Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt in der Osternacht 2008

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttexte: Ex 14,15-15,1; Röm 6,3-11; Jes 55,1-11; Mk 16,1-7

Liebe Schwestern und Brüder!

Wer kennt sie nicht die Erfahrungen eigener Grenzen, die Erfahrungen abhängig zu sein, in Schuld verstrickt und wie gefangen in Zwängen. Menschen möchten frei sein und erleben sich doch vielfach wie Gefangene. Wir leben oft wie Fremde im eigenen Leben, uns selbst entfremdet, vom Leben wie abgeschnitten.

Nicht nur wir heute, auch die biblische Botschaft weiß darum. In den Psalmen, bei den Propheten, aber auch in der erlebten Geschichte des Alten und des Neuen Bundes. Die biblische Botschaft weiß aber auch darum, dass es gelingen kann, frei zu werden, neu anfangen zu können. In ein Lebensland einziehen zu können, das freies Leben erleben lässt. Das bezeugt uns die Heilige Schrift, das Wort Gottes an uns.

Eine der Lesungen der Osternacht berichtet in besonderer Weise von der Erfahrung des Gefangenseins und des Aufbruchs in neues Leben. Es ist die Lesung aus dem Buch Exodus. Die Rettung der Menschen am Schilfmeer. Ohne das Erlebnis des Auszuges aus der Gefangenschaft in Ägypten gäbe es kein Gottesvolk. Ohne dieses Schlüsselerlebnis gäbe es auch keine Bibel, die uns davon berichtet.

Das Buch ‚Exodus’ erzählt von diesem einmaligen, außerordentlichen Ereignis, auf das das Volk Gottes seine Existenz gründet. Israel weiß, dass es diese Rettung nicht der eigenen Kraft verdankt. „Gott hat uns befreit aus der Hand der Ägypter“, bekennen sie dankbar im Blick zurück. Ein Ereignis, das den Glauben und das Gottesverständnis des israelitischen Volkes zutiefst prägt. Die Rettung aus dem Ort der Knechtschaft ist das Urerlebnis und das Urbekenntnis des von Gott für seine Wundertaten auserwählten Volkes. Gott handelt an uns, um uns Leben in Freiheit zu ermöglichen. Gott führt uns ins Freie. Die Heilige Schrift bezeugt dies von der ersten bis zur letzten Seite!

Die Botschaft: „Jesus Christus ist auferstanden!“ ist die höchste Aufgipfelung dieser wirklichen Erfahrung und dieses Glaubenszeugnisses aufgrund eigener Erfahrung. Ostern ist Alpha und Omega unserer Geschichte. Gott führt heraus, selbst heraus aus der tiefsten Unfreiheit, aus den Banden des Todes. Gott führt Jesus aus der tiefsten Gefangenschaft und der letzten Verlassenheit heraus – aus dem Tod zu neuem Leben. Gott führt zum Leben: zum wahren Leben in Freiheit.

Wenn wir jetzt ein Kind taufen auf den dreifaltigen Gott im Namen des Vater uns des Sohnes und des Heiligen Geistes, dann wollen wir beide wirkliche Erfahrungen erinnern. Auszug aus der Gefangenschaft als Befreiung durch Gottes Tat und Auferstehung zum neuen Leben in Jesus Christus. Durch die Hand Gottes werden wir als Getaufte ins Freie geführt, ins wahre Leben in Jesus Christus durch all unsere Fesseln hindurch.

Paulus, der Apostel der Völker, nennt die Rettung am Schilfmeer, die Freiheit gebracht hat, eine Taufe. Er sieht im Exodus ein Vorbild der Taufe, in der wir mit Christus sterben und auferstehen zum wahren Leben. Seinen durch ihn mit der Taufe verbundenen Mitchristen, den Schwestern und Brüdern in Rom schreibt er: „Wisst ihr nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft sind. Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit so, wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, auch wir in dieser neuen Wirklichkeit leben.“ (Röm 6,3f)

Leben wir in dieser neuen Wirklichkeit! Als Getaufte haben wir lebendigen Anteil an der wirklichen Erfahrung dieser Osternacht. Christus ist auferstanden aus dem Tod. Wenn Christus lebt, werden auch wir leben. Er, der uns liebt, lebt!
Amen.