Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zum Jahresabschluss 2005

Weingarten, Basilika St. Martinus

Schrifttext: Ez 34,11-16, Mt 16,13-19

Liebe Schwestern und Brüder,

in wenigen Stunden ist das Jahr 2005 vorüber. In unseren Kirchen finden am letzten Abend im Jahr Gottesdienste zum Jahresschluss statt. Heute feiere ich mit Ihnen hier in Weingarten Eucharistie. Wir wollen uns besinnen auf das, was in den vergangenen Monaten geschehen ist und uns erinnern an das, was uns Leid und Schmerz, Verlust und Trauer gebracht hat; aber uns an das, was uns gefreut hat im letzten Jahr, wofür wir Gott danken können, weil er uns mit Zuversicht und Kraft erfüllt hat.

Den letzten Jahreswechsel 2004 auf 2005 stand unter dem Eindruck des furchtbaren Seebebens und der durch die Flutwellen des Meeres ausgelösten unvorstellbaren Zerstörungen der Küsten des Indischen Ozeans. Bei all dem unfassbaren Leid und den vielen, vielen Opfern, habe ich die überwältigende menschliche Solidarität als Hoffnungszeichen für uns alle erfahren. Was geschehen ist, war nicht nur weit weg. Auch Schwestern aus unserer Heimat, die auf der Insel Nias vor Sumatra ihre sozial-karitative Einrichtungen betreiben, sind schwer in Mit-Leidenschaft gezogen worden. Durch das an Ostern dieses Jahres folgende schwere Erdbeben wurde dann fast alles zerstört, die von den Schwestern erbauten Kindergärten, Schulen, Kirchen. Viele Menschen aus unserer Diözese haben mit Spenden geholfen. Ich danke all denen, die für die Ärmsten der Armen gespendet haben. Und ich danke den Schwestern für ihre Taten der christlichen Nächstenliebe auf der Insel Nias. Wir danken allen die sich weltweit einsetzen für Menschen in Armut und Not, die kämpfen gegen den materiellen Mangel, aber auch gegen den Mangel an Bildung, an seelischer Stärkung, an Gerechtigkeit und friedlichem Zusammenleben, gegen den Mangel an Evangelium, an frohmachender Botschaft. Menschen, die hinausgehen in die Welt zu den "Armen und Bedrückten aller Art" zeigen, was die Botschaft vom menschgewordenen Gottessohn für das Leben der Welt bedeuten. Sie erzählen vom christlichen Glauben durch ihr helfendes Tun. Sie sind missionarische Kirche.

Manche haben ob der herausragenden Ereignisse in der katholischen Kirche das Jahr 2005 als "Katholisches Jahr" bezeichnet. Das Sterben und der Tod von Papst Johannes-Paul II. haben hunderte Millionen Menschen in aller Welt tief bewegt miterlebt. Millionen von Menschen reisten nach Rom, um von ihm Abschied zu nehmen und an seinem Sterben Anteil zu nehmen, Anteil auch an dem bewegenden Trauergottesdienst mit seiner in Wort, Gesten und Zeichen eindrucksvoll sprechenden Liturgie.
Dann war die Wahl des neuen Papstes eine große Überraschung: ein Papst aus Deutschland, ein großer Theologe, dem viel Sympathien entgegengebracht werden. Beim Weltjugendtag in Köln hat sich die Freude zahlloser junger Menschen aus aller Welt an Benedikt XVI. besonders gezeigt.

Die trauernden jungen Menschen in Rom und die dann jubelnden jungen Menschen in Köln, deren Fröhlichkeit und Religiosität alle beeindruckt haben, das waren für mich die Bilder des Jahres 2005. Unsere Kirche ist auch jung, und diese Jugend ist unsere Zukunft.

