Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zum Gedenken an Bischof Sproll und Eugen Bolz

Rom, St. Barolomeo

Schrifttext: Apg 1,3-8

Liebe Schwestern und Brüder,

‚Ihr werdet meine Zeugen sein ... bis an die Grenzen der Erde’. Dies ist der Dreh- und Angelpunkt des eben gehörten Schrifttextes. Mit dem Ruf in die Zeugenschaft schließt Lukas sein Evangelium und lässt seine Apostelgeschichte beginnen. Mit dem Aufruf, Zeuge zu sein, Zeugnis abzulegen sendet Christus, der auferstandene Herr, die Seinen in die Welt. Lukas sieht im Begriff des Zeugen eine zentrale Charakterisierung dessen, was einen Jünger Jesu nach dessen Auferstehung ausmacht. Die Jünger sollen Zeugen sein für das Leid, das dem Menschensohn angetan wurde - und dafür Zeugen sein, wie Gott ihn zum Leben gerufen hat.

In den ersten Jahrhunderten und in verschiedenen Ländern zu allen Zeiten standen Christen vor Gericht wegen ihres Glaubens. Sie waren Zeugen für das, was ihrem Leben das Wichtigste wurde: Gottes Antlitz mitten in einer Welt, die oft genug nicht um Gott und seine Gerechtigkeit wissen will. Vor unserem inneren Auge ziehen die ersten Christen vorbei, die um des Glaubenszeugnisses willen gehasst, gejagt und gemordet wurden. Und der Bogen spannt sich bis hinein in unsere Zeit, wo vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus Christinnen und Christen in lebensbedrohlicher Situation aufgestanden sind, im Namen Jesu Christi Zeugnis ablegten und gegen Terror, Willkür und Gewalt Widerstand geleistet haben.

‚Ihr werdet meine Zeugen sein ... bis an die Grenzen der Erde’. Auf wen dürften diese Sätze wohl eher zutreffen als auf den vormaligen deutschen Staatspräsidenten Eugen Bolz und den Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll: Der eine war ein politisch engagierter Katholik, der aus innerer Verbundenheit mit seiner Heimat und tiefer Verwurzelung im Glauben dem deutschen Nazismus energisch widerstanden hat. Er wurde dafür als einziger deutscher Staatspräsident im Gefängnis der Gestapo in Berlin hingerichtet. Seine tiefe Frömmigkeit und sein inniges Glaubensleben zeigen sich in besonderer Weise in jenem Kommuniontäschchen, das wir soeben hier niedergelegt haben. In ihm brachte seine Frau ihm wie in einem Kassiber die heilige Kommunion in seine Gefängniszelle und schenkte ihm so Kraft aus dem Glauben, gerade auch in den letzten Tagen.

Und der andere Glaubenszeuge, der Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll widerstand dem nationalsozialistischen Pöbel bereits so frühzeitig, dass er mehrfach bedroht, mit Steinen beworfen wurde und schließlich aus seiner Bischofsstadt fliehen musste. Aus dem langjährigen Exil kam er erst nach Kriegsende als körperlich gebrochener und schwerkranker Mann zurück. Wohl kein anderer deutscher Bischof hat so intensiv unter dem Nationalsozialismus gelitten wie Bischof Sproll.

‚Ihr werdet meine Zeugen sein ... bis an die Grenzen der Erde’: Zeuge ist niemand von Geburt an oder gar von Beruf. Eher bedeutet Zeuge zu sein eine Berufung. Eine Berufung ergibt sich aus dem Zusammentreffen des Glaubens, den mir Gott schenkt, mit der Situation, in die ich hineinkomme - manchmal auch nur hineinfalle. Es ist die Situation, in der ich mich fragen muss, wer ich bin, wofür ich stehe und wofür ich einstehe. Zeuge zu sein lässt sich nicht abtreten an andere. Ich kann kneifen. Ich kann zu dem Schluss kommen, dass es sinnvoller ist, den Mund zu halten. Dort aber wo es um Wichtiges geht, kann ich das nicht mehr, ohne den Glauben an den zu verraten, der für uns in den Tod gegangen ist. Deswegen bedeutet Christ zu sein, Zeuge zu sein.

Es war eine großartige Idee von Papst Johannes Paul II., hier in dieser Kirche San Bartolomeo eine Kirche für die Glaubenszeugen und Märtyrer des 20. Jahrhunderts einzurichten. Ich bin froh und dankbar, dass die Gemeinschaft von San Egidio dieses Anliegen aufgenommen hat und sich hier in San Bartolomeo in engagierter Weise für eine Kultur der Erinnerung in unserer Kirche einsetzt. Sant’ Egidio ist diese großartige Gemeinschaft, die sich in mehr als 70 Ländern für die Botschaft des Evangeliums, den Dienst an den Armen und für Frieden und Gerechtigkeit einsetzt.

Die Erinnerung an Menschen wie Eugen Bolz oder Bischof Sproll kann für uns zum heilsamen Impuls, zur anregenden Erinnerung werden, am gegebenen Ort, in unserer jeweiligen Gegenwart Zeugen für unseren Glauben zu sein. Das wird vermutlich häufig –und Gottseidank- nicht in so dramatischer Weise sein müssen wie in jenen furchtbaren Jahren des Nazismus. Aber auch wir sind aufgefordert und eingeladen, Zeugen zu sein bis an die Grenzen der Erde: Wir können nicht überall mitmachen. Auch wir werden in unserer Zeit sagen müssen: Hier ist die Grenze erreicht, und zwar immer dann, wenn menschliches Leben mit Füßen getreten wird. Und wir werden unliebsame Mahner sein müssen. Und wir werden darauf hinweisen müssen, dass unser Heil nicht in einer noch so perfekten äußeren Sicherheit liegt, die sich mehr und mehr gegen den Menschen richtet. Jesus Christus ist gibt unserer Welt Zukunft und Hoffnung, er hat uns nicht verlassen, sondern will uns als seine Zeugen hineinnehmen in seinen Herrschaftsbereich, so will er unser Leben segnen. ‚Ihr werdet meine Zeugen sein ... bis an die Grenzen der Erde’.

So sei es. Amen.