Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt in der Osternacht 2009

Rottenburg, Dom St. Martin

Texte: Gen 1,1-2,2; Ex 14,15 – 15,1; Osterlob der Osternacht

Liebe Schwestern und Brüder!

Es beeindruckt mich immer aufs Neue, dass wir gerade in der Osternacht, in der Feier der Auferstehung Jesu Christi, als erste Lesung das Kapitel über die Erschaffung der Welt hören. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Was hat die Schöpfung mit der Auferstehungsbotschaft zu tun?

Das erste Kapitel der Bibel von der Erschaffung der Welt antwortet auf Fragen, die Menschen schon immer brennend interessiert: - Wie eigentlich wird Welt? Wie entsteht unsere Lebenswelt? Wie entsteht ein guter Lebensraum für Menschen? Wie wird eine Welt erschaffen, in der wir Menschen leben können?

Die Erfahrungen, die wir derzeitig machen müssen, drängen uns diese Fragen geradezu auf. Erleben wir gegenwärtig nicht eine Welt, in der es wüst zugeht und die wir als wirr erfahren, weil vieles nicht durchschaubar ist? Undurchschaubar und verwirrend erleben wir seit Monaten das Geschehen in der Finanzwelt. Das Durcheinander auf diesen Märkten wirkt sich zerstörerisch aus. – Wer hat andererseits noch nicht erfahren müssen, dass Verwirrungen in den menschlichen Beziehungen unser Leben verwüsten und es sehr finster werden kann. - Und auch ein chaotisches Gegeneinander von Menschen im Gewirr der Stimmen bildet keinen Raum für gutes Leben. - Ein Durcheinander ist entstanden. Wer kann sich noch wirklich orientieren? Wir tappen oft im Dunkeln und das gefährdet unser Leben. Tohuwabohu - nennt die hebräische Bibel diesen Zustand. „Wüst und wirr“ und finster war die Welt vor dem schöpferischen Handeln Gottes. Mit Irrsal und Wirrsal übersetzt Martin Buber dieses Tohuwabohu. Wir kennen also viele Wirrnisse unserer Zeit. Wir erfahren sie oft im eigenen Leben, gar am eigenen Leib. Von daher weiß jeder selbst um das Tohuwabohu, um seine Irrnisse und Wirrnisse.

In dieser Erfahrung steht auch der Mensch, der das grandiose Lied auf die Schöpfung komponiert hat. Es gibt dieses Durcheinander, dieses wüst und wirr und finster – aber das ist eigentlich eine unmenschliche und lebensfeindliche Welt. In diesen Abgrund von Durcheinander hinein spricht Gott sein schöpferisches Wort „Es werde Licht!“ Denn das Chaos kann kein Lebensraum sein für Menschen.

Der biblische Schöpfungsglaube verkündet einen Gott, der aus dem wüsten und wirren und finstern eine Welt schafft, die für den Menschen eine gute Lebenswelt ist. Das bedeutet das Wort: Es werde Licht! Die erste Tat Gottes ist damals wie heute: aus Tohowabohu, aus Chaos und aus Finsternis schafft Gott Licht, wenn er zu uns spricht und wir ihn hören. Das ist das christliche Gottesbild. Aus dem Wüsten und Wirren, aus dem Unbewohnbaren schafft Gott die gute Lebenswelt für den Menschen. Joseph Haydn formuliert das in seinem Oratorium ‚Die Schöpfung’ so: Es ward Licht! „Verwirrung weicht und Ordnung keimt empor. ... Eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort.“ Eine neue Welt entspringt durch das Schaffen Gottes.

Wie kommt der Dichter des biblischen Schöpfungsliedes zu einer solchen Gewissheit? Das Volk Israel erfährt in seiner Geschichte nicht nur das Durcheinander, sondern auch das Rettende und Befreiende am eigenen Leib. Israel durfte auch die Erfahrung machen: wenn Gott handelt, dann wird alles gut. Die entsprechende Geschichte beschreibt uns die Lesung aus dem Buch Exodus: die Befreiung der Israeliten aus dem wüsten und wirren Land, wo sie gefangen waren. Diese wirkliche Befreiung war für das Volk Gottes die allererste große Erfahrung des Gottes, der einen neuen Lebensraum schenkt. Aus irren und wirren Verhältnissen ziehen sie in das neue Land.

