Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt beim Gottesdienst mit den irakischen Flüchtlingen

Stuttgart, Konkathedrale St. Eberhard

Schrifttext: Gen 2,18-24;Mk 10,2-16

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, liebe chaldäische Christen, die aus dem Irak hierher nach Baden-Württemberg gekommen sind!

Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes! Mit dieser Ansage klärt Jesus im Evangelium des Sonntags im Kirchenjahr die verfahrene Situation, in der Menschen Kinder zu ihm bringen wollten, damit „er ihnen die Hände auflegte.“ Aber die Jünger wollten die Leute nicht durchlassen, sie wollten sie wegschicken. Aber Jesus durchbricht diese Grenzen, die andere zwischen ihm und den Kindern ziehen wollen, und Markus erzählt sogar, dass er böse auf diejenigen war, die die anderen hindern wollten, zu ihm zu kommen:

‚Lasst die Kinder zu mir kommen, denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich.’ Jesus stellt klar und dies ist die Mitte seiner Botschaft: Das Reich Gottes ist da, es ist für jede und jeden da! Es steht allen offen, egal ob groß, ob klein, zu welcher Gruppe auch immer jemand gehört. Dies ist die befreiende Botschaft, die mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist. Wer dieses Angebot annehmen will, muss nichts vorweisen und muss nichts geleistet haben. Er kann so unscheinbar und bedeutungslos sein wie ein Kind (Mk 10,13). Wer diese Einladung annehmen will, wer sich mit dieser Einladung auf den Weg macht, der darf auf die offenen Arme Jesu bauen, die ihn erwarten. Wer dieser Einladung Gottes an uns Menschen traut, dem gehört die ganze Zuneigung Jesu, der ist ‚mitten im Reich Gottes’.

Aber die Szene des Evangeliums richtet sich nicht nur an Kinder, die zu Jesus wollen.

Sie ist vielmehr zuerst ein Aufruf an seine Jünger, damit sie ihre Blockadehaltung aufgeben und ihre Hindernisse abbauen. Die Jünger Jesu sollen den Menschen die Wege ermöglichen, die sie aus unheilen Strukturen und bedrückenden Verhältnissen hinausführen. Die Jünger werden ermahnt, sich an Jesus und seiner Offenheit zu orientieren und konkret eine Praxis zu leben, durch die Menschen zu Ihm kommen können.

Liebe Schwestern und Brüder, diese Mahnung und Wegweisung gelten auch uns heute, die wir in seiner Nachfolge stehen. Wir sollen in unserem Handeln und unserer kirchlichen Praxis dazu beitragen, dass Wege für Menschen möglich werden, dass Hindernisse und Barrieren abgebaut werden! Wir sollen helfen, dass Grenzen überwunden werden und dass Menschen gute Wege finden und auch gehen können! Denn immer da, wo Menschen aus unheilen, ungerechten und bedrohlichen Strukturen aufbrechen, und sie sich aufgenommen, willkommen und integriert fühlen, da können sie ein Zuhause und eine neue Heimat finden. Ja, da erfahren sie, dass das Reich Gottes schon mitten unter uns angebrochen ist. Und durch uns und unser Handeln immer mehr erfahrbar wird. In der Kirche Jesu Christi gibt es keine Unterscheidung in Fremder und Einheimischer, zwischen Jung und Alt, Reich und Arm, da sollen die Grenzen zwischen Völkern und Gruppen nicht mehr entscheiden, weil wir alle in den offenen Armen Jesu Christi willkommen sind. An seiner Praxis der offenen Arme wollen wir das Maß unseres Handelns nehmen und auch selbst mit offenen Armen und entschlossener Bereitschaft die aufnehmen, die auf dem Weg sind und bei uns Heimat und Willkommen suchen.

