Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zu Fronleichnam 2010

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttext: Lk 9,11-17; 1 Kor 11,23-25

Liebe Schwestern und Brüder!

‚Jesus hat sein Leben für uns hingegeben’ (1 Joh 3,16): unter dieses dem ersten Johannesbrief entnommene Wort steht das diesjährige Fronleichnamsfest. Mit diesem Wort bringt Johannes das Leben und Handelns Jesu Christi auf den Punkt. Dieses Wort greift die Mitte des Abendmahls des Gründonnerstags auf: Jesus gibt sich selbst hin: Leib und Leben – für uns. Er stiftet damit ein bleibendes und in die Zukunft hinein lebendiges Gedächtnismahl dieser Hingabe, in welchem er selbst gegenwärtig ist. Jesus hat sein Leben für uns hingegeben.

Die Zusage Gottes dem Mose gegenüber am brennenden Dornbusch gegeben "Ich bin da, ich bin für euch da", diese Zusage hat in Jesus Christus, Leib und Leben, Fleisch und Blut angenommen. Gottes Gegenwart unter den Menschen ist in Jesus Leib und Leben geworden.

Liebe Schwestern und Brüder, Gott, der sich selbst in Jesus für uns hingegeben hat als unendliches Geschenk an uns, er fordert nun uns auf, in seiner Nachfolge auch uns einzusetzen, uns selbst, unsere Kräfte, ja womöglich unser Leben hinzugeben. So werden wir selbst zum Brot des Lebens für andere: für die Hungrigen an den Rändern der Straße, für die nach Leben dürstenden Seelen. Das Geschenk seiner Hingabe verbindet Jesus ausdrücklich mit der Einladung, dabei mitzumachen, aus Gottes Geist zu leben, mit der Kraft solch selbstloser Hingabe auch selbst dazu beizutragen, die Welt ein heilsames Stück zu verwandeln.

‚Jesus hat sein Leben für uns hingegeben’(1 Joh 3,16). Das verkünden wir heute am Fronleichnamsfest.

Aber – wie verkünden wir, als Christen, die in dieser Glaubensüberzeugung stehen, wie verkünden wir das glaubwürdig? Gerade in diesen Tagen, in der unsere Kirche in eine so schwierige Situation geraten ist? Nur in Worten zu rufen: ‚Jesus hat sein Leben für uns hingegeben’, das reicht nicht. Nur wenn wir als Christen tun, was wir verkünden, sind wir glaubwürdig. Nur wenn wir Christen mit unserem Leben verkünden, was wir glauben, nimmt man uns die Botschaft ab. Christen, ja unsere ganze Kirche als Kirche Jesu Christi in allen ihren Gliedern und Mitgliedern, in ihren Diensten, Ämtern und Ehrenämtern, muss mit ihrem Leben und Handeln glaubhaft verwirklichen, welchem Lebens-Meister wir folgen. Kirche als die Verkörperung der frohen Botschaft, die Jesus uns gebracht und vorgelebt hat, muss selbst ihr Leben hingeben für die Menschen. Wir sind kein Verein, dem es um sich selbst geht. Wir sind die Gemeinschaft der Glaubenden, denen es in Jesu Namen um die Menschen geht: so wirkt der Gottes-Geist unter uns.

Alfred Delp, der von den nationalsozialistischen Machthabern am 2. Februar 1945 ermordete Jesuitenpater schreibt der Kirche kurz vor seiner Hinrichtung ganz im Sinne des Wortes aus dem Johannesbrief ins Stammbuch: „Wir haben ... den Menschen das Vertrauen zu uns genommen. .... Ob die Kirche noch einmal einen Weg zu den Menschen finden wird, hängt davon ab, ob die Kirche zurückkehrt in den Dienst am Menschen, ob sie zurückkehrt in die »Diakonie«: in den Dienst der Menschheit. Und zwar in einen Dienst, den die Not der Menschheit bestimmt... »Der Menschensohn« ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen« (Mk 10,45). ... Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen.

Rückkehr in die »Diakonie«, damit meine ich das Sich-Gesellen zum Menschen in allen seinen Situationen mit der Absicht, sie ihm meistern zu helfen... ‚Geht hinaus’, hat der Meister gesagt, und nicht: ‚Setzt euch hin und wartet, ob einer kommt.’ Es hat keinen Sinn, (selbst-)zufrieden die Menschheit ihrem Schicksal zu überlassen. Dies alles wird aber nur verstanden und gewollt werden, wenn aus der Kirche wieder erfüllte Menschen kommen, die sich wieder wissen als Sachwalter und nicht nur Sachwalter Christi, sondern als die, die gebetet haben mit aller Offenheit: fac cor meum secundum cor tuum. - Bereite mein Herz nach deinem Herzen Herr Jesus Christus...“

Unter diesem Wort, in diesem Geist muss sich unsere Kirche erneuern, will sie das Evangelium den Menschen glaubhaft bezeugen. Delps Wort meint nichts anderes, als dass der Geist der Liebe Gottes, der am Pfingstfest auf die Apostel in Sturm und Feuer herabgekommen ist, immer wieder neu unter das Volk Gottes und in die Getauften fahren muss. Die Erneuerung der Kirche kann nur geschehen aus der Kraft des Geistes, der von Jesus ausgeht uns Christen-Menschen ergreift und wirkt im Dienst an den Menschen und für die Menschen.

Kirche unter dem Geist, des sich für die Menschen hingebenden Jesus Christus ist immer im Sturm der Erneuerung. Manch Altes muss vergehen und Neues wird entstehen. Kirche im Feuer des Gottes-Geistes ist immer in Läuterung. Und wir gehen derzeit wie durch ein läuterndes Feuer! Es reinigt die bösen Geschehnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte in unserer Kirche. Der Sturm des in Jesus von Nazareth sichtbar und lebendig gewordenen Gottes-Geistes muss unsere Kirche von allem dürr gewordenen befreien. Nur so können wir mit neuer Glaubwürdigkeit Zeugnis geben vom Evangelium, das für die Menschen eine heilsame und befreiende Botschaft ist.

Glaubwürdigkeit erwächst der Kirche dadurch, dass sie tut, was sie verkündet. Wir sind keine Spaßgesellschaft oder ein Wellnessverein, sondern wir sind die Kirche Jesu Christi!

Glaubwürdigkeit erwächst der Kirche, wenn sie selbst als vom heiligen Geist Jesu Christi erfüllte Gestalt des Gottesvolkes lebendig lebt und wirkt – einfach den Menschen dient!

Der Geist, des sich den Menschen hingebenden Gottessohnes wirkt durch das Leben der getauften und gefirmten Christen im Volk Gottes. Die Gestalt unserer Kirche, ihre Dienste und Ämter und all die Charismen und Talente müssen so sein oder werden, dass sie dem dienenden Geist Christi durch ihr Miteinander und Füreinander Raum geben und zur Wirkung kommen lassen. Unser aller Verhalten, muss so sein und werden, dass der Geist Gottes wirken kann, dass der Geist Jesu Christi heilend, erneuernd, Hoffnung stiftend und tröstend wirken kann.

Den Weg aus der Krise der Kirche zeigt uns der dienende Christus, der sein Leben hingibt für die Menschen: Folgen wir ihm nach! Als einzelner Getaufter, als Gemeinschaft der Glaubenden, als Kirche Jesu Christi, damit wir glaubwürdig Christus bezeugen auf den Straßen der Stadt.

Amen.