Bischof Dr. Gebhard Fürst: Vortrag beim Jahrestreffen 2006 der Katholischen Kirche 2006

Stuttgart, St. Eberhard

„Nicht die Gesunden, sondern
die Kranken bedürfen des Arztes.“ (Mk 2,17)

„Wir loben den Herrn in unserem Leben,
das heißt durch unser gutes Handeln.“
(Arnobius)


Liebe Damen und Herren!


„Die Zeichen der Zeit erkennen und sie im Licht des Evangeliums deuten“ (GS 4), diese Aufgabe hat das Zweite Vatikanische Konzil der Katholischen Kirche auf ihren Weg mitgegeben. Wir wollen als Kirche Zeichen setzen in der Zeit und für die Zeit, in der wir als Christgläubige und als Kirche insgesamt leben! Wir wollen dem Evangelium auch heute Gestalt geben und so unsere Ortskirche in den Raum der Zukunft führen. Aber bevor wir als Kirche eigene Zeichen setzen, tun wir gut daran, die vorhandenen Zeichen unserer Zeit aufmerksam und sensibel wahrzunehmen. Nicht wenige in unserer Kirche meinen, die Kirche sollte „sich nicht in Diakonie und Caritas verzetteln“. So lautete die Schlagzeile über einem Artikel im Rheinischen Merkur vom 11. Januar 2005. Kirche solle sich dagegen „mehr auf die Mitte, auf die Begegnung mit Gott im Schweigen, Hören und Singen konzentrieren (ebd.)“ Dazu kommt, dass die Kirchen in Deutschland sich in einer starken Umbruchsituation befinden. Die Finanzen gehen zurück. Akzeptanz und Ansehen der Kirche in der Gesellschaft werden scheinbar geringer.
Unter Anknüpfung an diese Situation, dass nämlich die sozial-diakonisch-karikative Dimension der Kirche gegenwärtig unter gewaltigem Druck ist und noch mehr geraten wird, möchte ich im Folgenden die Diakonia als einen der Grunddienste der Kirche und eine Wesensdimension des Christentums für unsere Situation in Deutschland neu bedenken.

 

1. Christsein und karitativ-diakonisches Handeln sind untrennbar

Unter dem gutgemeinten Rat, sich gegenwärtig als Kirche in Caritas und Diakonie nicht zu verzetteln und sich besser auf das Kerngeschäft zurückzuziehen, habe ich deshalb einmal gründlicher nachgedacht und nachgefragt, welche Bedeutung dem diakonischen Handeln im Christentum selbst zukommt. Zu diesem Zweck schien es mir sinnvoll, einmal an den Anfang des Christentums zurückzugehen und dort nachzuschauen, wie es gewissermaßen im Ursprung des Christentums mit der Diakonie aussah.

 

2. Die urchristliche Lebenspraxis

Die urchristliche Lebenspraxis beschreibt Joachim Gnilka - einer der anerkanntesten Exegeten unserer Zeit - so: „Durch das befreiende Handeln Gottes (in Jesus Christus) an uns sind wir befähigt worden,... aus Glauben zu handeln, aus dem Glauben, der in der Liebe wirksam wird (vgl. Gal 5,6)... Nehmen wir als Beispiel die Zuwendung zu den Armen. Hier hatte die Gemeinde das Beispiel Jesu vor Augen, der sich zuvörderst den Armen, (Kranken), Hungernden und Weinenden mitteilte und ihnen das Reich Gottes verhieß (Lk, 6,20f)... Der Jakobusbrief legt im Geist der Bergpredigt der Gemeinde die Fürsorge für die Armen und Verachteten ans Herz (Jak, 2,1-7).“ Die Fürsorge an den Kranken, Bedürftigen und Notleidenden aller Art spielte dabei eine herausragende Rolle.

