Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zu Pfingsten 2008

Stuttgart, Konkathedrale St. Eberhard

Schrifttext: Apg 2,1-11; 1 Kor 12,3-13; Joh 20, 9-23

Liebe Schwestern und Brüder!

‚Veni, creator Spiritus’ – Komm, Schöpfer Geist! - So singen wir mit frohem Herzen und lauter Stimme. So erbitten wir das Kommen des erfrischend-belebenden Geistes Gottes am Pfingstfest. Veni, creator Spiritus: Mit diesem Ruf verbinden wir auch eine Dimension, die schon seit der frühen Kirche als zentrales Moment des göttlichen Geistes lebendig war und das wir heute neu mit dem Pfingstfest in Verbindung bringen müssen: der Geist in der biblischen Tradition ist der Schöpfer-Geist. Bereits in der Schöpfungsgeschichte hören wir: ‚der Geist Gottes schwebte über den Wassern’.

Aus dem Geist vollzieht Gott sein Schöpfungswerk. Aus dem Gottesgeist wird Gottes gute Schöpfung geschaffen: der Garten Eden, in den wir Menschen gesetzt sind, um ihn zu bebauen und zu pflegen. Bewahrung der Schöpfung kann nur aus dem Geist geschehen, der sie hervorgebracht hat. Der Geist der Schöpfung ist auch der Geist des Schöpfers in uns und will durch uns wirken. „Der Geist des Herrn erfüllt das All.“ „Ganz überströmt von Glanz und Licht, erhebt die Schöpfung ihr Gesicht.“ (GL 249,1), haben wir im Eingangslied gesungen.

Wenn wir diesen Kern des christlichen Glaubens an den schöpferischen Gottes-Geist wirklich ernst nehmen, heißt das: Auf den Heiligen Geist getaufte Christen drängt der Schöpfergeist zu einem schöpfungsgerechten, zu einem schöpfungsfreundlichen Han-deln. Christen stehen nicht nur auf für das Leben des Menschen, wo es bedroht und geschändet wird. Als vom Gottes-Geist inspirierte Menschen übernehmen wir auch bewusst Verantwortung für die Sorge um die gute Schöpfung Gottes, in der wir leben, zu der wir gehören, die unsere Mitwelt ist.

Christen sollten sich daher von niemandem übertreffen lassen, wenn es gilt aufzustehen für den Schutz der bedrohten oder gefährdeten Schöpfung, wenn es darum geht, den Garten der Schöpfung zu erhalten und zu pflegen. So setzen wir uns aktiv, beharrlich und energisch für ein Handeln ein, das den Erhalt der Schöpfung und unser Zusammenleben in ihr ermöglichen und diese Erde auch zukünftig lebenswert machen helfen. So loben und preisen wir Gott den Schöpfer!

Liebe Schwestern und Brüder, solches an Pfingsten zu verkünden, ist vielleicht ungewöhnlich. Aber heute erkennen wir deutlicher als früher, dass wir unser heilendes Handeln über die Mitmenschen hinaus ausdehnen müssen auf die ganze bedrohte und schon beschädigte Schöpfung – auf die Natur, die Tiere, die Pflanzen, die Elemente: frisches Wasser, reine Luft, fruchtbare Erde. Zur Praxis unseres Glaubens an den Gott Jesu Christi gehört, dass wir unser gestörtes Verhältnis zur Schöpfung sanieren und unsere zerstörerische Beziehung zur Natur in ein heilendes Verhältnis umwandeln.

Die ganze Schöpfung ist nicht nur Gleichnis Gottes, nein, und das zeigt besonders das Pfingstfest mit der Herabkunft des ‚creator Spiritus’ des Schöpfergeistes: die Schöpfung hat Anteil an der Gegenwart ihres Schöpfers. Das christliche Credo beginnt mit dem Glauben an den Schöpfer des Himmels und der Erde und findet im Schöpferlob aller Kreatur sein Ziel. Der Schöpfungsglaube gehört zum Kernbestand des christlichen Glaubens. Wir können nicht an den Schöpfer glauben und die Natur – sein Werk! – zugrunde richten. Wer die Schöpfung beschmutzt oder zerstört, der beleidigt und beschädigt Gott.

Mein eigener Wahlspruch, ‚Propter nostram salutem – um unseres Heiles willen’, wird meist als heilendes Handeln auf Menschen und ihr Zusammenleben interpretiert. Das ist gut so. Aber das Heil von Gott kommt nicht nur für den Menschen allein. Unser heilendes Handeln muss auch die ganze bedrohte und beschädigte Schöpfung erreichen.

Natur, in der wir Christen Gottes Schöpfung erblicken, ist heute oft zum bloß verfügbaren und manipulierbaren Material geworden. Die Natur wird allein den materiellen und ökonomischen Interessen geopfert. Damit wird aber der Natur rohe Gewalt angetan, der Sinn der Schöpfung missachtet, sie selbst wird versklavt und geht verloren: In deutlicher Weise hat der Apostel Paulus darauf hingewiesen: „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ Diese Worte aus dem Römerbrief (Röm 8,21.22) erhalten heute eine ganz neue Bedeutung.

Veni, creator Spiritus! – Fragen wir uns am Fest des Heiligen Geistes:
Wie gehen wir mit den Gaben der Schöpfung um, den natürlichen Ressourcen, die wir nicht selbst geschaffen haben? Wie gehen wir um mit der wunderbaren Vielfalt der arten des Lebens? Wie mit unserem Klima?

Veni, creator Spiritus: Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein! – Wirke durch uns zum Heil der bedrohten Schöpfung! Eine wahrhaft pfingstliche Bitte!

Liebe Schwestern und Brüder, am Pfingstfest feiern wir das belebende und heilsame Wirken des Heiligen Geistes. Dieses Fest ist die Geburtsstunde der Kirche, zum Heile der Menschen und der gesamten Schöpfung! Die Feuerzungen von Pfingsten sind ein starkes Bild für das Wirken des Gottesgeistes, der der Schöpfergeist ist. Seine Botschaft lautet heute: Christen, das sind die, die selbst aus Gottes schöpferischem Geist leben und handeln zum Wohle des Menschen und zum Wohl der ganzen geplagten Schöpfung. Ein begeisterter, vom Schöpfungsgeist erfüllter Glaube und das Handeln für die Menschen und für die Schöpfung gehören zusammen.

So heißt es im Gebet einer Ordensfrau:

‚Komm, du Hauch des Geistes,
komm, du Sturm des Lebendigen,
ergreife uns, dann wird diese große Welt neu
in dem kleinen Stückchen Welt, das unser Leben ist.’
Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein! (GL 245,1)

Amen.