Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zu Fronleichnam 2007

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttext: Lk 9,11-17; 1 Kor 11,23-25

Liebe Schwestern und Brüder,

Gottes Ruf auf der Spur! Wann, wenn nicht am heutigen Tag würde das Anliegen des Jahres der Berufung ausdrucksstärker und - im wörtlichen Sinn! - sinnen-fälliger umgesetzt als heute. Denn heute reden wir nicht nur von Aufbruch und Losgehen, heute machen wir uns mit unserem Glauben tatsächlich auf den Weg. Wir brechen auf, um unserem Glauben, um Gottes Ruf an uns auf die Spur zu kommen. Wir gehen los, um Spuren davon zu entdecken, dass Gottes Ruf all unseren Wegen im Leben längst vorausgegangen ist. Dass er mit uns auf dem Weg ist, dass er und sein Ruf Spuren in unserem Leben hinterlassen hat und dass er immer weiter uns und unsere Wege prägen will.


Gott ist mit uns auf der Spur, er ist durch Jesus Christus wahrhaftig unser Weggefährte. Und was könnte es für uns Größeres und Schöneres geben, als sagen zu können: Gott hat uns gerufen, er ist in Jesus Christus bei uns und begleitet uns auf all unseren Wegen. Er ruft uns hinaus in die Weite des Lebens, er lässt uns nicht allein, sondern er ist an unserer Seite, ein Gefährte im besten Sinn des Wortes! Das deutsche Wort Gefährte macht dabei sehr schön gleich im doppelten Sinn deutlich, was gemeint ist: Denn es beinhaltet die etymologische Nähe zu auf dem Weg und in der Gefahr. Für beides dient die Gefährtenschaft. Und solche Gefährtenschaft dient zum Leben. Das Evangelium dieses Fronleichnamstages könnte insofern auch als Geschichte gelebter Gefährtenschaft verstanden werden. Hier wird deutlich, wie wunderbar Gott mit und durch Menschen handelt, die sich von ihm rufen lassen, die durch ihn gerufen ihrem Leben auf die Spur kommen. Dabei können wir gewiss sein, dass unsere Spuren und Fährten jeweils Wege sind, auf denen Gott schon längst Spuren für uns hinterlassen und vorgezeichnet hat. Wege, die er für uns bereitet hat und auf denen er uns mit seiner begleitenden Fürsorge führt, Spuren, auf denen er uns –wie der liebend-barmherzige Vater- entgegenkommen wird: auf dem Weg und in der Gefahr.


Und wichtig ist gleich hier: Christliche Gefährtenschaft ist kein Thema für Egoisten und Einzel-Gänger. Gottes Ruf geschieht immer in Gemeinschaft hinein, seine Berufung ist stets ein Ruf, eine Einladung in die Gemeinschaft des Glaubens. Er ruft uns selbst, damit wir unser Leben und unsere Gaben und Talente in den Dienst der Menschen zu stellen: ‚Gebt ihr ihnen zu essen!’ (Lk 9, 13) Die Aufforderung und Einladung gilt uns auch heute, halten wir gerade heute innen und versuchen zu erspüren, wie und wo Gottes Ruf uns auch heute auf die Spur bringen will. Fragen wir, jede und jeder einzelne danach, welche Berufung uns aussendet, neue Spuren auf unseren Lebenswegen zu entdecken. Denn ‚Gott ruft jeden, aber jeden mit einer anderen Stimme’, wie ein großer französischer Theologe es ausdrückte (Yves Congar).


Liebe Schwestern und Brüder, für das Leben in unserer Kirche ist es so wichtig, dass alle bereit sind, ihrer Berufung nachzuspüren, um ihre von Gott empfangenen Gaben und Begabungen für sich und andere Menschen fruchtbar zu machen. So wächst Kirche als Gemein­schaft der Glaubenden, als Zeichen der Hoffnung, als Licht der Welt! In den spezifisch kirchlichen Berufen wird dabei die grundsätzliche Berufung eines jeden Menschen sichtbar: Die Priester, Diakone, die Ordensleute, aber auch alle Frauen und Männer, die in pastoralen oder karitativen Berufen im Dienst für Menschen tätig sind; aber auch die Lehrer, Erzieherinnen, unzählige Pflegekräfte legen durch ihre spezifisch kirchlichen Berufe Zeugnis ab von dem Ruf Gottes, durch den sie in ihrem Leben ihrer Berufung auf die Spur gekommen sind. Nicht vergessen möchte ich hier die vielen ehrenamtlichen Frauen und Männer, die sich in unseren Kirchengemeinderäten, in Besuchsdiensten oder Hospizgruppen oder auf viele andere Weisen für die Menschen engagieren.


