Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt am Ostersonntag 2008

Stuttgart, Konkathedrale St. Eberhard

Schrifttexte: Apg 10,34-43;Kol 3,1-4; Joh 20,1-9

Liebe in österlicher Freude versammelte Schwestern und Brüder!

Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!

So lautet die frohe Botschaft aus der Osternacht. Jesus, der im Grab war, lebt! Das ist das Hoffnungswort an diesem Ostermorgen. Der Tod, der Feind des Lebens, hat nicht das letzte Wort. Nein, Gott selbst spricht gerade da, wo nach menschlichem Ermessen alles am Ende ist, sein großes lebensschaffendes Ja. Er erweckt Jesus vom Tod im Grab zu neuem, ewigen Leben. Das bezeugen uns die Ostererfahrungen der Zeugen der Auferstehung: Maria von Magdala, Jesu Jünger Petrus und Johannes und all die vielen anderen, die vom auferstandenen Herrn aus ihrer Todestrauer zum neuen Leben erweckt wurden.

Diese Gottestat, die Auferweckung des Jesus von Nazareth, die wir an Ostern feiern, schenkt uns allen den Anfang des neuen. Lebens. Gerade dort, wo eben noch ein gewaltiger Stein vor dem Grab lag, beginnt das wahre Leben. Ohne Gottes erweckendes Ja gibt es kein wahres Leben!

Ohne den lebensschaffenden Gott versperrt der gewaltige Stein uns allen die Zukunft. Wer nein sagt zum den Tod überwindenden, lebensschaffenden Gott, der wälzt den gewaltigsten Stein vor das Leben und macht es ausweglos. Der Atheismus, der vorgibt zu befreien, stürzt alles ins Nichts. Er wälzt durch sein Nein zu Gott den gewaltigsten Stein vor die Zukunft und macht das Leben zum endgültigen Grab. Unsere Gesellschaft ist nicht fern davon, sich in diese Sackgasse zu manövrieren.

Wir verbauen uns die Zukunft, weil wir kein ‚Danach’ mehr anerkennen wollen. Wir haben die Kraft verloren, unser eigenes Leben und unser aller Zusammenleben heute vom ewigen Leben her zu gestalten. Wenn wir sagen: Danach, nach dem Tod gibt’s nichts mehr. Dann wälzen wir den Stein, der uns die Zukunft nimmt, vor unser Leben. Am Ende, im Tod, prallt dann unser Leben auf die undurchdringliche Todes-Mauer. An ihr zerschellt dann alles Leben. Deshalb – schließen wir – will ich vor dem Ende möglichst alles haben und erleben, was nur irgend geht. Sieben oder acht endliche Jahrzehnte Leben, um all meine unendlichen Sehnsüchte und Leidenschaften zu erfüllen, meinen ganzen Lebensdurst zu erfüllen? Da muss das eigene Leben auf Biegen und Brechen zum Erfolg werden. Ein Danach gibt es ja nicht. Nichts ist zu erwarten.

Wen wundert es, dass Geld und Spaß, Macht und Prestige, Leistung und Erfolg, bis hin zum Betrug bereits fast alles dominieren? Der Durst nach Leben und die Angst, etwas zu versäumen, stürzen viele Menschen schnell in Panik. Wehe, wer mir da in die Quere kommt! Ja nichts versäumen, ja alles ausleben! – Das kann nicht gut gehen!

Wo wir das Danach vergessen, misslingt uns das Heute und verspielen wir auch das Morgen. Der Verlust des Glaubens an ewiges Leben verdirbt die Gegenwart, raubt die uns beflügelnde Lebensfreude und zerstört die Begabung zur Gestaltung der Zukunft. Deshalb ist die Auferstehungsbotschaft die erfreulichste aller Botschaften. Denn gerade der Glaube an die Auferstehung, an das ewige Leben, befreit zum Leben vor dem Tod. Heute muss nicht alles sein. Es gibt ein Morgen der Erfüllung.

Und dies bedeutet keine Vertröstung über ungute Zustände im Hier und Jetzt auf ein Paradies am Sankt-Nimmerleins-Tag. Im Gegenteil: Die Hoffnung auf ewiges Leben, die uns geschenkt und verbürgt ist im Osterglauben an die Auferstehung, der Glaube an befreites Leben aus den Strukturen des Todes, die Liebe aus der Auferstehung: Sie entwickeln neue Kraft, um im Licht des Lebens Jesu Christi, das den Tod besiegt hat, neu unser eigenes Leben gestalten zu können. Die Auferstehungserzählungen des Johannesevangeliums legen überall davon Zeugnis ab, dass sich unsere Hoffnung auf Lebensfülle und Lebensintensität in der Begegnung mit Jesus Christus, dem Auferstandenen erfüllt.

