Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt am Ostersonntag 2012

Stuttgart, Konkathedrale St. Eberhard

Schrifttext: Apg 10, 34a.37-43 - Kol 3, 1-4 - Joh 20, 1-9

Liebe in österlicher Freude versammelte Schwestern und Brüder,

nach der Trauer des Karfreitags, der Grabesruhe des Karsamstags feiern wir heute am Ostersonntag voll Freude das Osterfest, das Fest der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus.

„Obwohl er Gutes tat und alle heilte“ (Apg 10,38), wie es in der ersten Lesung des Ostersonntags heute heißt, wurde Jesus trotzdem von Menschen verfolgt und verspottet, getötet am Kreuz und ins Grab gelegt. Aber der Gefolterte, von Menschenhand am Kreuz Getötete: Er bleibt nicht in der Nacht des Todes. Gott hat ihn, „der Gutes tat und alle heilte“, die der Heilung bedürftig waren, herausgerufen aus dem Grab und ihn zum unsterblichen Leben auferweckt. Maria von Magdala, Simon Petrus und Johannes bezeugen im Evangelium des Ostersonntags das leere Grab (Joh 20, 1-9) und den auferstandenen Herrn.

Jesus Christus, der Auferstandene, hat sich vielen Menschen als der Lebendige gezeigt. Das Erscheinen des Auferstandenen, der Spott und Verfolgung, Tod und Grab überwunden hat, schenkt den verwirrten Gefährten Jesu neue Kraft. Er bewirkt in den niedergeschlagenen Jüngern wieder Hoffnung. Hoffnung, dass „Gutes tun und heilsam wirken“ von Gott nicht vergessen wird, sondern dass es Gottes Wille ist, so zu handeln, und dass der, der das getan hat, darin mit dem Leben, dem ewigen Leben belohnt wird. Die Gegenwart des Auferstandenen macht aus Verängstigten, aus mutlos gewordenen Menschen starke Zeugen des Glaubens, Zeugen des Auferstehungsglaubens. Durch Jesus Christus, den „Erstgeborenen von den Toten“, sind auch wir, liebe Schwestern, liebe Brüder, von den Todesmächten, die unter uns wirken, befreit. Wir sind herausgerufen und befreit von all den Kräften und den Mechanismen unserer Zeit, die das Leben der Menschen verletzen, beeinträchtigen und zerstören. Befreit von Gottes Hand, Gutes zu tun und heilsam zu wirken, wo Not auf Leib und Leben und Seele drückt.

In der zweiten Lesung des Ostersonntags ruft Paulus den Christen seiner Zeit genauso wie uns heute zu: „Ihr seid mit Christus auferweckt“. (Kol 3,1) Wir, wahrhaftig, liebe Schwestern, liebe Brüder, wir sind nicht mehr beherrscht von den Mächten des Todes, sondern auferweckt im Geist und Sinn Jesu, ein neues Leben zu führen. Wir sind von der Auferstehung Jesu Christi verwandelte Menschen. Als österliche Menschen sollen wir leben und so den Auferstehungsglauben in unserem eigenen Leben und Zusammenleben untereinander und als Kirche bezeugen. Das ist heute mehr denn je unsere Aufgabe in dieser Welt.