Gott braucht Menschen, die aufzubrechen bereit sind, Menschen, die aus den christlichen Wurzeln ihrer Lebensgestaltung keinen Hehl machen, Menschen, die andere an den eigenen Quellen ihres Glaubens teilnehmen lassen. Menschen, die ihre Berufung leben und als Begeisterte auch begeistern können. Es geht darum, unsere Begabungen wahrzunehmen, uns von Jesus Christus rufen zu lassen und in seinem Geist unsere Begabungen einzusetzen.


Liebe Schwestern und Brüder, Gottes Ruf auf der Spur: Der heutige Fronleichnamstag ist mit diesem Thema überschrieben worden und verschiedene Stationen auf unserem Prozessionsweg gleich werden uns nochmals daran erinnern. Der wunderschöne Blumenteppich hier, verschiedene Stationen auf unserem Weg durch die Stadt machen deutlich: Wir sind mit Gott auf unserer Spur, Gottes Ruf fordert uns heraus, uns selbst und unserer Berufung auf die Spur zu kommen.


Das Fest Fronleichnam lädt uns nun dazu ein, öffentlich das Geheimnis unseres Glaubens zu feiern, mitten in der Welt die Spuren Gottes in unserem Leben zu bezeugen. Wir zeigen der Welt, wie wir Gottes Ruf auf der Spur sind, und wir bezeugen, welch entscheidende Rolle Jesus Christus, unser Bruder, Herr und Weggefährte dabei hat. Wir machen uns mit Jesus Christus auf den Weg, damit wir auch selbst in unserem Leben unseren Weg, unsere Spur finden. Die Fahnen, Kerzen, die Blumen, der Schmuck des Ortes, eine ganze Stadt auf den Beinen – all das dreht sich um diese eine Mitte. Auf ihn ist alles bezogen, von ihm wird alles zusammengehalten. Er ruft uns in seine Nachfolge und führt uns zusammen. Richten wir unsere je eigene Berufung immer wieder neu an Jesus Christus aus. So wird auch durch uns die Gemeinschaft der Glaubenden zum wirksamen Zeichen des Heils für die Menschen. Jesus Christus selbst ist diese Mitte!


Diese Mitte aber ist ein zerbrechliches Stückchen Brot, von dem wir als Christen sagen: Hier ist Jesus selbst gegenwärtig. Christus, der sich selbst hingibt in den Zeichen von Brot und Wein. Das haben wir in der Lesung gehört: Jesus hat Brot und Wein eingesetzt zum Gedächtnis an ihn; er ist in diesen Zeichen selbst da - und indem wir dieses Gedächtnis begehen und feiern, verkünden wir seinen Tod und seine Auferstehung, die verwandelnde Kraft der Hingabe für alle Menschen. Dies Brot, dass wir heute durch die Straßen tragen, um Jesu Hingabe für die Menschen zu bezeugen, dieses Brot ist sein Leib, das ist sein Leben, das ihm von Gott geschenkt war und das er gerne mit anderen teilte. Das Evangelium erzählte in starken Bildern davon: Jesus hat keine Angst gehabt, er teilte sich selbst mit den Menschen. Die Szene mit den Broten und Fischen zeigte deutlich: Sein ganzes Leben ist offen für Gottes Willen und für die Not der Menschen. Gott ist seine Leidenschaft, das Leben der Menschen ist seine Passion, für die er im letzten Sinn sich hinzugeben bereit war.


Brot und Wein, Leib und Blut Christi betreffen alle Menschen - deshalb gehen wir auf die Straßen! Christus als Brot des Lebens ist die Mitte dieses Festes: Gott ist mit uns in Jesus Christus auf dem Weg, damit auch wir uns zu ihm und mit ihm auf den Weg machen können.


Mit ihm gehen wir hinaus auf die Straßen, um die Welt zu verwandeln und zu heiligen, um uns zu unserem Glauben zu bekennen. Gottes Ruf auf der Spur: Die Überschrift über den heutigen Tag ist bewusst offen formuliert. Denn der Tag soll nicht damit enden, dass die Monstranz wieder im Tabernakel verschwindet. Vielmehr sollen wir selber Brot und Wein werden, um die Welt mit der Nahrung des Glaubens, unseres eigenen Glaubens, zu verwandeln. Die Eucharistie ist für die Kirche in diesem tiefen Sinn lebenswichtig. In ihr schenkt sich Christus für uns als die Kraft des Lebens. Eine Kraft, damit wir selbst wieder geben und schenken können. Dieses Brot verwandelt die Welt, Trost für die Kranken, Wegzehrung der Sterbenden, Hoffnung für die Verzweifelten. Dies ist das Geheimnis unseres Glaubens, es ist Brot, das die Welt verwandelt.


Wenn wir leben und anbeten, wenn wir empfangen und wissen: Hier ist Jesus Christus - und er bleibt immer bei uns -, dann werden wir immer mehr dieses tiefste Geheimnis Gottes verstehen lernen. Wir lernen immer mehr, Gottes Ruf auf die Spur zu kommen, unsere Berufungen zu entdecken und seinen Ruf auf der Spur unseres Lebens widerhallen zu lassen. Amen.