Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt beim Begegnungstag mit Katholiken anderer Muttersprachen

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttexte: Gen 12,1-5; Lk 24, 35-48

Liebe Schwestern und Brüder,

wir haben im Laufe dieses Tages oft vom gemeinsamen Weg gesprochen. Von den Schwierigkeiten, den Herausforderungen, aber doch auch von den Chancen, die ein gemeinsamer Weg bereithält. Auch das Evangelium erzählt von solch einer Weggeschichte, und die Erfahrung der Emmausjünger war uns ja im Lauf des Tages immer wieder begegnet. Schauen wir zum Abschluss dieses Tages daher nochmals etwas genauer in die Geschichte, begleiten wir die beiden Jünger auf ihrem Weg von Jerusalem nach Emmaus und zurück.

Versuchen wir die Erfahrung aufzuspüren, die sie dabei machen dürfen, eine Erfahrung, die ihr Leben unendlich bereichert, begeistert und verändert. Denn die gehörte Geschichte der Emmausjünger erzählt uns auch davon, wie sich Jesus Christus für uns Menschen erschließt. Wie erfahren wir die Macht und Kraft seiner Auferstehung?

Nach den begeisternden Begegnungen mit Jesus gehen die Jünger – nachdem alles anders gekommen war, als erwartet – enttäuscht und traurig weg aus Jerusalem: die Hoffnung der Welt war getötet. Sie hatten doch so gehofft, nun aber die dramatische Erfahrung von Kreuz und Ende, es ist aus. Aber Einer geht unerkannt mit auf ihrem Weg. ER ist schon immer mit uns auf dem Weg, auch wenn wir es nicht wissen oder ahnen. Und da kommt es zu einer ersten wichtigen Erfahrungsdimension, die ich gerne für uns festhalten und anwenden möchte: Denn der Eine, der mitgeht, bringt sie zum Sprechen, er ermuntert sie, den Grund ihrer Traurigkeit auszusprechen. Ihre enttäuschten Hoffnungen mitzuteilen. Er hört ihre Erfahrungen, ihre Frustrationen aber nicht nur an, nein er nimmt sie aktiv auf, versucht sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen und sie so zu erschließen. ER geht mit und erschließt uns ganz unerkannt die Heiligen Schriften und die Propheten, das Wort Gottes, das an uns ergeht. In der Emmausgeschichte, also auf dem Weg, erschließt sich den Jüngern die Macht der Auferstehung Jesu Christi. Den Jüngern wird auf dem Weg erschlossen, was es auf sich hat mit dem Weg des Messias. Sie lernen zu verstehen, dass, wer zu den Menschen geht, sich dem Mit-Leiden, ja dem Leiden nicht entziehen kann. Schon auf ihrem Weg brennt ihnen das Herz. Sie hören nur und verstehen doch nicht, sie sind wie Blinde. Als aber der Eine sich mit ihnen zu Tisch setzt, als der Eine das Brot nimmt, den Lobpreis spricht, das Brot bricht und ihnen das gebrochene Brot gibt. Da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen ihn: Er hat sein Leben zerbrechen lassen für andere, Er hat sich nicht geschont. Diese Erkenntnis des Herzens ist eine so umwerfende, umstürzende Erfahrung, dass sie wie verwandelt sind. „Noch in der selben Stunde brachen sie auf, sie kehrten nach Jerusalem zurück.“ Von der Begegnung mit dem Auferstandenen geht ein gewaltiger Impuls aus. Indem uns der Auferstandene die Augen öffnet, sendet er uns!

Liebe Schwestern und Brüder, nehmen auch wir diese verwandelnde Erfahrung dankbar auf. Wir sind miteinander auf dem Weg, wir dürfen uns vertrauensvoll von unseren Erlebnissen, den Enttäuschungen, Kränkungen und Verwundungen, aber auch von unseren Hoffnungen, Erwartungen und ermutigenden Erfahrungen erzählen. Allein schon die Möglichkeit, davon zu berichten, kann uns Menschen gut tun und heilsam verändern.

Mehr aber noch hilft es, wenn wir verstehen lernen, wenn sich uns erschließt, auf welchem Weg wir miteinander als Kirche unterwegs sind. Als die Jünger miteinander redeten, trat Jesus Christus in ihre Mitte.

Wenn uns die Augen aufgegangen sind für Christus, dann werden wir zu Gesendeten, zu Zeugen seines Lebens unter den Menschen: missionarische Kirche.

Der brotbrechende Christus ruft uns zu: Breche auf, auch du bist gesendet, auch du bist Zeuge dafür: Zeuge, dass Gott ein Gott der Liebe, der Menschenfreundlichkeit, der liebenden Nähe zu den Menschen ist. Ein Gott der brennenden Herzen! Aus der Erfahrung des Auferstandenen, der das Brot für die Menschen, der sich selbst für die Menschen bricht, werden auch wir Zeugen seines liebenden Herzens, werden auch wir hineingenommen in die Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen. Erzählt von eurem Glauben, seid Christuszeugen, seid missionarische Kirche!

So werden aus den trauenden Jüngern Menschen, die verwandelt durch das Brotbrechen voller Freude zu Zeugen des lebendigen Christus werden. In der Gemeinschaft mit den Elfen und den anderen Jüngern werden die Emmausjünger zu Verkündern der Auferstehung des um der Liebe zu den Menschen willen Gekreuzigten Jesus Christus. In der Feier der Eucharistie gehen den Menschen die Augen auf für Jesus Christus, das Heil und Leben der Welt. Augen auf! Für Seine liebende Hingabe für uns Menschen. Augen auf! Für die Sünder, für die Kranken, für die Verletzten, für die Traurigen und in Not Geratenen. Augen auf! Für die Schutzlosen und Unbehüteten. So werden wir auf dem Weg immer mehr zu einer Kirche aus vielen Völkern.

Vielleicht erkennen auch Sie sich selbst, ihre Gemeinden und unsere gemeinsame Diözese Rottenburg-Stuttgart in der Emmausgeschichte wieder. Vielleicht erinnert uns die Emmausgeschichte mit ihren unterschiedlichen Wendepunkten an Momente unseres Weges. Momente, als uns die Augen aufgingen und wir zugleich mit einem heilsamen Blickwechsel unser brennendes Herz spürten. Lasst uns aufbrechen, auch wir sind in unserer Zeit als Zeugen gesendet, auch wir sind zum Zeugnis berufen!

Auch wir sind eingeladen, unser Leben mit den Augen Jesu zu sehen. Dabei ist es gut, wenn wir miteinander immer mehr zu gegenseitigen Wegbegleitern werden: gut, wo wir die heilsame Erfahrung von wirklicher Begegnung, Begleitung und Weggefährtenschaft machen dürfen. Denn manchmal haben wir uns mit unseren Beurteilungen und Sichtweisen festgefahren, sehen keinen Ausweg mehr, stoßen an Grenzen. Wie befreiend, wenn wir dann einem solchem Wanderer auf unserem Weg begegnen, der weiter sieht und Türen öffnet. Alles werden wir so sicher nicht lösen können, auf unsere Fragen und Belastungen werden wir nicht immer Antworten bekommen, unsere Probleme werden sich nicht schlagartig auflösen, aber einen neuen Anfang können wir wagen. Heilsame Begegnung zu spüren, dass sich manche Belastungen durch Begleiter, Ratgeber und Gefährten leichter tragen lassen und mancher Engpass heilsam ins Weite öffnet: Ein Segen sollst du sein, durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.

Amen.