Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zum Ende des Pontifikats von Benedikt XVI.

Rottenburg, Dom St. Martin

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Benedikt hat immer wieder überrascht.
Schon die Wahl von Joseph Kardinal Ratzinger zum Papst hat uns überrascht. Gleich zu Anfang habe ich damals zum Ausdruck gebracht, dass ich der Überzeugung bin, dass dieser Papst uns alle fordern wird durch und in seiner Theologie. Er hat uns gefordert, liebe Schwestern, liebe Brüder, vielleicht hat er uns auch alle überfordert, dieser Papst als tiefgläubiger Denker und spiritueller Theologe. Und dann hat er uns vor einigen Tagen wieder überrascht, durch seinen Rücktritt. In meiner ersten Stellungnahme am Rosenmontag, die ja immer gleich eingefordert wird, habe ich von meiner Überraschung gesprochen, aber dann bald auch dem Respekt, dem Verständnis und dem Dank Raum gegeben.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, mich hat dieser Papst immer wieder überrascht, immer wieder aufs Neue mit theologisch-pastoralen Aussage. Leider sind viel überraschende pastorale und theologische Impulse und Positionen nicht durchgedrungen, nicht angekommen in der eigenen Kurie. Aber sie sind auch nicht angekommen bei uns, schon gar nicht in den Medien, in der öffentlichen Wahrnehmung. Sie sind nicht angekommen, nicht angenommen worden, auch weil sie von Skandalen verschüttet worden sind.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, eine erste große weitere Überraschung habe ich erlebt als ich einen Bericht gelesen habe über ein Gespräch im Sommer des Jahres 2005 in Brixen. Benedikt hatte 400 Priester, Diakone und Seminaristen aus Südtirol zum ganz normalen Gespräch eingeladen. Es ging, so berichtet sein Pressesprecher Pater Lombardi, zum Beispiel um das Priesteramt, um viele andere Fragen, auch um die Jugendpastoral, also etwa die Frage der Erstkommunion und der Firmung für Jugendliche, die nur wenig über den Glauben Bescheid wissen. Während des Gesprächs sagte der Papst, als er danach gefragt wurde: „Früher war ich strenger, dann hat mich das Beispiel Christi gelehrt, großzügiger zu sein in Fällen, in denen vielleicht kein reifer oder tiefer Glaube vorliegt, aber doch ein Schimmer von Suche, von Wunsch nach Einheit mit der Kirche, da kann man auch großzügig mit der Spendung von Sakramenten sein.“ Ab diesem Zeitpunkt war mir klar, dass die Rigoristen sich nicht auf diesen Papst werden berufen dürfen.
Der Papst habe, schreibt Lombardi, auch viel Demut in diesem Gespräch, das er auf Augenhöhe inszeniert hat, erkennen lassen. Mehrmals habe er betont: „Das ist halt das, was ich Euch sagen kann. Das ist keine unfehlbare Antwort, die Antworten müssen wir auch gemeinsam mit der Kirche, mit den Bischöfen suchen. Das ist etwas, was aus einer Suche der Einheit der Kirche wächst und nicht bloß aus meinen Antworten.“

Und noch eine Überraschung: die erste Enzyklika des Papstes im Jahr 2006, Deus est Caritas. In einer Situation, in welcher weltliche Beratungsagenturen der katholischen Kirche in Deutschland geraten haben, zu unserem Kerngeschäft zurückzukehren, zur Liturgie und zur Verkündigung, da schreibt Benedikt seine erste Enzyklika Deus est Caritas. Eine Erschließung des christlichen Gottes und die Auswirkungen dieses Gottesverständnisses auf uns Menschen, auf die Kirche und auch die Pastoral. Für den Papst gehört in dieser Enzyklika die tätige Nächstenliebe zum Kerngeschäft der Kirche wie auch das Zeugnis tätiger Liebe. Und er bezeichnet die oft in unserer Kirche angegriffene Caritas, die institutionelle Caritas, als eine „unverzichtbare Wesensäußerung unserer Kirche“.
Liebe Schwestern, liebe Brüder, Gott ist die Liebe! Das ist die Ouvertüre über sein ganzes Pontifikat. Gottes- und Nächstenliebe, Gottes- und Nächstenliebe sind das Zentrum des christlichen Gottesglaubens, der Offenbarung Gottes in dieser Welt, im eigenen Leben, in unserem Kirche-Sein. Als er gefragt wurde, warum er gerade dieses Thema gewählt habe, da sagte er, in der Verkündigung, auch in der Lehrverkündigung, müsse man immer von den positiven Grundlagen ausgehen. Von der Frohbotschaft, der Liebe Gottes zu den Menschen. Die Botschaft vom liebenden Gott und die Auswirkungen auf unser Menschsein, auf unser Leben und Handeln als Einzelne und als Kirche, das ginge allem anderen voraus. Wo die Liebe Gottes, die sich uns in Jesus von Nazareth gezeigt und erschlossen hat und erfahrbar geworden ist, wo diese Liebe Ereignis wird unter den Menschen, in der Kirche und als Kirche, da ist Gott selbst gegenwärtig. So sagt er: „Gott ist gegenwärtig, wo die Gläubigen in einer Gemeinschaft der Liebe leben.“

