Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt Ökumenische Pfingstvesper 2010

Stuttgart, Stiftskirche

Schrifttext: Johannes 14, 23b - 27

Lieber Bruder July, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Der Bibeltext, den wir da eben gehört haben, macht es uns nicht einfach. Der Abschnitt stammt aus den Abschiedsreden Jesu nach Johannes. Da hören wir ein vielfach verschlungenes Hin und Her zwischen dem Vater, Jesus Christus selbst und dem Geist, der Beistand heißt.

Dieser Text stellt nicht erst uns heute vor gehörige Denkschwierigkeiten. Bereits der große Gottesdenker Augustinus hat sich in seinen weit ausgreifenden Reden zum Johannes-Evangelium immer wieder damit beschäftigt, um das Geheimnis des dreifaltigen Gottes zu verstehen. Im Blick auf die eben gehörte Stelle fragt Augustinus: „Spricht denn etwa der Sohn und lehrt der Heilige Geist, so dass wir, wenn der Sohn spricht, die Worte vernehmen, wenn aber der Heilige Geist lehrt, dieselben Worte verstehen? Als ob der Sohn ohne den Heiligen Geist sprechen oder der Heilige Geist ohne den Sohn lehren würde…“?

Liebe Schwestern und Brüder, das Pfingstfest erschließt uns mit dem Kommen des Heiligen Geistes die innere Mitte unseres christlichen Glaubens: Der Heilige Geist und Jesus Christus gehören zusammen. Wenn Jesus spricht und handelt, dann wird in ihm das Wirken des Heiligen Geistes spürbar, hörbar und heilsam wirksam. Andererseits: Im Wehen des Geistes und durch seine beflügelnde Inspiration verstehen wir erst den Weg, den Jesus gegangen ist – und in dessen Nachfolge er uns ruft. Der Ruf, in die Nachfolge Jesu zu treten, ist die konkrete Gestalt dessen, was wir Wirkung des Geistes nennen. Der Geist stürmt und braust also nicht einfach nur, um zu erschüttern. Er erschüttert uns, damit wir vom Geist Jesu Christi erfasst werden. Der Heilige Geist vergegenwärtigt uns Jesus, seinen Lebensweg, seine Art mit den Menschen umzugehen, für sie einzutreten und ihnen heilsam und heilend zu begegnen. Der Geist holt uns in diese Lebensbewegung Jesu Christi hinein. Im tiefsten Sinn lässt sich sagen, und dieses großartige Wort geht wohl auf Martin Luther zurück: Der Geist erinnert Christus!

Und dieses Wort weist in eine doppelte Richtung: Der Geist weist uns auf das innerste Wesen Jesu hin, er erinnert uns an Jesus Christus. Und es ist derselbe Geist Gottes, der auch in Jesus von Nazareth so heilsam wirkte. Das meinen die schwierigen Worte des Abschnittes aus dem Johannesevangelium. Geist ist also kein x-beliebiges Fluidum, Anmutung oder ein frommes feeling. Der Heilige Geist hat eine leibhaftige Gestalt: Jesus von Nazareth. Und der Heilige Geist, der bei der Taufe in uns Christen eingestiftet ist, er erinnert uns an diesen Jesus von Nazareth: damit wir leben, reden und handeln können wie er – der Heiland, der Christus.

Wie heilsam und ermutigend wirken darum jene Worte Jesu, die sein Vermächtnis an uns sind: ‚Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.’ Wir alle spüren heute, so wie die Jünger seinerzeit, die überzeugende Kraft, die von seinen Worten ausgeht. Warum ist das so? Jesus kann diese Zusage so überzeugend überbringen, weil er der Friede selbst ist. Er ist nicht nur derjenige, der Nachrichten seines Vaters zu uns bringt, nein: Er verkörpert sie mit seinem Leben, in seinem Dienst für die Menschen bis zuletzt: Mit seinem Tod und seiner Auferstehung.

„Der Geist erinnert Christus“ – dieses Wort hat noch eine zweite Dimension: Gottes Geist erinnert Christus, Gottes Geist hält in uns die Erinnerung an Jesus Christus leben-dig, er legt seinen Geist in unser Inneres und prägt so unser Leben und Handeln in der Welt. ‚Der Heilige Geist wird euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.’, so hörten wir den Christus im Evangelium. Als geistbegabte und geisterfüllte Menschen verlebendigen wir unter uns Jesus Christus selbst. Wo wir heute als einzelne und als Gemeinschaft der Glaubenden Jesus Christus nachfolgen, wo wir in seinem Namen glauben, leben und handeln, da erbringen wir selbst Früchte des guten Geistes, den wir an Jesus erleben. Christen werden in seiner Nachfolge selbst Friedensstifter, damit jener Shalom, den er uns verkündete, immer mehr wirklich und wahr wird. „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Diese Worte sind Zusage, Programm und Aufruf zugleich. Brechen wir auf, lassen wir uns vom Geist Jesu aufschrecken und Frieden schaffen, wie er ihn verheißen hat. Lassen wir uns in diese tiefe Verbindung der Bewegung zwischen Gottes Geist und Jesus Christus hineinziehen, nehmen wir Maß an Jesus Christus und seinem Handeln. Handeln wir in seinem Geist, nehmen uns beson-ders derjenigen an, die wie Verlorene sind in der heutigen Welt.

Wo das aber geschieht, da wird, da ist wirklich Pfingsten, die immer neue Geburtsstunde der Kirche. "Damit ihr Hoffnung habt", so lautete das Motto des 2. ökumenischen Kirchentages, der vor einer Woche zu Ende gegangen ist. Pfingsten wird’s, damit die Welt neue Hoffnung erhält.

Heute brauchen unsere Kirchen und auch die Gesellschaft pfingstliche Menschen, die sich von Gottes Geist zu Gerechtigkeit und Frieden anstiften lassen. Im Wirken Jesu von Nazareth zeigt sich das Wirken des Geistes. Der pfingstliche Gottesgeist schafft Leben, erfüllt mit Kraft – ganz so wie Jesus selbst in seinem Leben durch seine Art, Menschen zu begegnen, Leben ermöglicht. So, wie Er Kraft schenkt, dass Menschen wieder aufrecht gehen und so ihr Leben neu gestalten können.

Leben wir so wie Jesus von Nazareth, aus seinem Geist, damit die Welt Hoffnung haben kann. Unsere Welt braucht gerade heute ein mitreißendes Zeugnis unserer Liebe, einer Liebe in der Kraft des Geistes! Aufstehen für das Leben und Handeln im Geist Jesu Christi: Das sind die Feuer-Zungen, die die Welt erschüttern und aufmerksam werden lässt für die großen, die Menschen und unsere Welt verändernden Taten Gottes. Der Geist, der in Jesus lebte, der Gottesgeist, der Heilige Geist, er möge auf uns überspringen, damit er in uns und durch uns für andere wirke!

Wo Christen aus dem Geist Gottes leben, der in Jesus Christus unter uns gewirkt hat, da leben wir Ökumene, da sind wir beieinander in dem einen Geist, der vom Vater und vom Sohne ausgeht. Der Geist eint uns. Leben wir ihn!

Amen.