 

3. Der historische Erfolg des Christentums durch Diakonia

Diese urchristliche diakonische Lebenspraxis war einer der wesentlichen Gründe für die zunehmende Faszination, die das Christentum in der Zeit seiner Entstehung in der antiken Welt auf die Menschen ausübte. So herausragende Forscher wie Adolf von Harnack, Franz-Xaver Kaufmann oder der gegenwärtig an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität lehrende Professor für Ältere Kirchengeschichte, Christoph Markschies, bestätigen dies durch ihre Forschungen eindrucksvoll. Ausgehend von den nach Markschies wesentlichen „Erfolgsmomenten des Christentums“ für seine Ausbreitung, zu denen das Diakonische zentral gehört, möchte ich diese diakonische Dimension auf eigenen Untersuchungen basierend entfalten.

 

3.1 Diakonie im Ursprung

Die genannten Autoren fragen, warum das Christentum in der antiken Welt des Imperium Romanum, das doch die Christen anfangs gnadenlos verfolgte, sich so stürmisch entwickelte? Warum hat das Christentum die zahlreichen anderen starken religiösen Bewegungen und Gemeinschaften weit hinter sich gelassen und ist gar zur ersten Religion im Reich aufgestiegen? F. X. Kaufmann antwortet auf diese Frage: Der historische Erfolg des Christentums kann nur als Wechselwirkung zwischen seiner endogenen Dynamik und den exogenen Bedingungen seiner Entwicklung verstanden werden. Die exogenen Bedingungen kann und möchte ich nicht entfalten . Die innere und dann nach außen wirkende Dynamik aber liegt zweifellos und wesentlich darin, dass die christliche Bewegung im Ursprung diakonisch war.

 

3.2 Erste Tat nach der Geistsendung Heilung eines Gelähmten

Unmittelbar nach der Pfingstpredigt des Petrus ereignen sich – wie es in der Apostelgeschichte heißt - durch die Apostel viele Zeichen (Apg 2,43). Die Heilung eines bettelnden Gelähmten ist die erste Tat nach der Begabung durch den Gottes-Geist. Ein auf die Fürsorge anderer Angewiesener wird gesund, richtet sich auf und kann wieder für sich selbst einstehen und in die Gemeinschaft zurückkehren. Nach der Heilung des Gelähmten werden Petrus und seine Begleiter von der Staatsmacht vernommen, wie es in der Apostelgeschichte heißt, „wegen einer Wohltat an einem kranken Manne ... durch die dieser Mann gesund geworden sei“. Petrus sagt, er habe dies getan „im Namen Jesu Christi von Nazaret ... - kraft dieses Namens – so Petrus zu seinen Anklägern - steht dieser Mann hier geheilt vor euch.“ (Apg 4,8f) Das Christentum wird deshalb von Anfang an als Heilungsreligion angesehen.

 

3.3 Fürsorge für Witwen- und Waisen

„Faszinierend auf andere“ war bei den ersten Christen - so schreibt F. X. Kaufmann – „der innergemeindliche, ja reichsweite Zusammenhalt unter den Christen, ihre Witwen- und Waisenfürsorge, die Gastfreundschaft – das alles suchte in der Antike seinesgleichen.“ (34) Die auch aufgrund dieser Liebespraxis „sich bildenden Gemeinden orientierten sich am christlichen Ethos der Nächstenliebe, das sich vor allem auch in Gastfreundschaft und Mildtätigkeit äußerte und damit einen unmittelbar praktischen Sinn entfaltete, der gleichzeitig der Glaubwürdigkeit diente.“ (35)

 

3.4 Christentum als Religion der Heilung

Adolf von Harnack kommt durch seine Forschungen zum Ergebnis: „Das älteste Christentum hat sich als Religion der Heilung in den Gleichnissen, Gedanken, Lehren und Bußordnungen aufgebaut. Diesen Charakter hat es auch in seinen Ordnungen zur Pflege der leiblich Kranken ausgeprägt.“ (Harnack, Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, S. 147) Das Wirken des Christentums am Anfang ereignete sich wesentlich auch und besonders durch den Dienst der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit in der „Unterstützung der Kranken, Schwachen, Armen und Arbeitsunfähigen“. (Vgl. z. B. ebd. S. 186f)
Die Religion der Heilung als Zuwendung und Pflege der Kranken und anderer in Not geratener, Hilfe bedürftiger Menschen begründet das Wirken der Kirche im Dienst von Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Man kann nicht in Abrede stellen, „dass der sozialdiakonische Impuls des antiken Christentums eine grundsätzliche Bedeutung für seinen Aufstieg wie für sein Überleben hatte“ (Markschies, Forum, S. 50) urteilt Christoph Markschies in seiner umfassenden wissenschaftlichen Untersuchung.

