Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zu Pfingsten 2010

Stuttgart, Konkathedrale St. Eberhard

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Pfingstfest, das wir heute feiern, gehört mit Weihnachten und Ostern zu den drei zentralen Festen des Kirchenjahres.

Am Weihnachtsfest feiern wir die Geburt Jesu. Am Osterfest feiern wir die Geburt des neuen, ewigen Lebens, die Auferstehung Jesu des Gekreuzigten.
Am Pfingstfest feiern wir das Geburtsfest der Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden. Wir feiern die Geburt des Gottesvolkes aus der Ausgießung des Geistes.

Selten war dieses Fest des Heiligen Geistes so bedeutungsvoll wie in diesen Tagen, in denen unsere Kirche in eine so schwere Krise geraten ist. Sonst eher im Schatten der anderen beiden großen Feste, steht das Pfingstfest – die Sendung des Heiligen Geistes - in diesen unseren Tagen im Zentrum. Woher lebt Kirche und worauf muss sie sich immer beziehen und woran muss sie sich messen lassen?

Das Geschehen in der Apostelgeschichte zeigt uns: die Kirche als Volk Gottes wird geboren aus der Sendung des Heiligen Geistes. Das Feuer des Heiligen Geistes ergreift die Jünger, ein Sturm der Begeisterung erfasst sie. Im Zeugnisgeben in den vielen Sprachen erkennen die Jünger den Auftrag Jesu Christi, das Evangelium, die frohe Botschaft von der Rettung und Heilung der Menschen und der Welt zu verbreiten.

Immer wieder muss der Heilige Geist unter das Volk Gottes und in die Getauften fahren, auf dass die Erneuerung der Kirche aus der Kraft des Geistes sich immer wieder neu ereignet!

Kirche unter dem Heiligen Geist ist immer im Sturm der Erneuerung, in diesen Tagen besonders. Manch Altes muss vergehen und Neues darf entstehen. Kirche im Feuer des Heiligen Geistes ist immer in Läuterung. Und wir gehen derzeit durch ein läuterndes Feuer! Es reinigt die bösen Geschehnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte in unserer Kirche. Der Sturm des Heiligen Geistes muss unsere Kirche von allem dürr gewordenen befreien. Nur so können wir mit neuer Glaubwürdigkeit Zeugnis geben vom Evangelium, das für die Menschen eine heilsame und befreiende Botschaft ist.

Glaubwürdigkeit erwächst der Kirche nur durch vom Heiligen Geist erfüllte Menschen als wahrhafte Zeugen des neuen Lebens. Glaubwürdigkeit erwächst für unsere Kirche nur, wenn sie selbst als vom heiligen Geist erfüllte Gestalt des Gottesvolkes lebendig lebt und wirkt.

Im Johannesevangelium (20,19-23) von heute wünscht Jesus nach seiner Auferstehung seinen Jüngern – und uns heute: „Der Friede sei mit euch!“ – „Empfanget den Heiligen Geist!“ Das Geschenk des Auferstandenen ist das Geschenk des Heiligen Geistes.

Dieses Geschenk ist der Geist, der vom Sohn ausgeht, der Geist, der von Jesus Christus ausgeht und den Beschenkten erfüllt, ergreift, begeistert und ihn in die Geisteshaltung Jesu verwandelt.

Der Geist, den wir von Christus empfangen, ist sein Geist, der in ihm lebendig ist und durch ihn gewirkt hat. So erinnert der Geist Jesus Christus selbst. Wie wirkt das Feuer seiner Liebe? Wie wirkt der Heilige Geist, aus dem Jesus redet und in dem er handelt? Schauen wir auf Jesus selbst. Denn die Wirkung, die Frucht seines kraftvollen heiligen Geistes sehen und erleben wir am eindrucksvollsten an Jesus von Nazareth. Erfüllt vom Heiligen Geist verließ Jesus die Jordangegend (Lk 4,1) heißt es bei Lukas. In der Synagoge von Nazareth (Lk 4,16-22a) sagt Jesus: „Der Geist Gottes ruht auf mir (Lk 4,17). Ich bin gesandt, Armen eine frohe Botschaft zu bringen, Gefangene zu befreien, Blinden die Augen zu öffnen, den Zerschlagenen und Erniedrigten Freiheit zu bringen.“

In der Kraft dieses Heiligen Geistes redet Jesus Worte, die noch nie gesprochen wurden und vollbringt wunderbare Tagen wie sie die Welt noch nie gesehen und die Menschen noch nie erlebt haben. In der Begegnung mit dem Heiligen Geist werden Menschen heil.

