Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zu Pfingsten 2009

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttexte: Apg 2,1-11; 1 Kor 12,3-13; Joh 20, 19-23

Liebe Schwestern und Brüder!

‚Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen!‘ so sagen wir, wenn wir einem Menschen zeigen, dass er vom rechten Tun abgekommen ist. Keiner will wirklich von allen guten Geistern verlassen sein. Wir wollen von guten Geistern begleitet, von einem guten Geist erfüllt sein. Das ist kein frommes Gerede, sondern bitter nötig für unser aller Leben.

Ein junger Mensch mit 17 Jahren in Winnenden war von allen guten Geistern verlassen. Ja er war von einem bösen Geist ergriffen, als er so viele andere tötete. Da wird deutlich, dass die Rede vom heiligen Geist nicht belanglos ist. Ein guter Geist macht lebendig, ein böser Geist im Menschen tötet!

In besonderer Weise haben das die Apostel am ersten Pfingsttag in Jerusalem erfahren. Da macht der gute Geist die gelähmte Gemeinschaft wieder lebendig. Da wirkt Gottes eigener Geist, der wahrhaft gute Geist. Er inspiriert, belebt und beflügelt die Menschen, die sich zuvor so ängstlich, verzagt in ihren geschlossenen Raum zurückgezogen hatten. Warum wurde gerade ihnen der Geist geschenkt? „Sie verharrten im Obergemach in Jerusalem einmütig im Gebet.“ (Apg 1,14). Den betenden Menschen wird der Gottesgeist geschenkt. Denen, die sich auf Gott beziehen und zu Christus rufen: über diese Menschen kommt der feurige Gottesgeist. Wo der Geist wirkt, da wird Erstarrtes erwärmt, Getrenntes verbunden, Müdes erfrischt, Verzagtes ermuntert und gestärkt, ja Totes lebendig gemacht!

Wo der Heilige Geist wirkt, da erleben Menschen seine Kraft, seinen Beistand, erfahren Stärkung und – sie ändern ihr Leben! Geist Gottes wirkt! Geist Gottes wirkt sich aus!

Wie aber können wir begreifen und beurteilen, was wirklich Gottes Geist ist? Da ist es gut, dass wir alle jemanden kennen, an dem wir ablesen, beobachten, ja erfahren können wie Gottes Geist in einem Menschen und durch einen Menschen wirkt, sich auswirkt. Dieser Mensch ist Jesus von Nazareth!

Liebe Schwestern und Brüder! In Jesu Leben, in seinen Worten, in seinem Handeln, in seinem Verhalten, wird für uns deutlich, wie Gottes Geist sich äußert. „Erfüllt von der Kraft des Gottesgeistes geht Jesus durch das Land.“ (Lk) heißt es in den Evangelien. Alle Worte Jesu und alles, was er getan hat an den Menschen und für sie, sind Wirkungen des Gottes-Geistes. An Jesus können wir erfahren, wie das aussieht, wenn ein Mensch ganz aus dem Geist Gottes lebt und handelt. Das Erfülltsein von Gottes gutem Geist macht diesen Menschen aus Nazaret so anziehend für die Menschen. Und sie, die Lebensdurstigen, die an Mangel an Lebenskraft leiden, sie kommen von überall her zu ihm: die armen, die unfeinen und ungebildeten Leute, auch die, die sich verfehlt hatten, sie suchen seine Nähe und er schenkt sie ihnen. Ja noch mehr: Jesus geht auf sie zu, kommt ihnen nahe, den Verirrten geht er nach, ja, die Sünder verwandelt er, in dem er es wagt, ihnen nahe zu kommen: das sind die Wirkungen des Gottesgeistes, von dem Jesus durchdrungen und ermächtigt ist.

