Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt beim Festgottesdienst zum Patrozinium St. Albertuskirche

Oberesslingen, St. Albertus

Schrifttexte: Sir 15,1-6; Mt 13,47-52

Liebe Schwestern und Brüder hier in St. Albertus!

Albert der Große ist der Patron ihrer Kirche und ihrer Kirchengemeinde. Bei wenigen Heiligen kommt es vor, zumal es sich hier um einen Theologen und Wissenschaftler handelt, dass er Heiliger und ‚Großer’ zugleich genannt wird. Albert ist ein Mensch, der uns etwas zu sagen hat. Nun ist es aber immer schwierig zu fragen: Was hat uns heute Albert zu sagen? Wie würde er reden und uns beraten als Christen von heute? In unserer Seelsorge, in unserer Pastoral? Hat er uns heute etwas zu sagen?

Albert lebte und handelte als Christ und Theologe ja vor ca. 750 Jahren. Erst 1931 wurde er heilig gesprochen und gehört nun zu den Kirchenlehrern. Schauen wir kurz auf sein Leben: Der Heilige Albertus Magnus stammte aus einem schwäbischem Rittergeschlecht, bei Lauingen wurde er 1193 geboren, bereiste zu Fuß als Bettelmönch ganz Europa und war ein gefragter Prediger, ein Friedensstifter. Er unterrichtete als Dominikaner in Köln und Paris an theologischen Fakultäten und hat so als Kirchenlehrer und später auch Bischof bleibende Spuren hinterlassen. Er beherrschte wie kein anderer mittelalterlicher Gelehrter neben den gesamten philosophischen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen seiner Zeit auch das jüdische und arabisch-islamische Wissen.

Was hat dieser große Heilige – ihr Patron – uns heute zu sagen? Was sind Grundorientierungen seines Lebens?

Da ist zuerst seine Weltzugewandtheit zu nennen: Das 13. Jahrhundert entwickelte durch Weltfreude, Weltaufgeschlossenheit, durch Entdeckungen und Erfindungen, durch die Erforschung der Natur ein neues Weltverständnis. Albert war dem gegenüber aufgeschlossen. Er lebte nicht in einer utopischen Welt, nicht in einer Welt von vorgestern, er lebte, predigte, handelte in seiner Zeit, in seiner Gegenwart: Er war ein echter Zeitgenosse. Albert will die weltlichen Dinge, die neuen Wahrheiten, die in seiner Zeit entdeckt werden und fasslich zu werden beginnen, all das will er ungeschmälert in Besitz nehmen.

Gleichwohl sucht er die –wie er sagt- ‚göttlichen Wahrheiten’ oder ‚die göttlichen Dinge’ zu erfassen. Und Albert weiß und sagt: ‚Wer sich mit göttlichen Dingen beschäftigt, wird nach ihrem Bild umgestaltet.’

Das hat er uns heute zu sagen: Beschäftigt euch mit den Dingen dieser Welt als christliche Zeitgenossen. Aber beschäftigt euch auch mit den göttlichen Dingen: die Inhalte unseres Glaubens, das ist die Heilige Schrift. Heute hörten wir das Gleichnis vom Fischzug, wo Jesus uns sagen will: Es ist nicht alles gleich-gültig, wir können unser Leben gewinnen oder auch verspielen.

Mit göttlicher Wahrheit beschäftigen, heißt vor allem: schauen wir auf Jesus Christus, das Bild Gottes, ‚eikon qeou’

In seiner Gestalt – seinem Leben, seinen Worten, Reden und Handeln, seinem Lebensverlauf, seine heilsame Hinwendung zum Menschen, um ihn aus seinen Verlorenheiten zu retten, zu heilen, zu trösten, aufzurichten, ihm seine Würde und Stellung in der Gemeinschaft wieder zu geben: Da wird Gott für uns sichtbar, erfahrbar.

Nehmen wir diesen Jesus Christus, in dem Gott und Mensch sich die maßgebliche Gestalt gegeben hat, in den Blick. Meditieren wir sein Leben, sein Leiden, sein Sterben und seine Auferstehung zu neuem Leben, zu ewigem Leben. Wenn es uns gelingt, auf Jesus Christus zu schauen, uns ganz auf ihn einzulassen, zu konzentrieren, dann verwandelt sich unser Leben in heilsamer Weise: ‚Wer sich mit göttlichen Dingen beschäftigt, wird nach ihrem Bild umgestaltet.’ Das hat uns Albert der Große heute zu sagen!

