Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt ökumenischer Gedenkgottesdienst „Beginn des ersten Weltkriegs vor 100 Jahren“

Stuttgart, Stiftskirche

Schrifttext: Mt 5,1-10

Verehrte, liebe Zuhörer!

Bei der Vorbereitung auf mein Wort heute habe ich ein Erbauungsbuch aus dem Jahr 1915 entdeckt. Es ist ein Buch mit Gebeten, Texten und Bildern, das die Familien der Soldaten, die im Ersten Weltkrieg an der Front waren, trösten und stärken sollte. Ein Bild in diesem Buch hat sich mir eingeprägt. Es zeigt eine Kreuzigungsszene. Jesus am Kreuz. Unter ihm ziehen die Soldaten vorbei. Man sieht Familien, die zurückbleiben. Man sieht, wie sie weinen und wehklagen und denen, die in den Krieg ziehen, für ein letztes Lebewohl die Hände reichen. Vom Himmel her durch das Kreuz fällt helles Licht auf die Soldaten. – Dieses Bild hinterlässt einen verstörenden Eindruck: Trost vom Kreuz verbunden mit himmlischer Verherrlichung des Zuges der Soldaten!?

Vor 100 Jahren erfasste eine ungeheure Kriegsbegeisterung die Menschen aller Nationen in Europa. Begeisterung für einen Krieg, der schließlich die Welt nachhaltig zerstörte. 17 Millionen Tote. Und Millionen Menschen lebenslang versehrt, verwundet an Leib und Seele…

Die Frage stellt sich: „Wo war Gott?“ – Ja: Er war da und dort! Jede Nation vereinnahmte ihn für sich selbst. Aber er leidet doch mit an jedem Leid, das Menschen einander zufügen. Ja, er tritt ein für Frieden! Diese Wahrheit der Botschaft Jesu Christi war ausgeblendet. – Die Verblendung damals macht sprachlos – bis heute.

Christus, der Auferstandene, ist derjenige, der mit uns leidet und der in uns leidet. Unser Schmerz ist sein Schmerz. Er behält die Wunden am Leib.

Die Verwundungen, die hassende Menschen Jesus zufügen, verwunden Gott selbst. Die Verletzungen, die hassende, tötende Menschen einander zufügen, verwunden unser Bild von Gott: erst recht und ungeheuerlich, wenn ER SELBST für das Siegen und Töten vereinnahmt wird.

Christen verkünden keinen Sieger-Gott über andere. Sondern einen Gott, der nicht verletzt, sondern sich verletzten lässt… Er selbst weint mit den Weinenden. Der mitleidende und mitsterbende Christus ist Grund und Mahnung, dass religiöse Überzeugungen niemals zur Legitimation kriegerischer Auseinandersetzungen missbraucht werden dürfen. Der Missbrauch Gottes zum Sieg der eigenen Sache, das ist eine der Ursünden des Menschen.

Das ist das große Schuldeingeständnis, das wir als Christen heute erbringen müssen: 1914 haben auch Bischöfe, Geistliche und Gläubige in großer Zahl den Krieg als moralische und geistige Erneuerung begrüßt. Dagegen aber steht das Evangelium, Jesus Christus, das Wort Gottes. „Selig, die Frieden stiften“, ruft Jesus in der Predigt vom Berg. (Mt 5,9).

Frieden stiften kann nur, wer die aktuellen Lagen wachsam beobachtet und nüchtern handelt, nicht von Ehre und Gefühlen und Zeitgeist getrieben, sondern von der Friedensbotschaft des Evangeliums. Wachsam sein heißt, alles tun, um Spannungen abzubauen. „Seid wachsam“, ist der Appell an die Politik, alle Möglichkeiten ausschöpfen, an friedlicher Deeskalation. Wachsam sein, heißt auch, Rüstungsexporte in Krisen- und Konfliktgebiete zu unterbinden und die unbeteiligte Zivilbevölkerung zu schützen. Oft genug gleicht das der Quadratur des Kreises. Frieden stiften lebt deshalb vom Handeln und von der Bitte um den Beistand Gottes zum Frieden.

Amen.