 

3.5 Das Christentum bringt eine neue Ethik:

Hingebende Liebe zum Nächsten
Der Heidelberger Gräzist Albrecht Dihle stellt analog fest, dass das Christentum eine neue Ethik brachte. Denn – so sein Urteil - „es fehlt der antiken Ethik die Würdigung der vorbehaltlosen Hingabe und der Selbstentäußerung zugunsten des Nächsten. .... Die hingebende Liebe, die nicht nach dem eigenen fragt, sondern allein durch das Verlangen des Nächsten provoziert wird, ist dieser Ethik fremd.“ (Dihle, Art. Ethik, RAC VI 1966, S. 686: Fundort: Markschies, Forum, S.50)

 

3.6 Die Christen sensibilisieren das römische Reich für die Caritas

„Das Christentum hat aber nicht nur für Arme, Kranke, Witwen und Waisen neue sozialdiakonische Einrichtungen geschaffen. Vielmehr hat eine Minderheit im Reich ganze Teile der Gesellschaft für diese benachteiligten Gruppen sensibilisiert und sie damit nicht nur für das Christentum gewonnen, sondern ihnen auch eine neue Aufgabe in der Gesellschaft zugewiesen. Die neuen sozialen Beziehungen, die die christliche Verkündigung anriet und konstituierte, wurden als attraktiv, befreiend und effektiv empfunden.“
Das antike Christentum schafft demnach aufgrund seines neuen, bis dahin nicht bekannten Ethos neue sozialdiakonische Einrichtungen und erreicht auch außerhalb der christlichen Gemeinden eine wachsende Sensibilisierung für Menschen in Not und bewirkt so die Zuweisung einer neuen Aufgabe an die damalige Gesellschaft der antiken Welt.

 

3.7 Hospitäler: eine Erfindung des Christentums

3.71 Keine Hospitäler für Arme und Kranke vor dem Christentum

In der Erforschung der Geschichte sozial-karitativ-diakonischer Einrichtungen hat sich überraschend gezeigt, dass es vor dem Christentum für Arme und Kranke keine Hospitäler als institutionalisierte Orte für Armen- und Krankpflege gab: „Weder griechische Demokratie noch römische Staatskunst haben Hospitäler für Arme und Kranke geschaffen. Erst das Christentum brachte diese neuartige Einrichtung hervor, und zwar weil die Nächstenliebe und das Erbarmen mit den Leiden des Armen und Kranken einen zentralen Platz im Leben dieser Glaubensgemeinschaft einnahmen“, Dieses Ergebnis stellt Dieter Jetter in seiner 1986 vorgelegten Untersuchung ‚Das europäische Hospital’ fest.

 

3.72 Das Hospizwesen in der Geschichte der Kirche

Und Jetter fährt überraschend mit der Feststellung fort: „So haben weder Fürsten noch Gelehrte die ersten Hospitäler gegründet, sondern Einsiedler. Mönchsdörfer entstanden durch Basilius den Großen (330-379) in der Stadt Caesarea (370)... Es wird berichtet, dass entweder in diesem ‚Mönchsdorf’ oder in einem zweiten in seiner Nachbarschaft zahlreiche Hilfsbedürftige lebten, so dass von ‚einer großen Krankenanstalt’ gesprochen werden konnte.“ Es folgten in dieser Reihung Edessa (375); Antiochia (vor 398) und Ephesus (451). Am Ende seiner ausführlichen Untersuchungen stellt Jetter nochmals fest: „Erste abendländische Hospitäler sind nicht durch die Herrscher, sondern durch Pilger und Mönche längs der Seerouten und an den Handelswegen verbreitet worden. Zu den frühesten gehört eine Fremdenherberge, ein Xenodochium, das in Rom (399) entstand. Ein zweites lag in Ostia (395).“ Es liegen auch Gründungsnachrichten vor aus Arles (500) und Lyon (542), aus Chalon-sur-Saone (550) und aus Autun (600).

