Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt in der Chrisammesse 2008

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttexte: Jes 61,1-9; Lk 4,16-21

Liebe Mitbrüder im Priesteramt und im Diakonenamt, liebe Ölboten aus allen Himmels-richtungen unserer Diözese, liebe Schwestern und Brüder!

Einer, der mit großer Aufmerksamkeit die Situation unserer Kultur in Deutschland beobachtet, hat folgenden Satz geprägt: „Es gehört zu den Zeichen der Zeit, dass wir in einer Zeit der Zeichen leben.“

Für das Verstehen und Mitvollziehen der Weihe der Öle heute in der Chrisammesse ist diese Einsicht von großer Bedeutung. Die mit der Weihe der heiligen Öle verbundenen Zeichenhandlungen, das Zeichen des Öls für das Zeichen der Salbung bei Taufe, Firmung, Krankensalbung/Sterbesakrament und Priester- und Diakonenweihe, treffen wieder auf eine kulturelle Situation, in der diese Zeichen neu verstanden werden können. In unser so geschwätzigen Zeit erkennen wir: Unser vieles Reden vergeht, unsere Worte verfliegen. Erst recht vergeht unser alltägliches Gerede wie Windhauch.

Zeichen können wir sehen, wir können sie sinnenhaft erfahren, sie bleiben als Bilder vor unserem inneren Augen stehen. Zeichen prägen sich ein. Wir erfahren, ja erleben sie am eigenen Leib. Zeichen verdichten etwas; sie zeigen etwas, weisen auf etwas hin, was wir sonst nicht einmal mit vielen Worten beschreiben könnten.

Ja, Zeichen bezeichnen Etwas, was wir mit Worten kaum auszudrücken vermögen. Zeichen ermöglichen unmissverständliche schnelle Orientierung in einer Situation, in der uns keine Zeit bleibt für wortreiche Erklärungen. Zeichen ermöglichen ein unmittelbares Einverständnis untereinander und stiften so Gemeinschaft und gemeinsames Verhalten. Ohne dass wir ellenlange Gebrauchs- und Handlungsanweisungen lesen müssten. Das Erleben der Zeichen lässt uns gemeinsam teilhaben an der Wahrheit auf die sie verweisen.

In unserer so geschwätzigen, oberflächlichen und schnelllebigen Zeit lernen wir neu die Unverzichtbarkeit von sichtbaren und erfahrbaren Zeichen. So entsteht eine neue Aufmerksamkeit auf Zeichen. Ein Zeichen vermag mehr zu sagen als tausend Worte. Erinnern Sie sich beim Requiem von Papst Johannes-Paul II. an das aufgeschlagene Buch auf seinem Sarg, in dessen Seiten der Wind blätterte und das dann ein heftiger Windstoß ganz schloss? - Ein solches Zeichen spricht mehr aus als tausend Worte.

Wir leben in einer Zeit der Zeichen. Die Liturgie der katholischen Kirche ist reich an Zeichen, die mehr sagen als tausend Worte, die sich uns einprägen. Kein Wunder, dass in einer Zeit der Zeichen sich auch eine neue Aufmerksamkeit auf die Liturgie und die Sakramente richtet.

Sakramente selbst sind solche sichtbare, erfahrbare Zeichen einer unsichtbaren Wirklichkeit. Ja unsere Kirche selbst ist ein sichtbares Zeichen, das hinweist und erfahrbar macht die unsichtbare Wirklichkeit des Reiches Gottes, des ewigen Lebens, das schon heute anhebt wirksam, heilsam, rettend und erlösend zu wirken. Die Chrisammesse, die wir heute feiern, schenkt uns solche sichtbare Zeichen für die dahinter liegende Wahrheit der Wirksamkeit Gottes in der Welt.

Die Weihe des Oliven-Öls zu heiligen Ölen, mit denen die Sakramente der Taufe, der Firmung, Krankensalbung und der Priester- Diakonenweihe gespendet werden, ist ein Handeln mit und unter Zeichen, ein zeichenhaftes Tun. Liturgie ist eine Inszenierung von Wirklichkeit – eine ästhetische, sinnlich erfahrbare Darstellung einer tieferen Wahrheit in sprechenden Zeichen, die uns innerlich erreicht.

Seit wir schriftliche Aufzeichnungen haben, ist für Menschen das Öl, das wir heute weihen, ein Zeichen von Lebenskraft, als Zeichen besonderer Kraftsubstanz. Die Salbung mit Öl, eine Handlung im Zeichen, ist die Mitteilung dieser Lebenskraft und Kraftsubstanz.

Die Salbung mit Heiligem Öl stellt wirksam dar, dass dem betroffenen Menschen die Gotteskraft zuteil wird. Ganz so, wie Jesus in der Synagoge in Nazareth von sich selbst sagt: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt.“ (Lk, 4,18) Könige und Propheten werden im Alten Bund in diesem Sinne der Mitteilung der Gotteskraft gesalbt. „Messias“ heißt der Gesalbte, ganz wie schließlich Jesus der Christus genannt wird, der Gesalbte: heil und heilig in Person.

Die Salbung zeigt sinnbildlich: der Gesalbte handelt in der Kraft Gottes und nicht aus eigener Kraft. Gottes Kraft gibt mir die Kraft zu leben und zu handeln. Deshalb heißt es im Weihegebet über den heiligen Chrisam: „In heiligen Zeichen schenkst Du uns Leben und Gnade.“ Und weiter: In der Salbung werden die Menschen „im Zeichen des Chrisams mit dem Reichtum der Gaben Christi beschenkt.“ Durch die Salbung - beten wir zu Gott – „machst Du Menschen Jesus Christus ähnlich, deinem Gesalbten.“ Und schließlich heißt es im Weihegebet: „Die Kirche möge im Zeichen des Chrisam, des heiligen Öls, wachsen bis zur Vollgestalt Christi.“

Liebe Ölboten, wenn sie die heiligen Öle hineintragen in unsere ganze Diözese, dann haben sie Anteil an diesem Geschehen, dass unsere Kirche aus den Sakramenten, den heiligen, wirksamen Zeichen für Gottes Handeln an uns herauswächst. Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt! Wo Sie Sakramente spenden, da wirken sie mit, dass die Kirche „im Zeichen des Chrisams wachse bis zur Vollgestalt Christi“ dass unsere Kirche selbst ein ebenso sichtbares wie erfahrbares Zeichen werde – Leib Christi aufgerichtet zum Heil der Menschen!

Amen.