Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zum Jahresabschluss 2006

Heilbronn

Schrifttext: Kol 3,2-14; Lk 2,41-52

Liebe Schwestern und Brüder,

wieder ist das Jahr vorüber gegangen wie im Flug. - Die Zeit ist flüchtig und wirkt oft wie leer: das erfahren wir immer wieder neu. - In den Stunden vor dem Jahreswechsel nehmen wir uns aber doch gerne einige Zeit. Wir halten inne und besinnen uns auf das, was war und wie es war. Wir können am geistigen Auge die verflossene Zeit nochmals vorbeiziehen lassen. Wir merken dann, dass uns der besinnliche Rückblick die scheinbar leere Zeit füllt. Die ganze Fülle der Ereignisse, der Aktivitäten, der neuen Erfahrungen, die wir machen durften oder machen mussten, erschließen sich uns neu. Aus der leeren flüchtigen Zeit, wird die erfüllte Zeit, für die wir danken – Gott danken. Denn er hält die Zeit, unsere Zeit in seinen Händen.

Ich möchte heute Abend als Bischof mit Ihnen zurückblicken auf das Jahr 2006, wie es war in unserer Diözese. Aus der Fülle dessen, was ich erfahren habe, schöpfe ich Zuversicht für unsere Kirche. Ich möchte Sie daran Anteil nehmen lassen. Kann aber nur einiges herausgreifen.

Wenn ich zurückschaue, dann hat mich am meisten beeindruckt, was ich mit den Kindern und Jugendlichen unserer Diözese 2006 erleben durfte. Vor allem bei vielen lebendigen Gottesdiensten, bei Wallfahrten und Jugendtreffen durfte ich eine große Freude, ja Begeisterung der jungen Menschen an ihrem Glauben miterleben. Der Höhepunkt war für mich die Ministrantenwallfahrt nach Rom und der Gottesdienst mit 5300 Ministranten unserer Diözese in der Kirche St. Paul vor den Mauern. - Einige Wochen zuvor fand das diözesane Jugendforum in Untermarchtal statt. Ich selbst, die Weihbischöfe, viele Domkapitulare und Hauptabteilungsleiter unserer Diözese waren bei der Sternwallfahrt mit den Jugendlichen teilweise 40/50 Kilometer unterwegs. Sie haben mit ihnen gebetet und über ihr Leben, über Glauben und Kirche gesprochen. Über 2000 Jugendliche waren hier dabei. - Die beiden Franziskusfeste im Kloster der Franzisakanerinnen von Sießen versammelten gar 10.000 Kinder und Jugendliche - teilweise mit ihren Eltern - zu Gottesdienst, Glaubenskatechese, Spiel und Begegnung. Bei vielen anderen Veranstaltungen, Zeltlagern, Festivals, Wallfahrten und Aktionen des BdKJ nahmen nochmals Tausende von Kindern und Jugendlichen teil. Die Zahl der Ministranten hat 2006 weiter zugenommen: ca. 38 000 haben wir in unserer Diözese. Und zum Dreikönigsfest waren und sind wieder einiges über 25.000 Sternsinger unterwegs. Sie werden wieder die frohe Kunde in unsere Häuser tragen, und davon singen, dass uns Jesus Christus, der Retter der Welt, erschienen ist. Sie werden ein Segen sein für viele Menschen hier und in der ganzen Welt. Gestern habe ich hier in Erlenbach die Sternsinger ausgesendet.

2006 habe ich als ein Jahr der Jugend erlebt. Dieses große Zeichen sollten wir - neben allen Sorgen, die wir uns um die junge Generation machen - doch auch dankbar wahrnehmen. Kinder und Jugendliche sind die Zukunft unserer Kirche. Ich habe unsere Kirche Rottenburg-Stuttgart 2006 als junge Kirche erlebt als Kirche voller Zukunft.

