Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zu Pfingsten 2007

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttext: Apg 2,1-11; 1 Kor 12,3-13; Joh 14,15-16.23b-26

Liebe Schwestern und Brüder!

Weihnachten und Ostern - diese großen Feste im Kirchenjahr stehen mit klaren Konturen vor uns: Menschwerdung Gottes – Auferstehung des gekreuzigten Jesus Christus: – aber Pfingsten? Heiliger Geist? - Es ist nicht gerade als großes Lob gemeint, wenn jemand zu einem sagt: Du bist so durchgeistigt.

Die Feuerzungen vom Himmel, die sich auf die Apostel einzeln verteilen, verbinden wir besonders mit dem Pfingstereignis. Das Wort von den Zungen hat eine doppelte Bedeutung. Da ist die Rede nicht nur von Feuerzungen, sondern auch von den Zungen, mit denen die vom Geist Ergriffenen ‚in fremden Sprachen zu reden anfangen, wie es der Geist ihnen eingab‘, und dabei verstanden werden. - Die zusammengeströmten Menschen sind ganz bestürzt und sagen aufs höchste erstaunt: „Wie kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören?“ Es ist offensichtlich: Beide Arten von Zungen gehören zusammen, die Feuerzungen des Heiligen Geistes und die menschlichen Zungen, ein Sprechen, das in der Lage ist, Worte zu reden, die andere verstehen.

Pfingsten ist das Fest, wo aus der bloßen Vielstimmigkeit der Geist zum Durchbruch kommt, der Verstehen bewirkt. Wo Menschen im Geist Jesu denken, sprechen und handeln, wie die ersten Jünger das offensichtlich taten, da wird Verstehen möglich sogar unter Fremden. An Pfingsten kommen die Zungen in Bewegung, die Apostel werden ergriffen, sie reden, und sie treffen die richtige Sprache. Die Menschen verstehen sie. Sie verstehen, was das alles für sie, ihr Leben und ihre Zeit bedeutet! Pfingsten ist das Fest, das aus Unverständnis und Verwirrung Verstehen werden lässt.

Dass aus Verwirrung Verstehen wachsen möge – dass wir nicht bloß durcheinander reden und aneinander vorbei, dass wir vielmehr eine Sprache sprechen können, dass wir verstanden werden können und dass Verstehen überhaupt möglich wird – diesem Wunsch können wir uns anschließen. Hier trifft Pfingsten sogar auf unsere Sehnsucht! Pfingsten ereignet sich, wo Verstehen geschieht. Pfingsten – das Wirken des Geistes Gottes - löst die babylonische Sprachverwirrung. - Aber ist das wirklich unsere Erfahrung – einander verstehen?

Liebe Schwestern und Brüder, heute ist es mit zwei, drei international verbreiteten Sprachen scheinbar nicht mehr schwierig, sich über alle Sprachgrenzen hinweg halbwegs zu verständigen. Aber ob wir in unserer Einen Welt, mit ihren so verschiedenen Kulturen einander deshalb verstehen? Ja selbst bei uns: Sprechen wir die selbe Sprache, wenn wir die selben Worte benutzen? Können wir uns noch verstehen als Junge und Alte? Haben traditionell denkende und modern empfindende, religiös geprägte und nicht religiös eingestellte Menschen Etwas gemeinsam? Was verbindet Einheimische und Ausländer? Verstehen die Vertreter unterschiedlicher Wissenschaftszweige noch, was die jeweils anderen denken und sagen? Wir reden immer mehr und werden doch untereinander immer sprachloser, immer unfähiger zum wirklichen Gespräch miteinander. Ja, wir erleben die Sprache als eine Quelle von Missverständnissen. Und Missverständnisse sind gefährlich. Sie können tödlich wirken! - Wo bleibt da der Geist des Verstehens?

Das Jahr 2007 ist in Deutschland das Jahr der Geisteswissenschaften. Offensichtlich, damit inmitten des Triumphs der Naturwissenschaften der Geist nicht vergessen wird. Ich nehme das mit großem Interesse wahr. Aber was heißt das? Was sollen die Geschichtswissenschaften, die Philosophie, die Theologie und die Religionswissenschaft, die Kulturgeschichte, zu einem Geist des Verstehens beitragen?