Viele kamen um gesund, geheilt zu werden – viele erfuhren Freude und Stärkung. Das haben die Menschen mit ihm und durch ihn erlebt – weil Jesus nicht von allen guten Geistern verlassen war, sondern geistreich war, von Gottes Geist erfüllt den Menschen begegnete. Und wenn sie wieder weggehen von ihm, sind sie verwandelt: geheilt, aufgerichtet, zuversichtlich, getröstet, versöhnt mit sich und anderen: mit aufrechtem Gang, heil an Leib und Seele: voll neuer Lebenskraft. Jesus schafft in der Kraft des Geistes ihr Leben neu. Mit gutem, Heiligen Geist! Der Heilige Geist erinnert Christus! So lautet ein Wort aus unserer christlichen Überlieferung. Der Heilige Geist ist nicht ein Fluidum oder eine Kopfgeburt. Der Heilige Geist wirkt durch Jesus, wird in Jesus Christus sichtbar, erfahrbar, anschaulich.

Liebe Schwestern und Brüder, Jesus gibt denen, die an ihm hängen, diesen Geist weiter, der ihm von Gott gegeben ist. Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen auch wir dem Geist folgen, der aus Jesus Christus spricht und handelt. Denn der Geist Gottes wirkt sich aus, es ist aber auch ein Geist, der uns fordert und leitet, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen, es be-geistert zu gestalten.

Pfingsten hat die Jünger völlig verwandelt und mit dem Gottesgeist erfüllt. Aus den stumm gewordnen wurden missionarische Menschen, die Gottes Großtaten verkündeten. Und die erste Tat des vom Heiligen Geist trunkenen Petrus ist die Heilung eines Gelähmten auf den Stufen des Tempels (Apg, 3,1-10). Heiliger Geist ist heilender Geist.

Lassen wir uns von diesem Gottes-Geist, bewegen und leiten: Gehen wir als die von seinem Geist Begabten selbst zu den armen, zu den unfeinen und ungebildeten Leuten, trösten wir die Traurigen und scheinbar Gescheiterten, begegnen wir den geplagten Leuten heilsam. Gehen wir auch zu denen, die sich verfehlt haben, gehen wir hin, in der Kraft des Geistes, der durch uns wirkt: tröstend, verzeihend, ermutigend, hilfreich.

Brauchen wir nicht alle solchen Geist? Im eigenen Leben, im Zusammenleben untereinander und mit anderen! Brauchen wir nicht alle solchen Geist in unserem größer werdenden Europa?

Der Mensch steht nach unserer Verfassung „in Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Es wäre gut, wenn auch die Grundfesten des zukünftigen Europa von diesem Geist inspiriert würden. Dabei geht es um den guten Geist, der in Jesus Christus gewirkt hat, auch heute wirkt und auch für unsere Gesellschaft heute heilsame Impulse geben kann.

Ich hatte davon gesprochen, dass uns der Geist Jesu Christi herausfordert, Verantwortung für unser Leben und Handeln zu übernehmen, uns so zu verhalten, dass die Prägung durch christlichen Geist spürbar ist. All das gilt für jeden einzelnen, aber auch für unsere Gesellschaft insgesamt, hier in Deutschland, aber auch in Europa. Ich möchte Sie gerade als Christen einladen, hier Ihre Verantwortung wahrzunehmen und am kommenden Sonntag am 7. Juni an der Wahl zum Europäischen Parlamente teilzunehmen. So können Sie ein bewusstes Zeichen setzen, dass uns gerade als Christen nicht egal ist, in welcher Gesellschaft wir leben und von welchem Geist sie geprägt ist. Dass ein solch guter Geist christlicher Spiritualität in den Gesellschaften und im Alltagsleben der Menschen in den Ländern und Regionen sich immer mehr ausbreitet und so Europas Zukunft inspirieren kann, bleibt eine große Herausforderung und Chance, damit wir nicht bald von allen guten Geistern verlassen sind.

Liebe Schwestern und Brüder. Ich bin sicher, wenn viele Christen sich wieder wie die Jünger Jesu am Pfingstfest in Jerusalem von Gottes Geist ergreifen lassen, dann wird unsere Gesellschaft, dann wird Europa auch wieder vom christlichen Geist geprägt sein und mit gutem Geist in die Zukunft gehen.

Amen.