Trotz aller Probleme und Schwierigkeiten, die ich sehe und die nicht klein sind, sind wir als Diözese „gut aufgestellt“ und auf die Zukunft gut vorbereitet. In den letzten Jahren haben wir strukturelle Reformen durchgeführt: Seelsorgeeinheiten wurden gebildet, Muttersprachliche Gemeinden gegründet und die Reform unserer Dekanate ist fast abgeschlossen. Zusammen mit Diözesanrat und Priesterrat konnten wir in einem langen Gesprächsprozess inhaltliche Prioritäten für die Pastoral entwickeln, die allen Orientierung geben. Zusammen mit einer entwickelten mittelfris-tigen Finanzplanung haben wir so einen verlässlichen Gestaltungsrahmen für die Seelsorge in den kommenden Jahren.

Aber trotz aller guten Inhalte und Strukturen, die Verkündigung der frohen Botschaft und die Mitwirkung am Aufbau des Reiches Gottes braucht Menschen. Ich bin deshalb sehr froh, dass dieser Gestaltungsrahmen es uns ermöglicht, dass wir z. B. weiterhin Laienberufe, - Gemeindereferentinnen/-referenten und Pastoralreferenten - in unserer Diözese haben werden. Die Zahl derer, die sich auf diese Berufe vorbereiten, macht mich zuversichtlich. Wir werden zukünftig jährlich jeweils 20 Männer und Frauen in diese beiden Berufe übernehmen können. Auch beim Nachwuchs der verheirateten Diakone sieht es gut aus. In den letzten 6 Jahren konnte ich insgesamt 60 Neupriester weihen. Trotzdem bereitet mir der Priesternachwuchs die größte Sorge. Wir haben zu wenige Priester in der Ausbildung und in der Pastoral. Unsere Gemeinden bekommen das zu spüren. Deshalb bitte ich Sie hier um ihr besonderes Gebet und ihre werbende Aufmerksamkeit für junge Menschen. Das Jahr der Berufung 2007, das ich am Christkönigssonntag eröffnet habe, soll in uns lebendiger werden lassen, dass wir alle Berufene sind und dass wir alle uns um die besonderen Berufe der Kirche kümmern müssen. „Herr sende Arbeiter in deinen Weinberg“ war deshalb der Titel des Briefes, den ich zur Eröffnung der Fastenzeit 2006 an Sie geschrieben habe.

Ich danke allen, die sich 2006 ehrenamtlich in der Verkündigung der frohen Botschaft eingesetzt haben und sich mit ihren Begabungen in unserer Diözese engagieren. Auch hier blicke ich mit großem Dank zurück. Viele katholische Christen haben sich zum Beginn des Jahres als Kandidaten bei der Kirchengemeinderatswahl aufstellen lassen. 10.000 Laien wurden als Kirchengemeinderäte gewählt und übernehmen so Mitverantwortung für die Seelsorge. Besonders froh bin ich darüber, dass sowohl im Diözesanrat als auch in den Kirchengemeinderäten Männer und Frauen je paritätisch vertreten sind.

Der 7. Diözesanrat hat im Dezember seine 5jährige Arbeitsphase erfolgreich beendet. Die Arbeit mit dem Diözesanrat hat sich bewährt und zeigt das herausragende Engagement der Laien in unserer Diözese. Ich bin Gott dankbar, dass er so viele getaufte und gefirmte Christen ins Ehrenamt und in die vielfältigen Laiendienste berufen hat. Und ich bin als Bischof ihnen dankbar, dass sie sich haben rufen lassen.

Heute an Silvester feiern wir den Abschluss des Jahres. Aber wir begehen in diesem Jahr zugleich das Fest der Heiligen Familie.

Dies möchte ich zum Anlass nehmen, an die Bedeutung der Familie für unser aller Leben, für unseren Glauben, ja für die ganze Gesellschaft zu erinnern. Aus vielerlei Gründen stehen Ehe und Familie heute unter Druck. Obwohl Ehe und Familie in der christlichen Tradition eine besondere und herausragende Rolle spielen, sind sie kein christliches Sondergut. Ehe und Familie sind ein in Jahrtausenden gewachsenes Gut unserer Kultur. Familie ist Keimzelle der Gesellschaft, des Lebens, für die Zukunft. Ja, sie ist der Garant unseres Glücks.