Von diesem wunderbaren heilsamen und rettenden Geist Christi werden die Jünger im Pfingstereignis erfüllt, aus diesem Geist reden sie und handeln fortan danach. Das erste Wunder, das Petrus und Johannes nach der Ausgießung des Geistes wirken, ist die Hei-lung eines Gelähmten auf den Stufen des Tempels (Apg 3,1-10).

Der Geist, der von Jesus Christus ausgeht, lässt lahme, müde gewordene Menschen auf-stehen, öffnet Ohren, die nicht mehr hören wollen und Augen, die blind geworden sind für die Menschen in Not und Elend. Wo wir als Kirche taub geworden sind, für die Nöte der Menschen, da öffnet uns der Geist die Ohren! Wo wir als Kirche blind geworden sind für die Sehnsüchte der Menschen, da öffnet uns der Geist die Augen. Der Heilige Geist, der durch uns wirken will, ist ein den Menschen dienender Geist. Der Heilige Geist wirkt durch das Leben der getauften und gefirmten Christen im Volk Gottes. Die Gestalt unserer Kirche, ihre Dienste und Ämter und all die Charismen und Talente müssen so sein oder werden, dass sie dem Heiligen Geist Christi durch ihr Miteinander und Füreinander Raum geben und zur Wirkung kommen lassen.

Kirche ist Kirche, wo sie als Gottes Volk Tempel des Heiligen Geistes ist, wo sie Leib Christi ist, wo der Heiland Jesus Christus durch seinen Geist die Kirche zum Heil-Land für die Menschen werden lässt. Alfred Delp schreibt ganz in diesem Sinne um die Jahreswende 1944/1945 im NS-Gefängnis wenige Wochen vor seiner Hinrichtung der Kirche Worte ins Stammbuch, die in unsere Zeit hineinsprechen, als seien sie heute geschrieben. Ich möchte einige seiner Worte zitieren: „Wir haben durch unsere Existenz den Menschen das Vertrauen zu uns genommen. (…) Von zwei Sachverhalten wird es abhängen, ob die Kirche noch einmal einen Weg zu diesen Menschen finden wird. (…) Der eine Sachverhalt meint die Rückkehr der Kirchen in die ‚Diakonie’: in den Dienst der Menschheit. Und zwar in einen Dienst, den die Not der Menschheit bestimmt. (...) ‚Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen (Mk 10,45).’ (...) Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psy-chisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen. (...) Rückkehr in die ‚Diakonie’ habe ich gesagt. Damit meine ich das Sich-Gesellen zum Menschen in allen seinen Situationen mit der Absicht, sie ihm meistern zu helfen. (...) Damit meine ich das Nachgehen und Nachwandern auch in die äußersten Verlorenheiten und Verstiegenheiten des Menschen, um bei ihm zu sein genau und gerade dann, wenn ihn Verlorenheit und Verstiegenheit umgeben. ‚Geht hinaus’, hat der Meister gesagt, und nicht: ‚Setzt euch hin und wartet, ob einer kommt.’ Dies alles wird aber nur verstanden und gewollt werden, wenn aus der Kirche wieder erfüllte Menschen kom-men. Die erfüllten Menschen, (...) die sich wieder wissen als Sachwalter und nicht nur Sachwalter Christi, sondern als die, die gebetet haben mit aller Offenheit: fac cor meum secundum cor tuum. - Bereite mein Herz nach deinem Herzen. Ob die Kirchen den erfüllten, den von den göttlichen Kräften erfüllten, - von der Kraft des Heiligen Geist erfüllten - schöpferischen Menschen noch einmal aus sich entlassen, das ist ihr Schicksal. Nur dann haben sie die hellen Augen, die auch in den dunkelsten Stunden die Anliegen und Anrufe Gottes sehen. Und nur dann schlagen in ihnen die bereiten Herzen, denen es nur um eines geht: im Namen Gottes zu helfen und zu heilen.“
(Gesammelte Schriften, Frankfurt/M 1984, 318-323, hier 318f)

Das Feuer und der Sturm des Heiligen Geistes, der auf uns herabkommt, möge alles hinwegfegen, was uns hindert, im Sinne dieser Worte von Alfred Delp eine wirklich diakonische Kirche zu werden.

Der Gottes-Geist braucht Menschen, die Ihm Herz, Hand und Fuß geben. Die ganze Gestalt unserer Kirche, all ihre Strukturen müssen so eingerichtet und ausgerichtet sein und werden, dass sie dazu dienen, diesen Heiligen Geist, den Gottesgeist, der in Christus wohnte und wirkte, zum Wirken zu bringen. Wo die Gestalt unserer Kirche dies hindert oder verdunkelt, da muss sie sich wandeln und verwandeln lassen. ‚Empfanget den Heiligen Geist’, ruft Jesus Christus uns zu – heute am Pfingstfest.

Amen.