Zutiefst aufgewühlt hat deshalb Papst Benedikt der schwere Missbrauch, sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, der in unserer Kirche durch Priester stattgefunden hat. Eine Liebesgemeinschaft, die durch ihre Gemeinschaft die Liebe Gott gegenwärtig hält in dieser Welt, wurde aufs Äußerste und im Innersten verletzt durch diese schweren Verstöße gegen diese Liebe.
Angesichts dieser neuen Situation, dieser großen Krise, die unsere katholische Kirche seit 2000 erfasst hat und in Europa 2009 oder 2010 zum Ausbruch kam, bedarf es nach Benedikt neuer Wege der Verwirklichung des Christ-Seins im Sinne der Liebe Gottes zu den Menschen. Der Kirche in Irland, die tief verwickelt war in diesen Missbrauchsskandal, schreibt Benedikt XVI. am 19. März 2010: „Für die Bewältigung der gegenwärtigen Krise sind Maßnahmen, die gerecht und individuell mit Unrecht umgehen unerlässlich, aber allein für sich sind sie nicht ausreichend. Wir, die Kirche insgesamt, brauchen eine Vision, um zukünftige Generationen zu inspirieren, das Geschenk unseres gemeinsamen Glaubens zu schätzen.“ Eine Vision der Kirche, mahnt der Papst an, ist das nicht auch eine überraschende Formulierung? Ich habe nirgendwo gehört, dass sie aufgenommen, zitiert oder gar weiter gesagt, und in diesem Sinne auch weiter gehandelt wurde.

Benedikt war und ist sich bewusst, dass die Kirche, ganz wie das Zweite Vatikanische Konzil es in der Kirchenkonstitution sagt, „immerfort den Weg der Buße und der Erneuerung gehen“ muss. Kirche war von Anfang an immer auf dem Weg der Erneuerung, der die Umkehr voraussetzt. Benedikt zeigt in vielen seiner Ansprachen, dass Kirche auf neue Situationen immer wieder aus dem Licht des Glaubens nach Antworten sucht und sie findet. In den Ansprachen seiner Generalaudienzen hat er das in der Geschichte der ersten Christen erwiesen. Am Beispiel der ersten christlichen Gemeinde von Jerusalem, da sagt er exemplarisch, „dort kann man sehen, wie Kirche auf neue Situationen immer wieder aus dem Licht des Glaubens nach Antworten sucht und Antworten findet“.
In der Generalaudienz eine Woche später im April 2012 hat er gezeigt, ich zitiere ihn, „wie die ersten Christen das Problem des Wachstums der Urgemeinde, wie sie das Wachstum der Urgemeinde mit sich brachten, zu lösen versuchten.“ Diese Begebenheiten aus der Apostelgeschichte, schreibt der Papst, zeigen die Wichtigkeit der Arbeit, der pastoralen Arbeit und der täglichen Aufgaben. Besonders die Wichtigkeit der Gerechtigkeit, des Einsatzes für die Armen und Bedürftigen als eine wirkliche Priorität der heiligen Kirche. Auf die Krise ganz am Anfang gestalten die Apostel und die Jünger das Gesicht einer diakonischen Kirche zur neuen Glaubwürdigkeit und zu Entfaltung der Einheit, sie führen als Antwort auf diese Krise das Diakonenamt ein. Der Dienst der Kirche ist die Liebe zu den Menschen, gerade in ihren schwierigen und in ihren leidvollen Lebenssituationen.