Seit den 2004 in Kraft gesetzten Pastoralen Prioritäten gehört die Stärkung von Ehe und Familie noch intensiver als bisher zu den ausdrücklichen Schwerpunkten des pastoralen und politischen Handelns unserer Diözese. Die gängige Meinung heißt: Familie lebt von der Gesellschaft. Wir wollen sie in die Erkenntnis verwandeln: unsere Gesellschaft lebt von der Familie. Wir brauchen eine neue familienfreundliche Grundeinstellung und entsprechendes Handeln. Wir brauchen keine schönen Worte, sondern konkrete familienfreundliche Maßnahmen. 2006 hat sich in unserer Diözese einiges in die richtige Richtung bewegt.

Ein bewusst gesetztes Zeichen war die Sanierung des Familienferiendorfes in Eglofs. Die Entscheidung für dieses Dorf für Familien - eines von dreien, die wir haben - war trotz knappster Finanzen eine klare Entscheidung für die Familien, insbesondere für die kinderreichen. In einer Zeit, in der einerseits viel von Familie geredet wird, andererseits jedoch vielen familienbezogenen Einrichtungen und Angeboten das Wasser abgegraben wird, setzten Diözese und das Familienerholungswerk ein Signal zugunsten kinderreicher Familien. Im Beisein vieler Kinder und ihrer Eltern konnte ich die neuen und neu sanierten Häuser 2006 einweihen. Neben vielen anderen familienbezogenen Projekten möchte ich noch hinweisen auf die bundesweite Eröffnung der Woche für das Leben in Stuttgart zum Thema „Von Anfang an uns anvertraut. Menschsein beginnt vor der Geburt.“ Beide Kirchen haben deutlich gemacht, dass Kinder ein Geschenk Gottes sind und dass sie viel Hoffnung in das Leben der Menschen und der gesamten Gesellschaft bringen. Ganz auf dieser Linie liegt auch meine beim Kongress Kindertagesstätten im November in Stuttgart öffentlich zum wiederholten Male erklärte Position, dass wir uns als katholische Kirche trotz finanziell schwierigster Situation aus der Trägerschaft von Kindergärten nicht zurückziehen werden und dass wir die religiöse Erziehung der Kinder im Sinne der christlichen Botschaft verstärken werden. Ich danke den vielen tausend Erzieherinnen in den Kindergärten unserer Diözese für ihre aufopferungsbereite Arbeit bei der Erziehung unserer Kinder und allen in den Gemeinden, die unsere Kindergärten mittragen.

Zum Schluss noch ein Wort an Sie hier in Heilbronn. Für die katholische Kirche in Heilbronn wurden in den letzten Jahren Entscheidungen getroffen, die bald ihre Früchte tragen. Das Bildungszentrum St. Kilian wird 2007 fertiggestellt werden. Es wird vielen Schülerinnen und Schülern über entscheidende Jahre hinweg ein vom christlichen Menschenbild geprägter Lernort und Lebensraum sein. Zu den 23 200 Schülerinnen und Schüler in unseren 83 katholischen Schulen werden noch einige hundert mehr dazukommen. Katholische Schulen sind gefragt wie nie. Wir dürfen diese Chance nicht verspielen. Allen, die sich für dieses Bildungszentrum eingesetzt haben und einsetzen, danke ich sehr. Ähnliches gilt für das Haus der Katholischen Kirche, das ebenfalls 2007 seiner Bestimmung übergeben wird. Ich freue mich für Sie und mit Ihnen über die große Bereicherung für das Heilbronner Land.

 

Haben wir uns mit diesem Rückblick 2006 selbst herausgestellt? Dürfen wir uns nicht auch an das Gute erinnern, das da ist? Ich handle nach dem Wort Jesu in der Bergpredigt, der zu seinen Jüngern sagte. „Stellt euer Licht nicht unter den Eimer, sondern stellt euer Licht auf den Leuchter, damit die Menschen eure guten Taten sehen .....“. - Dann aber fährt er anders fort als das weltliche Werbestrategen machen würden: Nicht ‚da-mit sie euch dann loben’, sagt Jesus: sondern „damit sie eure guten Ta-ten sehen und euren Vater im Himmel preisen, der unter euch das al-les gewirkt hat.“ – Danken wir Gott für alles, was war in unserer Kirche im Jahr 2006. Loben und preisen wir ihn dankbar für seine großen Taten, die er heute mitten unter uns vollbringt.

Amen

 

Anmerkung der Redaktion: Es gilt das gesprochene Wort.