des Lukas, wir kennen es aus der Heiligen Nacht, hören wir nämlich auch eine Geschichte von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, die nach tagelangem Marsch zwischen Nazareth und Bethlehem endlich ihr Ziel erreichen, und doch keine menschenwürdige Unterkunft finden.

In dieser Weihnachtsgeschichte von Maria, Josef und Jesus, spiegelt sich das Schicksal der vielen Flüchtlinge unserer Tage. Mitten hinein in das Drama von Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit und Abweisung wird Gott Mensch. Er teilt unser Menschen-Schicksal. Jesus, der Gottes-Sohn, teilt von Anfang an besonders das Leben derer, die zu den Verlierern gehören, zu den Verlorenen dieser Welt. Jesus, der Menschen-Sohn erlebt im Anfang seines Lebens das Los vieler Menschen in der Fremde ohne Herberge am eigenen Leib.

„Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft. Sie wickelt das Kind in Windeln und legt es in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie ist."(Lk 2,6) In der Fremde und abgewiesen von jeglicher menschlichen Unterkunft wird das göttliche Kind im Stall geboren und liegt im Futtertrog der Tiere.

Und schon bald folgt auf die Geburt im Stall erneut die Flucht in ein fremdes Land. In wenigen Tagen, am Fest der Heiligen Familie, hören wir davon. Der Engel ruft Josef zu: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh, denn Gewalttäter stellen dem Kind nach und wollen es töten. — Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter". (Mt 2,13.14) Jesus wird zum Verfolgten und zum Flüchtlingskind. Kaum geboren, ist der Menschensohn schon wieder auf der Flucht.

Gott selbst tritt als Kind im Stall und als Kind von Eltern auf der Flucht ein in die notvollen Situationen menschlicher Existenz. Er geht selbst hinein in das Schicksal der Verfolgten, der Flüchtenden, der Heimatlosen und teilt das grausame Leben der Abgewiesenen und Ausgegrenzten. Gott steigt in diesem Kind hinunter in die äußersten Verlorenheiten des Menschen und ist dort da.

Das ist die wirkliche Freude des Weihnachtsfestes: Keine Not des Menschen, und sei sie scheinbar noch so gott-verlassen ist gott-los. Gott ist gerade und besonders bei den Verlorenen, ja in ihnen wohnt er unter uns. Nirgendwo sind wir von Gott verlassen - auch dort, wo wir selbst wie Verlorene sind und auf der Flucht.

Von dieser Gewissheit kommt die wahre Freude des Weihnachtsfestes. Wer aus dieser weihnachtlichen Freude lebt, wird sich selbst auf die Seite der Verlorenen stellen und ihnen helfen. Die 2000 Menschen, die vorgestern Abend auf dem Rottenburger Marktplatz - hier vor dem Dom - gegen den Überfall auf die zwei Afrikanerinnen demonstriert und sich mit den Flüchtlingen solidarisch erklärt haben, diese 2000 Menschen haben viel vom Geheimnis der Weihnachtsbotschaft begriffen, auch wenn sie sich vielleicht nicht direkt darauf beziehen. Wir sind allen dankbar, die damit gezeigt haben: „Flüchtlinge sind willkommen.“

Wer aber unter dem Vorwand, das christliche Abendland vor Überfremdung bewahren zu wollen, Flüchtlingen Hilfe verwehrt, der verrät gerade die christlichen Werte, auf denen das Abendland gründet. Die Anhänger der Pegida-Bewegung merken offensichtlich gar nicht, wie sehr sie selbst dem Geist des christlichen Abendlandes zuwider handeln! Wer christliche Weihnachtslieder singt, wie dies Tausende Pegida-Anhänger bei ihrer Demonstration in Dresden getan haben, der muss auch den Sinn der Lieder erfassen. Sie handeln nämlich von der Weihnachtsgeschichte und drücken aus, dass Gott in Jesus mit den Verlorenen, den Bedrängten und Abgewiesenen ist: dass ER ihr Retter ist. In seiner, in Gottes und Jesu Spur, sind wir Christen aufgerufen, Flüchtlingen und allen Menschen in Not zu helfen, welcher Religion auch immer sie angehören.

So möchte ich meinen Weihnachtsgruß in einen weihnachtlichen Dank kleiden: Allen, die Menschen auf der Flucht unterstützen und begleiten oder beherbergen, danke ich von Herzen. Ihr Beispiel lässt glaubwürdig aufleuchten, dass Gott heute besonders dort, heilvoll wirkt, wo Menschen verloren zu gehen drohen, im Leben gefährdet sind und doch gerettet werden!

So können wir am Ende unserer Weihnachtsmesse dann aus vollem Herzen singen: „Welt ging verloren, Christ ist geboren", - auch in unseren Herzen und durch unser Handeln - "freue Dich o Christenheit“ (GL 238).

Amen.