Wir Christen leben aus der Gewissheit, dass die Mächte, die den Menschen gefangen halten wollen, ihn niederdrücken, nicht das letzte Wort haben. Nicht die Angst, die uns lähmt und uns vor der Zukunft zittern lässt, nicht die Gleichgültigkeit und die Feindseligkeit, mit der wir einander das Leben erschweren und das eigene Leben verdunkeln, nicht die Erfahrung der Sinnlosigkeit und nicht einmal der alles ins Nichts hineinziehende Bann des Todes. Der Gott Jesu Christi, der ihn aus dem Tod errettet und zu neuem Leben auferweckt hat, dieser Gott hat dadurch die Gefängnisse des Todes und der Gefangenschaften des Lebens zerbrochen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, dies ist der Kern des christlichen Verständnisses von Menschen. Der Kern dessen, was wir das christliche Bild vom Menschen nennen. Nach diesem christlichen Bild vom Menschen lebt der Mensch aus der Gewissheit der Überwindung des Bösen, der Überwindung dessen, was uns bedrückt und bedrängt, aus der Gewissheit der Auferstehung Jesu Christi, dieses Herrn, der das Schwache angenommen hat, das Kranke heilen wollte und den am meisten Erniedrigten seine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Aus der Kraft der Auferstehung leben heißt erfahren haben, dass Jesus der „Arzt der Kranken“ (vgl. Mt 9,12) und der Unheilen ist, dass er der Heiler ist der gebrochenen Herzen und der zerstörten Seelen. Das Osterfest ruft uns zu: Er, der sich selbst ganz hingegeben hat, damit Menschen heil werden können, er lebt wahrhaftig! Und Ihr Christen lebt als auf Christus Getaufte und mit seinem Geiste Gefirmte so wie er: „Gutes tun und heilsam wirken“.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, unsere ganze Gesellschaft heute ist neu herausgefordert, darum zu ringen, aus welchen Quellen, von welchem Verständnis des Menschen her wir unser Leben gestalten wollen. Für uns Christen geht es darum, neu zu bezeugen, welches die innersten Kräfte der Kultur sind, die sie zusammenhält, die uns zukunftsfähig macht. Liebe Schwestern, liebe Brüder, bezeugen wir, was uns prägt, erklären wir, warum uns das wichtig ist, und leben wir vor, was wir glauben. Nicht nur im eigenen Leben, nicht nur in unserem eigenen Verstand bezeugen wir, was eine christliche Kultur prägt, sondern auch durch Zeichen, die unter uns aufgerichtet sind, wird die kulturelle Kraft des Auferstehungsglaubens bezeugt. Halten wir auch diese Zeichen des Glaubens unter uns aufgerichtet und lebendig.

Eines der ganz zentralen Zeichen unserer Kultur ist das Kreuz. Es steht im Christentum nicht nur für den Marterpfahl, es steht auch und ganz besonders für das neue Leben, was Christus der Menschheit durch seine Auferstehung gebracht hat. Das Kreuz hat diese beiden Seiten, die Wirklichkeit von Schmerz und Leiden, Sterben und Tod, und die Wirklichkeit des neuen Lebens von Gott, das Auferstandensein zum neuen Leben mit Jesus Christus. Wenn wir daraus leben, wenn wir diese Zeichen aufrichten und aufgerichtet lassen in unserer Kultur, dann hinterlässt das Spuren in unserem Zusammenleben. Das Bild des leidenden, geopferten Menschensohns hält die Erinnerung wach an die Leidenden und die Armen. Und es erinnert an die Pflichten der Gesunden, der Reichen und der Mächtigen ihnen gegenüber. Das Kreuz soll deshalb aufgerichtet bleiben unter uns, auf den Straßen, in den Räumen, überall soll dieses Kreuz zeigen, woher wir Christen leben und was unsere Kultur im Innersten prägt.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, bezeugen wir also unseren Glauben an den Auferstandenen dadurch, dass wir selbst als österliche Menschen leben. Dass wir selbst so leben und handeln wie dieser Jesus Christus, der Gutes tut und heilt. Dass wir mit Jesus und wie Jesus suchen und finden, um zu retten die verloren und im Vergessen verschollen sind. Die vielen Opfer böser Taten, die vielen Opfer böser Geschichten des Lebens und unseres Zusammenlebens. Nehmen wir aus dieser Osterfeier diesen Impuls mit, als österliche Menschen Heil zu bringen und Hoffnung in eine so hoffnungslose Welt. Tun wir Gutes und wirken heilsam, wo Not auf Leib und Seele drückt.

Amen.