Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt Chrisammesse 2014

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttext: Jes 61, 1-3a.6a.8b-9 - Lk 4, 16-21

Liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Amt, liebe Diakone,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Wir hören ja derzeit nicht viel Gutes über unsere katholische Kirche. Manche sagen uns: Ihr seid wie aus der Zeit gefallen, ihr habt den Menschen nichts mehr zu sagen. Bei all dem, was wir uns da anhören müssen, hat mich ein gar nicht kirchlicher Zeitgenosse auf eine überraschende Spur gebracht. Ausgerechnet bei einem renommierten Zukunftsforscher lese ich: „Die katholische Kirche hat heute einen Vorteil, denn sie besitzt etwas, was Menschen suchen. Ich nenne es ganz weltlich das Illusionistische. Im katholischen Gottesdienst kann man sich sozusagen verzaubern lassen.“ (Opaschowski, Rheinischer Merkur 16.11.2001, S. 23)

Liebe Mitbrüder, was der Trendforscher Opaschowski hier mit seinen Worten formuliert, weist hin auf die zauberhafte Kraft feierlicher Gottesdienste. Es ist die Kraft feierlicher, schöner Liturgie, Menschen über das oft zum Verzweifeln Banale ihres Alltags hinauszuführen und uns in eine Dimension hineinzuziehen, die uns erhebt und verwandelt.

Liebe Mitbrüder, Schwestern und Brüder, in der österlichen Bußzeit und in der Heiligen Woche mit ihren eindrucksvollen Liturgien, erfahren wir diese Kraft der liturgischen Feier in besonderer Weise: hier ergreift das Menschliche, Freude und Leid, Sterben und Tod und das neu erweckte Leben Leib und Seele.

Etwa gestern, bei der Feier des Palmsonntags mit den sinnenhaften Zeichen, den farbigen Palmen und den frohen Liedern. Wurden wir nicht hineingenommen in die Freude über Jesus? Wie er einzieht in die Heilige Stadt Jerusalem? Wie er Frieden bringt und Heil?

In solchen Liturgien, in ihren eindrucksvollen Zeichen und Gesten eröffnen sich uns existentielle Tiefen des menschlichen Lebens. Wir reden nicht nur vom Glauben, wir hören nicht nur die Frohe Botschaft. Wir erleben in der Gestalt der jeweiligen Liturgie mit all unseren Sinnen, was wir glauben: mit Aug und Ohr und Herz und Hand, mit Haut und Haar. Wir sehen Gesten und Zeichen und vollziehen sie leibhaftig mit. Solche sinnenhaft erfahrbaren, miterlebbaren Zeichen und Gesten sind nichts anderes als die sakramentale Dimension unserer Katholischen Kirche. Heute in dieser geschwätzigen Zeit ist das ein Vorteil. Vergraben wir dieses Talent unserer Kirche nicht: machen wir etwas daraus, indem wir feierlich feiern, was unser Glaube hergibt.

Die Missa Chrismatis, die wir jetzt miteinander feiern, ist ein einzigartiges liturgisches Ereignis. Die Feier der sakramentalen Dimension der katholischen Liturgie. In Konzelebration mit den aus der ganzen Diözese versammelten Priestern vollzieht der Bischof innerhalb der Heiligen Woche zeichenerfüllt anschaulich die Weihe der Öle. Die heiligen Öle, werden geweiht für die Spendung der Sakramente: die sichtbaren und hautnah erfahrbaren Heils-Zeichen der Kirche. Schon Thomas von Aquin nennt Sakramente sichtbare, wirkmächtige Zeichen: signa der unsichtbaren aber wirkungsvollen Wirklichkeit des Heils von Gott für uns.

Geweiht wird heute das Öl für die Salbung der Kranken zur heilenden Wirkung, das Öl für die Taufbewerber zur Kräftigung auf dem Weg zur Taufe, das Öl des Heiligen Chrisam, mit dem in Taufe, Firmung und Priesterweihe die Empfänger des Sakraments leibhaft gesalbt werden und so Gottes Heil bewirkendes Handeln an sich selbst erleben, ja spüren: von Leib zu Leib mit Zeichen und Salböl zur heilsamen, verwandelnden Wirkung.

Darin verwirklicht sich die sakramentale Dimension unserer katholischen Kirche. Eine Dimension in der durch sichtbare Zeichen sich uns eine heilsame Kraft vermittelt. Das suchen Menschen! Das ist der Vorteil der Sakramentalität der katholischen Kirche. Hier wird nicht nur geredet und berichtet, hier geschieht vielmehr sichtbar und spürbar die heilsame und heiligende Handlung an uns Menschen.

Da die Chrisammesse in ihrer Liturgie geprägt ist von der Weihe der Öle für die Spendung der Sakramente der Kirche, wird in ihr die sakramentale Wirklichkeit der ganzen Kirche in besonderer Weise gegenwärtig. Die Feier der Liturgie, durch die wir in die Botschaft des Glaubens mit hineingenommen und von ihr ergriffen werden, ist ein vorteilhaftes, hohes Gut, das uns als Kirche anvertraut ist. Von der Feier der Liturgie geht die Kraft aus, die uns Menschen verwandelt.

Paul Claudel berichtet von einem solchen verwandelnden Erlebnis, das ihm, dem verzweifelt Suchenden in jungen Jahren geschenkt wurde in der der Erfahrung der überwältigenden Kraft der Liturgie. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er: „Mein mir bereits zur Gewohnheit gewordener Zustand der Betäubung und Verzweiflung blieb lange Jahre unverändert.“ ... Da besuchte ich mehr zufällig als absichtlich den Gottesdienst in Notre Dame. „Ich selbst stand bei der feierlichen Vesperliturgie unter der Menge in der Nähe des zweiten Pfeilers am Choranfang. Da nun vollzog sich das Ereignis, das für mein ganzes Leben bestimmend sein sollte. In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte. Ich glaubte mit einer so starken Überzeugung, mit solch unbeschreiblicher Gewissheit, dass keinerlei Platz auch nur für den leisesten Zweifel offenblieb, dass von diesem Tag an alle Bücher, alles Klügeln, alle Zufälle eines bewegten Lebens meinen Glauben nicht zu erschüttern, ja auch nicht anzutasten vermochten.“

Claudel erlebt Liturgie als eine bewegende, glaubenstiftende Kraft, die seinen „Zustand der Betäubung und Verzweiflung“, von dem er schreibt, in Wachheit, Freude und Zuversicht verwandeln kann! Glaube – Hoffnung – Liebe.

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst. Trauen wir der Liturgie, der Feier der Sakramente, der Feier der Eucharistie zu, dem unsichtbaren Geheimnis des Glaubens einen sichtbaren, erlebbaren Ausdruck zu verschaffen, Trost zu spenden, das Herz zu erheben, Menschen zu ergreifen, zu erfreuen und zu verwandeln zum neuen Leben.

Das Zweite Vatikanische Konzil gibt der Feier der Liturgie in ihren vielfältigen sakramentalen Ausformungen insgesamt einen hohen Stellenwert. In seiner Erklärung über die Liturgie heißt es: Die Liturgie ist „der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt.“ (SC 10)

Die katholische Kirche hat also einen Vorteil, denn sie besitzt etwas, was Menschen suchen: das Erlebnis und die Erfahrung, des durch sinnenhafte Zeichen und Gesten sichtbar werdenden unsichtbaren Geheimnisses des Menschen und des Weltsinnes: des Gottes für uns. Der Vorteil liegt in der Feier des Mysteriums, das uns in seinen Bann zieht, verwandelt und kräftigt.

Amen.