Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zur Glockenweihe im Dom St. Martin

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttexte: 1 Kor 3,9c-11.16-17; Mt 16,13-19

Liebe Schwestern und Brüder!

Eine merkwürdige Stille hat unseren Dom St. Martin in den vergangenen Wochen umfangen und die Innenstadt Rottenburgs geprägt. Es fehlte etwas. Das haben wir gespürt. Die Glocken im Turm hatten aufgehört zu läuten. So konnten wir gerade durch ihre Abwesenheit erfahren: Glocken und ihr Klang prägen den Zeitlauf unserer Tage, ja: Ihr Tönen prägt unser Leben, ihr Geläute gibt unserer Zeit Struktur und Gestalt. Wenn sie nicht läuten, fehlt etwas.

In seinem Buch ‚Herbst des Mittelalters’ stellt der Historiker Huizinga in einem eindruckvollen Abschnitt die Glocke in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Die Glocke sei für ihn, so schreibt er, geradezu das Kennzeichen der Kulturlandschaft Europas: „Einen Laut gab es, der das Getöse des geschäftigen Lebens immer wieder übertönte und der alles vorübergehend in die Sphäre des Geordneten emporhob: Die Glocken. Die Glocken waren im täglichen Leben wie warnende gute Geister, die mit vertrauter Stimme bald Trauer, bald Freude, bald Ruhe, bald Unruhe verkündeten, bald zusammenriefen, bald ermahnten. Man wusste, was das Anschlagen bedeutete und was das Läuten bedeutete. Man war trotz des übervielen Glockenläutens nie abgestumpft gegen ihren Klang.“

Liebe Schwestern und Brüder, schöner lässt sich die Bedeutung der Glocken und ihres Tönens in unsere Welt hinein nicht aussprechen: Die Glocken ‚übertönen das geschäftige Leben immer wieder. Sie sind im täglichen Leben wie warnende gute Geister, die mit vertrauter Stimme bald Trauer, bald Freude, bald Ruhe, bald Unruhe verkünden, bald zusammenrufen, bald ermahnen.

Liebe Schwestern und Brüder! Die Glocken unterbrechen mit ihrem Klang nicht nur die Eintönigkeit unseres Alltagslebens. Sie geben dem All-Tag Struktur und verweisen uns Menschen mit lautem Schlag auf eine Dimension, die weit über unser Leben mit seiner oft banalen Geschäftigkeit hinausreicht.

So ist das Geläut der Glocken ein unüberhörbarer Hinweis auf den größeren Horizont, der hinter unserem Leben steht und der es trägt. Ein tönender Hinweis, der unser oft so gedankenloses Leben unterbricht, der gegen unsere falsche Gewöhnung und flache Oberflächlichkeit anschlägt und kraftvoll klingend ruft: Mensch, erinnere dich daran, dass Gottes Gnade dein Leben trägt und umfängt. Die Glocken erinnern uns an den göttlichen Bereich, ihr Geläut weist uns ein in die Melodie Gottes in unserem Leben.

Das Geläut der Glocken kündet von der überströmenden Freude, die in der Welt einkehrt, wenn Gott die Ehre gegeben wird. - Für diese tönenden Zeichen dürfen wir dankbar sein. Die Glocken erinnern uns. Sie geben ein tönendes Zeichen gegen das Getöse unserer Welt, ein Zeichen, das uns innehalten lässt und uns in einen Raum einlädt, der gegen die gnadenlosen Mechanismen unserer Märkte, eine erlösende Melodie einspielt: Glocken läuten die Zeit Gottes ein - als die uns geschenkte Zeit jenseits von Erfolg und Leistung – uns einfach gegeben.

Ein Mönch aus der frühen Zeit der Kirche (Pachomius), beschreibt ganz knapp die Aufgabe der Glöckchen in den ersten Klöstern als ‚signum dare’, als „Zeichen geben“. Die Glocken geben die klangvollen Zeichen als Dienst an uns Menschen. Ihr Klang öffnet uns das Ohr für die Wirklichkeit und heilsame Wirksamkeit Gottes.