Der Schöpfungsbericht ist von dieser geschichtlichen Erfahrung her geschrieben: Aus dem Durcheinander schafft Gott einen neuen Lebensraum: die Schöpfung - für den Menschen. Im Licht wird in der Schöpfung erst der Lebensraum für alles, was ist, bis hinauf zum Menschen. Damals, ganz am Anfang und heute! Eine neue Welt eine wirkliche Lebenswelt für den Menschen entspringt auf Gottes Wort.

Dieses Gotteslicht des ersten Tages leuchtete – auch das ist biblischer Schöpfungsglaube - den Menschen im Anfang – im Paradies, wie die Bibel diesen Zustand der Abwesenheit von Durcheinander und Finsternis nennt. Aber die dem Menschen von Gott gegebene Freiheit ermöglicht auch die Abwendung von diesem Licht. Der Mensch vermag neues Durcheinander zu schaffen und so die Welt wüst und wirr und finster machen: eben Böses tun. Der Mensch vermag menschlichen Lebensraum im Licht Gottes wieder in Tohuwabohu zurückzuverwandeln und alles wieder durcheinanderwerfen. Auch das ist biblische Erfahrung mit dem Menschen in seiner Größe und seinem Elend.

So stellen sich die Fragen vom Anfang nochmals neu. - Wie entsteht ein guter Lebensraum des Menschen? Wie wird eine Welt geschaffen, in der wir Menschen leben können? Und welche Aufgabe kommt uns dabei zu?

In unsere selbstverursachten Irrnisse und Wirrnisse hinein spricht Gott sein zweites Wort: Jesus Christus. Er ist das endgültige Wort aus dem ein Lebensraum für den Menschen entsteht. „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott zu den Menschen gesprochen. Am Ende der Zeit aber hat er zu uns gesprochen durch seinen Sohn“ sagt der Hebräerbrief (Hebr. 1,1f). Dieser Sohn ist der „Abglanz der Herrlichkeit Gottes und das Abbild seines Wesens“(Hebr 1,3).

Der, der immer im Gotteslicht gelebt und gehandelt hat, ist Jesus Christus. Er ist das „Licht vom Licht“ bekennen wir im großen Glaubensbekenntnis.

Unsere Irrheit und Wirrheit, das Finstere, hat in IHM die Lichtgestalt. So wie er gelebt hat, so wird Lebensraum für den Menschen neu geschaffen. Sein Licht ist die Liebe. Er war ganz für die Menschen da. So entsteht Raum zum Leben.

Aber dieses Licht, das von ihm ausging, haben Menschen nicht ertragen und ihn schließlich zu Tode gebracht. In das Grab hinein sprach Gott erneut sein schöpferisches „Es werde Licht!“ Und es ward Licht: Christus ist aus dem Tode gerettet. Gott hat ihn auferweckt zu neuem Leben.

Deshalb haben wir mit großer Freude die Osterkerze – Jesus Christus, das Licht – in unseren Mitte hereingetragen und das Lob auf die Osterkerze, auf das Licht Jesus Christus gesungen. In ihm und durch ihn entsteht eine neue Welt.

Unsere Freiheit hat in ihm die orientierende Gestalt, „die das Dunkel der Sünde vertreibt“ und „das Volk bewahrt vor Tod und Verderben“ – wie dies das feierliche Osterlob uns verkündet hat. Gott hat in der Auferweckung Jesu von den Toden uns eine neue Welt bereitet. Jesus Christus ist für uns das Licht, das uns erleuchtet. Durch Jesus Christus spricht Gott immer wieder neu sein „Es werde Licht!“ Aus diesem Wort Gottes wird die neue Welt als Lebensraum für von Irrungen und Wirrungen erlösten Menschen.

Erleuchtet durch Jesu Christi Leben, durch sein Leben für die Menschen, werden wir zu Menschen, die nicht Durcheinander, Verderben und Finsternis verbreiten, sondern Licht und Leben. Wo Menschen sich in dieses Licht Christ hineinrufen und von ihm führen lassen, da spricht Gott schließlich zu ihnen: Es werde Licht durch euch! Und es wird Licht in der Welt: durch österliche Menschen. Amen.