Zum ersten Mal haben wir 2005 die Kirchengemeinderatswahlen in unserer Diözese zusammen mit der Erzdiözese Freiburg durchgeführt. Von allen 27 Diözesen in Deutschland liegt unsere Diözese mit über 25% Wahlbeteiligung an zweiter Stelle. Hier im Dekanat Ravensburg war die Wahlbeteiligung mit fast 29% noch höher. Ich danke den rund 13.000 Laien, die sich zur Wahl haben aufstellen lassen. Und natürlich wünsche ich den 10.000 Gewählten, die nun Mitverantwortung für ihre Kirchengemeinden übernehmen, Gottes Segen für die Arbeit. Auch den vielen tausend Ehrenamtlichen, die im letzten Kirchengemeinderat vertreten waren, möchte ich von Herzen für ihr Engagement danken. Ohne engagierte Christen vermag keine Gemeinde zu leben.

Die Bedeutung der getauften und gefirmten Christen ist für unsere Kirche unverzichtbar. Wer Mitverantwortung übernehmen soll, der muss auch mitwirken können. Die Menschen sind die Adressaten der uns von Gott geschenkten Offenbarung. Aber als Volk Gottes sind Christen auch selbst Träger der frohen Botschaft von Jesu Christi Handeln zum Heil und zur Heilung der Menschen. Wir hatten in unserer Kirche noch nie so viel katholische Christen im ehrenamtlichen Engagement wie in den letzten Jahrzehnten. Ich werde in unserer Diözese weiterhin dieses Engagement der Laien fördern und zur Mitwirkung und Mitverantwortung einladen, wo immer es geht. Unsere Kirche braucht ihr Mitwirken, liebe Schwestern und Brüder! Das Engagement der Laien ist für die Seelsorge unverzichtbar.

Eine große Freude für unsere Diözese und für mich als Bischof war es, dass ich im Jahr 2005 9 Männer in Rottweil zu Priestern weihen konnte. 11 verheiratete Männer erhielten die Diakonenweihe, 9 bzw. 6 erhielten ihre Beauftragung zum Dienst des Pasotralreferenten bzw. der Gemeindereferentin. So konnten wir im Jahr 2005 wieder 35 Männer und Frauen für einen kirchlich-pastoralen Beruf in unserer Kirche einstellen. Junge Menschen ergreifen auch heute Berufe der Kirche! Wir können und werden auch weiterhin im bisherigen Umfang kirchliche Berufe einstellen. Und dazu haben wir hervorragende Orte der Ausbildung, nicht zuletzt die Katholisch-Theologische Fakultät in Tübingen. Was wir brauchen, sind mehr Priester. Ohne sie würde die sakramentale Wirklichkeit unsere katholischen Kirche verloren gehen. Wir werden deshalb in der Diözese noch mehr und intensiver für kirchliche Berufe und besonders den Priesterberuf werben und Gott darum bitten, dass er uns Arbeiter in seinen Weinberg schickt.

Mitten in der oberschwäbischen Landschaft liegt die Basilika von Weingarten mit eine der großartigsten Kirche unsrer Diözese. Es ist mir ein großes Anliegen, dieses Glaubenszentrum und Zentrum christlicher Kultur und Frömmigkeit in seiner Ausstrahlungskraft zu erhalten, ja zu stärken. Sie wissen, dass der Konvent der Benediktiner gegenwärtig schwierige Zeiten durchlebt. Ich wünsche dem Konvent für die Zukunft Gottes reichen Segen. Ich werde mein möglichstes tun, um für die Stärkung der Benediktiner im Kloster Weingarten zu wirken. Ich hoffe dabei auf Unterstützung durch den Orden!

Die Basilika, der Blutfreitag, die Prozessionen und Feste sind für ganz Oberschwaben von großer Bedeutung: für die Seelsorge, für das religiöse Leben, für die Volksfrömmigkeit. Sie ist mir so wichtig, weil sie unseren christlichen Glauben im Alltag unseres Lebens lebendig erhält, weil sie Identität stiftet, Freude bereitet und in der Not Menschen Halt, Kraft und Hoffnung gibt und Heimat schenkt. Menschen erfahren, wer sie sind, wo sie hin gehören und wovon sie leben. An meinem Einsatz als Bischof soll es nicht fehlen, dass vom Martinsberg als einem religiösen und kulturellen Kraftzentrum lebendige Impulse ausgehen für ganz Oberschwaben.

