Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zur Eröffnung des Paulusjahres

Esslingen, St. Paul

Schrifttext: 2 Kor 4,13-14

Liebe Schwestern und Brüder,

mit diesem feierlichen Vespergottesdienst eröffnen wir auch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart das Paulusjahr, das Papst Benedikt heute in St. Paul vor den Mauern in Rom eröffnet. Wir erinnern damit in der Katholischen Kirche weltweit an den 2000. Geburtstag des großen Völkerapostels, den ‚ersten Globalisierer’ des Christentums. Paulus ist gerade in unserer Zeit von höchster Aktualität, ein gewaltiger Glaubenszeuge aus der frühen Zeit des Christentums, mit seiner prophetischen Botschaft erreicht er uns heute.

Wie kein anderer in der Geschichte des Christentums und der Kirche steht Paulus uns vor Augen als Zeuge des Glaubens, als missionarischer Mensch. Von seiner Christuserfahrung hat er Zeugnis abgelegt und vor aller Welt davon geredet hat, wovon er überzeugt war: „Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet.“ (2 Kor 4,13)

Sein heutiger Gedenktag, das Patrozinuum dieser Kirche und das Paulusjahr insgesamt führen uns Paulus als einen von Christus Ergriffenen vor. Für die Sache, von der er überzeugt ist, setzt Paulus sich ein, mit ganzem Herzen, seiner ganzen Kraft und voller Eifer.

Aus dem Damaskuserlebnis kommt diese Kraft, Jesus Christus begegnet ihm mit solcher Wucht, eine Erfahrung des Lichts, die sein Leben radikal, bis in die Tiefe verän-dert. Der entscheidende, der alles entscheidende Wendepunkt im Leben: Paulus scheut sich nicht von seiner Erfahrung zu sprechen, den anderen Menschen sein Erlebnis wei-terzuerzählen. Er weiß: Glaube stiftet an zum Mitglauben, der Mut, von eigenen Erfah-rungen zu erzählen, reißt wiederum andere mit, zu ihrer eigenen Glaubensgeschichte aufzubrechen. Er ist ein von Jesus Christus Erfüllter, davon redet er.

Paulus lässt sich ganz in Anspruch nehmen, er, der Jesus zu dessen Lebzeiten ja nicht persönlich kennen gelernt hatte, erfährt vor Damaskus, was die Menschen in der Begegnung mit Jesus Christus erlebt und worüber die Evangelisten ihre frohe Botschaft erzählt hatten. Die dramatische Lebenswende des Paulus erschließt ihm sein eigenes Leben ganz neu. Fortan ist er vom Glauben getragen, dass mit Jesus Christus, dem gekreuzigten Auferstandenen, der lebt, eine ganz neue Zeit angebrochen ist. Diese Christusergriffenheit treibt ihn durch die damals bekannte Welt: Die Reisen des Paulus sind wie ein olympischer Fackellauf: Er bringt Christus, das Licht.

Liebe Schwestern und Brüder, hier in Paulus brennt das ‚Feuer des urchristlichen Glau-bens‘. Wer erkannt hat, dass Gott selbst durch Jesus Christus erfahrbar Mensch geworden ist, der kann mit diesem Wissen nicht stumm für sich allein weiterleben, als wäre nichts verändert.

Die lebendige Wahrheit Jesus Christus drängt zum Aufbruch: „Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet.“ Für diesen Glauben und mit ihm ist Paulus bereit, bis an die Grenzen zu gehen. Und er ist in jeder Hinsicht an die Grenzen gegangen: Er überschritt die Grenzen von Juden- zu Heidenchristen, er überschritt zeitlebens die Grenzen von Ländern und Kontinenten. Er versuchte so, bis über die Grenzen eigener Belastbarkeit hinaus, mit der Botschaft des Glaubens Brücken zwischen Menschen, Gruppen und Völkern zu bauen. Auch in dieser Hinsicht kommt im Blick auf Paulus vieles zum Ausdruck, was für eine ‚missionarische Kirche’ und ihr Verhalten wichtig ist.

Die Szene auf dem Areopag hatte es vorbildlich gezeigt: Es geht um das Anknüpfen bei dem, was der Mensch mitbringt, seine Kultur, seine Fragen und Hoffnungen, seine Spiritualität, Religiosität und auch seine Zweifel. Es geht um das Zugehen auf den zeitgenössischen Menschen und um das Eingehen auf seine Sehnsüchte. Es geht um eigene Erfahrungen, es geht aber auch um das Wahrnehmen und Ernstnehmen der Erfahrungen, die andere Menschen machen. Und es geht darum, diese Erfahrungen im Licht des Evangeliums zu verstehen und zu verwandeln.

Liebe Schwestern und Brüder, diese Erfahrungen des Paulus, sein erfahrener und bezeugter Glaube will uns anstecken. Das ist die eigentlich entscheidende Botschaft, die uns Paulus mit auf unsere Wege gibt: Frohe Botschaft lässt einen nicht ruhen, sie treibt einen an, Zeuge zu sein für die Erfahrung Gottes und dabei andere mitzunehmen. Der innerste Impuls des Paulusjahres will nicht nur den großen Glaubenszeugen der Vergangenheit in seiner Geschichte herausstellen.

Nein, es geht um die fruchtbaren und höchst notwendigen Impulse des Völkerapostels für uns und unsere Zeit. Das Paulusjahr will uns mit hineinnehmen in die große Ge-schichte der Verkündigung der frohen Botschaft, die eigene Erfahrung des Glaubens zu bezeugen und so die Welt im paulinischen Geist missionarisch zu erfüllen: „Auch wir glauben, darum reden wir.“ „Das Feuer des urchristlichen Glaubens schlägt aus ihm in den unsrigen hinein. Ein Erleben mit Christus als dem Herrn des Reiches Gottes spricht aus ihm, das uns in die Bahn des gleichen Erlebens reißt.“ (Albert Schweitzer)

Liebe Schwestern und Brüder, das ist die entscheidende Botschaft des heutigen Tages, die uns Paulus mit auf unsere Wege gibt: Die Frohe Botschaft lässt einen nicht ruhen, sie treibt uns an, aufzustehen, aufzubrechen, Zeuge zu sein für die Erfahrung Gottes und dabei andere mitzunehmen. Das habe ich geglaubt, darum habe ich geredet: Die Geschichte geht weiter. Was für eine Frohbotschaft zum Beginn des Paulusjahres.

Amen.