Ein Zeitgenosse hat dieses Wort von Albert neu formuliert und verallgemeinert: „Wir kommen, wohin wir schauen – was wir im Auge haben, dahinein werden wir verwandelt.“

Schauen wir nur auf Leistung und Erfolg und hecheln auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten stets dem neuesten Kick hinterher, dann werden wir bald oberflächlich, egozentrisch und gnadenlos. Wir werden zu dem, worauf wir schauen.

Schauen junge Menschen über Jahre hinweg Gewaltfilme oder sitzen Tag und Nacht am Computer mit Killerspielen, dann besteht die Gefahr, dass sich das Gesehene in ihre Köpfe schleicht, dass es wie Gift in ihre Seelen träufelt. Sie werden zu dem, worauf sie schauen.

Schauen wir in der Politik, in der Kirche oder der Gesellschaft nur auf die Strukturen von Oben und Unten. Orientieren wir uns immer an den Regeln von Machtspielen, dann sind wir bald in Gefahr, unbarmherzig zu werden. Und nehmen den Menschen, der uns braucht, nicht mehr wahr. Wir kommen, wohin wir schauen. Seien wir achtsam und kritisch mit dem, was wir im Auge haben.

Schauen wir als Christen auf Jesus Christus: Das Abbild des unsichtbaren Gottes – das lebendige Bild Gottes für uns. Lassen wir uns selbst als lebendige Menschen hineinverwandeln in die Christusgestalt, werden wir Christus als lebendige Christen ähnlich.

Albert der Prediger

Albert hat über die göttlichen Wahrheiten gepredigt. Er hat den Glauben nicht verschwiegen, sondern laut von ihm geredet, Zeugnis gegeben. Auch das hat uns Albert heute zu sagen: Glaube ist keine geheime Herzenssache, sondern eine öffentliche Angelegenheit. Er sagt uns heute: Gebt Zeugnis von eurem Glauben, gebt Rechenschaft von der Hoffnung die uns geschenkt ist und die in uns lebendig ist. Jesus selbst sagt im Matthäusevangelium: „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am helllichten Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern.“ (Mt 10,26f) Bei Paulus und den Aposteln wird das so ausgedrückt: „Doch haben wir den gleichen Geist des Glaubens, von dem es in der Schrift heißt: Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet. Auch wir glauben, darum reden wir.“ (2 Kor 4,13) „Gott hast Jesus am dritten Tage auferweckt … und er hat uns geboten, dem Volk zu verkündigen und zu bezeugen: Das ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten…“ (Apg 10,40-43) Darum gilt: „Wovon wir überzeugt sind, davon reden wir, was wir erfahren haben, das bezeugen wir.“ (Joh 3,11)

Missionarische Christen sind in die Lebensgestalt Christi verwandelt: Menschen, in denen und durch die die Liebe Gottes, die Caritas, wirkt. Menschen, die davon reden und die das bezeugen, was in ihnen ist. Missionarische Christen sind gemeinsam missionarische Kirche. Eine diakonische Kirche: Eine Kirche, durch die die Liebe Gottes zu den Menschen kommt und unter ihnen wirkt.

Albert der Große ist schließlich einer, der die lebendige Beziehung zu Gott aufrecht hält. Albert der Große ist ein großer Beter. Sein Denken, sein Predigen, sein Glaubenszeugnis, seine lebendige Zeitgenossenschaft, all das war für Albert ‚nicht nur Sache des forschenden Verstandes, sondern ebenso des betenden Herzens: Man kommt „zum Erfassen der göttlichen Dinge mehr durch Beten als durch Disputieren.“ (Glaubenszeugnis, Spath, 1980, 59)

Zur Wahrheit unseres Glaubens finden wir im Gebet, in der lebendigen Gottesbeziehung. Albert der Große hat uns dies als Christen, als Kirche, in der Pastoral auch und besonders heute zu sagen:

Seien wir echte, lebendige Zeitgenossen!

Suchen wir die Wahrheit unseres Glaubens: Die Heilige Schrift. Jesus Christus, das Bild des unsichtbaren Gottes. Lassen wir uns in den Geist der Heiligen Schrift hinein verwandeln, werden wir Jesus Christus ähnlich.

Geben wir Zeugnis von unserem Glauben, von der Liebe Gottes zu uns Menschen.

So sind wir missionarische Christen, eine missionarische Kirche. Betende Menschen, die in lebendiger Gottesbeziehung leben. Albert der Große hat uns heute über die Jahrhunderte hinweg dies zu sagen: Er ist ihr Vor-Bild. Er ist Patron ihrer Kirchengemeinde in Oberesslingen!

Amen.