Liebe Schwestern und Brüder, es ist eine erstaunliche, aber höchst wunderbare Sache: Die Auferstehungserfahrung und der Glaube an ein Leben Danach, von dem her der Tod aufgebrochen wird, macht uns Christen gerade nicht zu weltvergessenen Träumern und verantwortungslosen Schwärmern. Im Gegenteil, die Hoffnungsbotschaft des Ostermorgens verwandelt Menschen. Sie verändert uns, verändert die Art, wie wir mit unserem Leben umgehen und wie wir unsere Welt gestalten.

Wie dieses wahre Leben aussieht, können wir an der Lebensgestalt Jesu Christi erfahren. Er zeigte durch sein ganzes Leben, dass das ‚Aufstehen für das Leben’ die Urbewegung und die eigentliche Kraft ist, die ihn im Geist Gottes leben und handeln ließ. Das Licht des Ostermorgens erschließt uns daher die Auferstehung als die Mitte dessen, was die Frohbotschaft Jesu Christi für uns bedeutet. Die Auferstehungsbotschaft von Ostern lässt uns zurückblicken auf seine Lebensgeschichte. Von Ostern aus verstehen wir Jesu Leben nochmals neu als Worte und Taten eines Menschen, der das Aufstehen für das Leben zum Grundmodell menschlichen Lebens machte.

Die Auferstehung vom Tod am Ostertag lässt uns sein Handeln verstehen, mit dem er Kranken heilsam begegnete, von irdischem Wahn Besessene heilte, Ausgegrenzte in die Mitte der Gemeinschaft zurückholte. In seiner Nachfolge können wir auch heute im österlichen Licht lernen, neu miteinander zu leben, sensibel dafür zu werden, wo wir andere Menschen ausschließen und ihnen das Leben verderben. Im Licht der Auferstehung werden wir selbst zu Menschen, die ihr endliches Leben dankbar annehmen und für das Leben aufstehen und uns gerade für die einsetzen, die an die Ränder geraten oder schon abgestürzt sind.

Die Auferstehung vom Tod lässt uns Jesu Worte erst recht verstehen, dass die Trauernden getröstet werden, dass die Gewaltlosen das Land erben werden und dass die Friedensstifter Kinder Gottes genannt werden. Wir können im Licht der Auferstehung lernen, die vielen Kreisläufe und Spiralen von Gewalt zu durchbrechen und mit neuem Mut aufzustehen für den Frieden: für den Frieden in unseren Familien, in Schulen, im Arbeitsleben; aber auch für den Frieden weltweit, wo Menschen, Völker, Kulturen und Religionen unterdrückt, in ihrem Lebensrecht bedrängt und verfolgt werden. Hier sind wir als österliche Christen gerufen, hinzuschauen, Partei zu ergreifen und mit Mut und Zivilcourage aufzustehen für das Leben der Anderen. Österliche Menschen werden nichts versäumen! Wir können frei sein von Angst um uns selbst und uns hingeben an Menschen, die uns brauchen.

Die Auferstehung vom Tod lässt uns endlich auch Jesu letzten Weg verstehen, den Weg ans Kreuz. Der Weg Jesu zum Kreuz zeigte, wie unendlich weit seine Liebe bereit war zu gehen. In seiner Nachfolge können auch wir heute lieben bis zuletzt, lieben wider allen Augenschein, lieben wider die Gesetzmäßigkeiten unserer Welt. Und unsere Welt durch Taten der Liebe heilsam verwandeln in eine neue Schöpfung, in der das Wirken in Liebe zählt.

Wer erfahren hat, dass die erlösende Botschaft vom neuen Leben aus Gott ungeahnte Kräfte freisetzt, der kann auch sein eigenes Leben einsetzen für die Menschen und ihnen zum Heil. Hier ist jeder eingeladen, sein Leben verwandeln zu lassen, aus dieser Botschaft zu leben und Hoffnung zu schöpfen. Wir dürfen sicher sein, dass Gott dabei auf unserer Seite und mit uns auf unserem Weg ist.

Glaube gibt uns die Kraft, unser Leben zu gestalten. Der Glaube an die Auferstehung ermöglicht uns Menschen eine Zukunft, in der wir selbst aufstehen für das Leben. Der Durchbruch des Auferstandenen vom Tod zum Leben ist auch unser Durchbruch hin zu wahrem, ewigem Leben: Paulus, den der Auferstandene vor Damaskus auf den neuen Weg des Lebens führte, Paulus, der uns allen schließlich das Christentum gebracht hat, schreibt an seine auf den dreifaltigen Gott getauften Mitchristen wunderbare Worte des Lebens aus der Kraft der Auferstehung: „Wenn der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt.“ (Röm 8,11)

Amen.