Deus est Caritas, Gott ist die Liebe, und nicht in der Theorie, sondern Gott in seiner Liebe will unter uns und durch uns Liebe lebendig werden lassen. Die Herausforderungen der Zeit gilt es im Geist der Liebe Gottes immer neu aufzugreifen. In seinem Interviewbuch „Licht der Welt“ sagt Benedikt: „Das Christentum nimmt vielleicht ein anderes Gesicht, auch eine andere kulturelle Gestalt an, aber das Christentum ist die Lebenskraft, ohne die auch die anderen Dinge nicht weiter bestehen würden.“ Zu dieser neuen kulturellen Gestalt der Kirche, liebe Schwestern, liebe Brüder, das zeigt sich auch in vielen Stellen und Worten des Papstes, gehört das Zurückdrängen des juristisch institutionellen Denkens und Handelns in unserer Kirche. In der Lateranbasilika sagte er im Mai 2009: „Die Kirche ist eine Gemeinschaft, eine Gemeinschaft von Personen, die durch das Wirken des Heiligen Geistes das Volk Gottes bilden, das gleichzeitig der Leib Christi ist. Grundlage für diese Aufgabe“, immer noch Benedikt, „muss eine erneuerte Bewusstwerdung unseres Kirche Seins und unserer pastoralen Mitverantwortung sein, die wahrzunehmen wir“, da meint er nicht den Pluralis majestatis, „die wahrzunehmen wir im Namen Christi alle berufen sind. Das Wesen der Kirche ist ein Mysterium der Gemeinschaft.“ „Die Geschichte der Kirche“, sagt er an einer anderen Stelle ganz in dieser Spur, „ist also keine Geschichte der Institutionen, sondern der Personen“. Das Personale, die personale Dimension, das Kirche Sein ist für ihn konstitutiv. Und einmal sagte er, „erst Christus, dann die Glaubenssätze“. Erst die Person, dann die Sache und die Strukturen. Damit diese Gemeinschaft von Personen heute neu aufblühen kann, bedarf es in unserer derzeitigen Kirche noch einmal ein Wort des Heiligen Vaters, „einer Änderung der Mentalität, besonders in Bezug auf die Laien, die nicht mehr nur als Mitarbeiter des Klerus betrachtet werden dürfen, sondern als wirklich mitverantwortlich für das Sein und das Handeln der Kirche“ (Eröffnung des Pastoralkongresses der Diözese Rom). Als solche, mahnt er an, müssen sie neu erkannt werden. Und das nicht nur in der Theorie, sondern im kirchlichen, geschwisterlichen Miteinander.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, diese miteinander in Zusammenhang stehenden Facetten wollte ich Ihnen als Dimension dieses Pontifikats Benedikts XVI., das mich als Mensch, als Bischof bestimmt und leiten soll, mitgeben. Wenn wir aus dieser Grundorientierung unseres Kirche-Seins leben, dann werden wir untereinander mitbrüderlicher, geschwisterlicher umgehen, dann werden wir Zeugen des Glaubens füreinander sein, und in der Glaubensvermittlung, noch einmal Benedikt XVI., „nicht zuerst Lehre, sondern Jesus Christus verkünden“. Das Jahr des Glaubens, das er verkündet hat und das sein Pontifikat bis in das Ende dieses Kirchenjahres hinein bestimmen und begleiten wird, dieses Jahr des Glaubens ist unter dieser Zeugenschaft des Glaubens gedacht. Heute sind vor allem auch, und besonders für unsere jungen Menschen, sagt er, „authentische Zeugen notwendig und nicht bloße Austeiler von Regeln und Informationen“.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, eine Vision, diakonisch, missionarisch, konfessorische Christen, Kirche, communio des Volkes Gottes, Kommunikation, eine kommunikative Kirche. Zum 46. Welttag der Kommunikation 2012 sagt Benedikt, „ich lade alle dazu ein, dass die Kommunikation in all ihren Formen immer dazu dienen möge, mit dem Nächsten einen authentischen Dialog aufzubauen, der auf gegenseitigem Respekt, Zuhören und auf das Teilen gründet.“