Die Verleihung der Martinusmedaille an 25 verdiente Frauen und Männer, die im Geist des Heiligen Martin sich besonders um die Menschen in Not ehrenamtlich eingesetzt haben, war auch 2005 wieder ein großes Ereignis. 2006 wird die Verleihung der Martinusmedaillen in Weingarten sein.

Der Heilige Martin, der Patron unserer Diözese, erinnert uns unablässig daran, dass die Kirche eine helfende und heilende, eine diakonische Kirche ist. Sie soll lebendig sein in unseren Kirchen-Gemeinden und in den zahlreichen katholischen Einrichtungen, die sich sozial-karitativ für Menschen einsetzen. Viele Menschen sind heute auf die Geste der Mantelteilung angewiesen. Sie brauchen den Mantel des diakonischen Handelns, den Mantel der Menschenwürde, den Mantel der Pflege, den Mantel des Schutzes des Lebens von Anfang an bis zum Ende in einem menschenwürdigen Sterben.

Viele von ihnen wissen, dass die katholischen sozial-karitativen Einrichtungen aus ganz unterschiedlichen Gründen in unserer Gesellschaft unter starkem Druck stehen. Hier in Oberschwaben gibt es Gott sie Dank viele solcher katholischer Einrichtungen, die aus dem christlichen Ethos der praktischen Nächstenliebe verbunden sind. Ihnen danke ich für ihr großartiges Glaubenszeugnis im Geist christlicher Nächstenliebe. Mir als Bischof geht es bei all dem und wo auch immer um den Erhalt von menschenwürdiger Pflege auch in Zukunft, um den christlichen Umgang mit behinderten, alten und sterbenden Menschen, mit den Schwächsten in unserer Gesellschaft.

Heute feiern wir Silvester, den heiligen Silvester, einen Papst der jungen Kirche. Deshalb sind die Lesungen des Tages auf das Amt in der Kirche ausgerichtet. Der Prophet Ezechiel entwirft in der heutigen Lesung mit dem guten Hirten ein Porträt Gottes, der die Not der Menschen sieht und heilsam mit ihnen umgeht. Gott selbst gibt die Zusage, die ‚zu suchen und sich um die zu kümmern’, denen ein schweres Los auferlegt ist! Gott selbst ist wie ein guter Hirte, der seine Schafe auf die Weide des Lebens führen will. Gott, der gute Hirte, sagt selbst von sich: ,Die verlorengegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten.´

Liebe Schwestern und Brüder, die Prophetie des Ezechiel ist in Jesus von Nazareth Wirklichkeit geworden. Er selbst ist der Gute Hirte. In Jesus ist die Verheißung Wirklichkeit geworden, dass all die Verlorenen gesucht, wieder gefunden, geheilt und geborgen werden. Er erzählt vom barmherzigen Vater, der seinem verlorenen, heimkehrenden Sohn mit weit offenen Armen entgegengeht, er erzählt vom zerschlagenen, verlorenen Opfer am Wegesrand, das versorgt und gerettet wird. Und er erzählt eben vom verlorenen Schaf, das gesucht und gefunden wird. In Jesus bricht was er erzählt an. Denn er handelt, er heilt, er geht zu den Opfern der Geschichte, er stellt sich auf die Seite der Ausgegrenzten, er stärkt die Schwachen und holt die Fremden in die Mitte. Jesus von Nazareth hat damit ganz ernst gemacht. ,Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.´

Wo Menschen heute verloren gehen, wo sie wie Verlorene leben, dort sind wir als Christen zu suchen und zu retten, was verloren ist. Gehen wir mit dieser Sendung in das Neue Jahr hinüber. Verkünden wir die frohe Botschaft, und lassen wir unsere Mitmenschen spüren, was wir sagen. Und, liebe Schwestern und Brüder, lassen sie selbst sich im kommenden Jahr suchen und finden von Gott, dem guten Hirten ihres Lebens und ihrer Lieben.

Amen.