Ich möchte Ihnen, liebe Schwestern und Brüder aus dem Irak als Bischof von Rottenburg-Stuttgart ein herzliches Willkommen zuzurufen, die Sie als Flüchtlinge, als irakische Christen zu uns gekommen sind! Ich tue dies auch im Namen von Erzbischof Dr. Zollitsch für die Erzdiözese Freiburg, ja im Namen der ganzen Katholischen Kirche in Baden-Württemberg: Sie sind uns herzlich willkommen, unsere offenen Arme nehmen sie gerne auf! Mit frohem Herzen begrüßen wir Sie in unserer Mitte, und ich möchte den Gottesdienst und die Begegnung heute mit Ihnen gerne nutzen, um Ihnen zu versprechen, dass ich als Bischof und auch die Kirchengemeinden in der Diözese Rottenburg-Stuttgart für Ihre Nöte und die Sorgen ‚offene Ohren’ und die Bereitschaft zur Unterstützung haben. Denn ich weiß sehr wohl, dass Sie schwere Zeiten erleben mussten, Flucht und Vertreibung sind furchtbare Erlebnisse. Mit Ihrer Ankunft sind längst noch nicht alle Fragen beantwortet, alle Probleme gelöst und alle Schwierigkeiten gemeistert. Da ist die ungewohnte Umgebung, eine Gesellschaft, die Ihnen in mancherlei Hinsicht fremd vorkommt, da sind Sprachschwierigkeiten und vieles Unbekannte kommt neu, unbekannt und vielleicht auch bedrohlich auf Sie zu. Doch Sie dürfen wissen, dass Sie uns willkommen sind, und ich hoffe, dass Sie das erfahren! Wenden Sie sich an uns mit Ihrer Not, mit Ihren Fragen und Problemen! Kommen Sie gerne auch in unsere Kirchengemeinden und machen so die Erfahrung, in der Fremde immer mehr Heimat und Zuhause zu finden. Ich bin mir klar, dass die großen Schwierigkeiten und die schlimmen Erfahrungen, die Sie durch Flucht, Terror und Vertreibung machen mussten, noch lange Zeit Spuren in Ihrem Leben hinterlassen werden. Sie sollen wissen, dass Verfolgung und Unterdrückung, Benachteiligung und Terror, unter der Sie als Christen im Irak gelitten haben und leiden, auch für uns schreiendes Unrecht sind, über das wir mit Ihnen gemeinsam klagen. Wie im Irak werden auch in anderen Ländern der Welt die Rechte von Christen eingeschränkt und massiv bedroht. Gegen diese Christenverfolgungen in unserer Zeit, unter der auch Sie im Irak massiv gelitten haben, erheben wir solidarisch und deutlich unsere Stimme. Es ist keineswegs ein Ausdruck von Toleranz, Unrecht, das geschieht, nicht ausdrücklich auch so zu benennen. Wir dürfen nicht nur allgemein für Meinungs- und Religionsfreiheit eintreten. Diese Rechte müssen für Christen in jedem Land der Welt gelten! Hier werden wir als Kirche auch zukünftig deutlich unsere Stimme erheben: gegen Unrecht, das nur die Flucht bleibt, gegen Zustände, die nur solche letzte Auswege zulassen!

Zugleich aber wollen wir alles tun, um Sie, liebe Schwestern und Brüder aus dem Irak, beim Neuanfang und Ankommen hier in Deutschland so gut wie möglich zu unterstützen. Sie sind uns willkommen, wir halten Ihnen unsere offenen Arme auf! Wir kommen Ihnen gerne entgegen, um Ihnen auf den neuen, schwierigen Wegen zu helfen, damit Sie leichter bei uns ankommen und neue Heimat finden können. Wir lassen uns dabei von Jesus Christus selbst in die Pflicht nehmen, der seinen Jüngern nicht nur ein Beispiel durch seine offenen Arme gegeben hat. Er hat sie und uns hier auch ermahnt, ebenso zu handeln und ihr eigenes Handeln zu verändern.

Liebe irakische Flüchtlinge, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an Jesus Christus, wir wollen für sie wie offene Arme sein!

Ich wünsche Ihnen und uns allen, dass wir diese heilsame Kraft des christlichen Glaubens erfahren können! Dass wir und auch andere Menschen wiederum diese Erfahrung machen können, indem sie unsere heilsame Nähe erleben. Die Geschichte des heutigen Evangeliums erzählt uns von den offenen Armen Jesu. Sie macht uns Mut, auch selbst damit anzufangen, damit wir mit offenen Armen aufeinander zugehen. Die offenen Arme Jesu Christi mögen Sie in unseren Kirchengemeinden erfahren: Seien Sie uns herzlich willkommen! Amen.