Glockenläuten und Glockengeläut geben Zeichen, die die Zeit ansagen. Sie läuten ein, was an der Zeit ist, sie regeln das Zusammenleben. Das Läuten der Glocke strukturiert die Zeit und durch den festen Rhythmus der Schläge unsere Tage und Nächte. Glocken künden Gott an in der Welt und weisen unsere Zeit hin auf die Ewigkeit. Sie relativieren uns selbst und unsere Ansprüche - auch die auf Geltung und Macht. Glocken-Klang stimmt uns ein auf eine neue, ganz andere Welt.

Liebe Schwestern und Brüder, es lässt sich leicht verstehen, warum immer wieder in der Geschichte die absoluten Herrscher die Glocken auf den Kirchtürmen als störend empfanden. Drastisch wurde das bei uns deutlich in der Zeit des Nationalsozialismus: Viele Glocken wurden in diesen Jahren den Kirchen geraubt, abmontiert und eingeschmolzen, vorgeblich ‚zur Sicherung der Metallreserve’ in kriegerischer Zeit. Es gibt aber Dokumente der Herrschaften des Dritten Reiches, die das eigentliche Ziel des Glockenraubes belegen: es sollten ‚nach dem Endsieg in Deutschland nur noch 12 Glocken läuten’, wie dort zu lesen ist. 12 Glocken von der Kuppel des Reichstags und sonst nirgends.

Dieser diktatorische, totalitäre Glocken-Schlag wurde unserem Land Gott sei Dank erspart!
Darum ist es sinnvoll, dass neben der kleineren Marienglocke, die heute auch geweiht werden wird, die neue große A-Null-Glocke, dem Bekennerbischof Joannes Baptista Sproll gewidmet ist. Bischof Sproll, dessen Name in die Glocke graviert ist, widerstand mit entschiedenem Protest und beharrlicher Verweigerung der Unrechtsherrschaft des Nationalsozialismus. Er setzte sein Amt und seine Gesundheit ein, ja sein Leben. So legte er für die Menschen damals und auch für uns heute Zeugnis ab von seinem starken Glauben.

Das Tönen der neuen A-Null Glocke des Rottenburger Domes wird uns auf besondere Weise hinweisen auf die wirksame Kraft, die unser Glauben in unserem Leben und im Zusammenleben unserer Gesellschaft entfalten soll. Fortiter in fide – Sprolls Wahlspruch – „tapfer im Glauben“ – so lautet die Glockenzier. Diese Botschaft sendet unsere größte Glocke vom Turm der Bischofskirche in unsere Diözese hinein: eine heilsame und notwendige Unterbrechung und Erinnerung.

Tönende Mahnung an die Kraft unseres Glaubens: Gottes Ja zum Leben bezwingt die Mächte des Todes. Bischof Sproll gewidmet und auf unseren Diözesanpatron, den Heiligen Martin von Tour geweiht, sendet Die A-Null-Glocke zugleich die Botschaft in die Welt: Ein tapferer Glaube wird in der tätigen Liebe wirksam. Gib dem Armen und Schwachen, was ihm hilft! So wirst Du Sinn erfahren in deinem Leben und Jesus verkünden, „der gekommen ist, zu suchen und zu retten was verloren ist“. Der Klang unseres Geläutes möge eine diakonische, eine dienende Kirche einläuten und an die christliche Botschaft erinnern: Deus caritas est. Gott ist Liebe! Die heilsame Botschaft einer missionarischen Kirche!

Die Glocken mögen tönen für die Kraft unserer Liebe, mit der wir unsere eigene Trägheit, unseren Egoismus und unsere Hartherzigkeit aufbrechen und so mutig Zeugnis ablegen in unserer Zeit.

Für Romano Guardini gehören die Glocken zu den „heiligen Zeichen“. Er schreibt:
Die Glocken „schwingen um die Welle, und ihr ganzer, klar geformter Körper schwingt, und sendet Klang auf Klang hinaus in die Weite. Sie strömen hinaus, durchfluten die Weite und füllen sie mit der Botschaft des Heiligtums.“


Oder, wie es besonders schön im Segensgebet heißt, das wir gleich im Anschluss bei der Glockenweihe beten werden: „Segne diese Glocken, die dein Lob künden. Sie sollen deine Gemeinde zum Gottesdienst rufen, die Säumigen mahnen, die Mutlosen aufrichten, die Trauernden trösten, die Glücklichen erfreuen und die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg begleiten. Segne alle, zu denen der Ruf dieser Glocken dringen wird und führe so deine Kirche von überall her zusammen in dein Reich.“
Amen.