Liebe Schwestern und Brüder, sicher fragen Sie jetzt: Was hat das mit Pfingsten, mit dem Heiligen Geist zu tun? Ich sehe einen Zusammenhang. Es geht in den Geisteswissenschaften um den Geist, um den Geist des Menschen. Wie können wir die Schöpfungen dieses Geistes und ihre Geschichte deuten? Was bedeutet es, dass der Mensch ein religiöses Wesen ist? Was ist das Wesen der Kunst? Was heißt Freiheit? Das sind nicht nur Einzelfragen und Einzelwissen. Dahinter steht ein Suchen nach Zusammenhängen; ein Bemühen, zu deuten und Bedeutungen zu erkennen. Nicht zuletzt stellt sich die Frage: Was wissen wir und was können wir? - wozu ist das gut? - Über alles Einzelwissen hinaus geht es um das Verbindende. Um das, was den Menschen gemeinsam ist. Nicht nur zu etwas wissen, sondern einander zu verstehen, ist entscheidend.

Wenn der Mensch nach seinem Geist fragt, dann fragt er nach sich selbst: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Mensch, was ist das menschliche Miteinander? Was ist die Bestimmung, der Sinn unseres Lebens und unserer Geschichte? Menschen fragen nach den Wurzeln und nach der Zukunft ihres Daseins. - Vielleicht führt uns das Fragen nach den Wurzeln, nach Bestimmung und Sinn zu einer Ahnung von dem, was im heutigen Evangelium so wunderbar der "Geist der Wahrheit" (Joh 14) genannt wurde: eine Ahnung davon, dass wir aus einem Geheimnis herkommen und in ein Geheimnis hineingehen, über das wir nicht verfügen können. Auch eine Ahnung davon, dass wir nur Mensch sein und Mensch werden können, ja dass wir nur überleben können, wenn wir nicht gegeneinander, sondern miteinander leben – in Solidarität und Liebe. Dies zu ahnen bedeutet nicht einfach schon, an Gott zu glauben und den Mitmenschen zu lieben. Aber wenn wir unseren Geist öffnen, wenn wir zulassen, dass er nach diesen ersten und letzten Dingen fragt, dass er das Miteinander sucht, um Verstehen zu ermöglichen – dann ginge vom Jahr der Geisteswissenschaften ein heilsamer Impuls aus. Dann werden wir vielleicht offener für Gottes Geist, der uns in unserem Geist anspricht und der uns für einander öffnen will. Ich meine, der Völkerapostel Paulus spricht das an, wenn er im Brief an seine Korinther schreibt: ‚Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen.’ (1 Kor 12, 6)

Liebe Schwestern und Brüder, Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Aber das ist ein ganz anderer Geburtstag als wir ihn kennen: Denn Pfingsten ist der große Durchbruch von Gott her. Der Ungeist der Verwirrung wandelt sich unter Feuerzungen zum Geist des Verstehens. Heiliger Geist wirkt dort, wo wir so sprechen, dass wir auch verstanden werden. Heiliger Geist wirkt dort, wo wir hören und verstehen können, was uns verkündet wird.

Gottes Geist, der ‚Geist der Wahrheit’ ist es, der Pfingsten werden lässt, derselbe Geist Gottes, der in Jesus von Nazareth so heilsam wirkte. An einer Stelle steht im Evangelium: „Jesus wusste, was im Menschen ist.“ ( ... ) und an anderer Stelle: „Wir haben in Jesus Christus einen Hohenpriester, der mitfühlen kann mit unserer Schwäche.“ (Hebr 4,14) Aus dem in ihm lebendigen heiligen Geist heraus konnte Jesus Andere verstehen und mitfühlen mit ihrer menschlichen Situation: auch das gehört zur Einzigartigkeit des Geistes Jesu Christi, mit dem er gesalbt war. Diese Sendung des Geistes hat Christus erfüllt. - Heiliger Geist befähigt zu verstehen, was im Menschen ist. Heiliger Geist lässt uns mitfühlen mit dem Mitmenschen. Und Heiliger Geist fährt in die Verwirrten, wo sie sich zu verstehen beginnen. Lassen wir uns vom Geist Jesu Christi, vom Heiligen Geist, vom Geist der Wahrheit ergreifen!

Vom anderen her denken, dass wir verstanden werden. Mitfühlen mit der menschlichen Situation des Gegenübers und sei er uns ein Fremder. Diese Sendung des Geistes sind wir eingeladen, uns zu eigen zu machen. Pfingsten als Geburtsstunde der Kirche öffnet den Blick auch für diese heute so wichtige Facette des Christseins: Dem Ungeist der Zwietracht wehren. Den Geist des Verstehens mehren. Aus einer Spiritualität des Mitfühlens mit dem Anderen leben und handeln. Solch Heiliger Geist überwindet Gräben und lässt unsere Eine Welt leben – im Frieden.

Amen.