 

3.73 Benedikt von Nursia

Auch Benedikt von Nursia (480 – 547), Vater des christlichen Abendlandes, spielt in dieser Entwicklung eine bedeutende Rolle. Seine Regel zeigte, „wo und wann man Fremde beherbergen und Kranke pflegen, Hungernde speisen und Nackte bekleiden soll. So entstanden die ersten Orte, an denen die Werke der Barmherzigkeit immer wieder getan werden konnten“ So auf dem Monte Casino (529), gefolgt von St. Gallen (820). Die sozialdiakonische Dimension der Kirche des frühen Mittelalters zeigt weiter auch die Gründung der Karolinger auf der Insel Reichenau mit seinem Klostergarten, in dem zahlreiche Heilkräuter angepflanzt wurden.

 

4. Die sozialdiakonische Dimension des Christentums in der
Diözese Rottenburg-Stuttgart

Die sozialdiakonische Dimension des Christentums in der Diözese Rottenburg-Stuttgart lässt sich z. B. sehr eindrucksvoll an der Geschichte der Barmherzigen Schwestern im Geist des Heiligen Vinzenz von Paul verfolgen und darstellen. Ebenso lässt sich diese Dimension an der Geschichte und den Einrichtungen der Caritas, dem SKF und der Malteser zeigen. Ich würde mir wünschen, dass alle Einrichtungen mit Freude und Dankbarkeit die Geschichte ihrer Taten der Nächstenliebe aufschreiben. Nicht damit sich die Einrichtung selbst loben, sondern nach dem Wort Jesu: “Stellt euer Licht auf den Leuchter, damit die Menschen eure guten Taten sehen und - euren Vater im Himmel loben.“

 

5. Diakonisches Handeln als Aufgabe für die

Kirche in der Gegenwart

 

5.1 Aufgabe in der gegenwärtigen Kirche

Ich mache einen Sprung in die Gegenwart des 20. und 21. Jahrhunderts, wohl wissend, dass sich im Lauf der Jahrhunderte mehr und mehr der säkulare Staat und die zivile Gesellschaft selbst der Wohlfahrt und der Gesundheitspflege angenommen hat. Auf diese Entwicklung für die gegenwärtige Situation der sozial-diakonisch-karitativen Einrichtungen kann ich in diesem Zusammenhang nicht eingehen. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass das diakonisch-karitative Handeln ganz in der von mir gezeichneten Spur immer als wesentliche Dimension des Christentums und des kirchlichen Handelns angesehen und hoch geschätzt wurde. Die entsprechenden Einrichtungen stehen mitten in dieser für unsere Kirche zentral wichtigen Tradition.

Das Zweite Vatikanische Konzil nennt das diakonische Handeln, die Vermittlung von Heil und Heilung mitten unter den Menschen – besonders für ‚die Armen, Schwachen, Kranken und die Bedrückten aller Art’ (GS 1, 1964) als unverzichtbare, zentrale und hochgeachtete Aufgabe für die ganze Kirche. Das gilt weiter durch alle offiziellen Äußerungen der Katholischen Kirche, global und auch genauso bei uns in Deutschland.

 

5.2 Johannes Paul II. und die Unverzichtbarkeit der Taten der Liebe

Papst Johannes Paul II. wies immer wieder eindringlich hin auf die Unverzichtbarkeit der Taten der Liebe. So z. B. in seiner Ansprache an die Laien im karitativen Dienst im Dom zu Fulda im Jahr 1980: „Von Anfang an war deshalb die Verkündigung des Wortes von der Tat der Liebe begleitet – ob beim Herrn selbst, der Kranke heilte und sich der Darbenden in der Wüste annahm; oder in der Zeit der jungen Kirche, aus der wir zum Beispiel von der speziellen Armenpflege in Jerusalem oder vom Ausgleich zwischen reichen und armen Gemeinden wissen. Diakonie in all ihren Formen gehört unverzichtbar zur Verkündigung des Evangeliums.“ Den im Dienst kirchlicher Caritas Stehenden ruft er an anderer Stelle zu: „Ihr steht gleichsam als Pfeiler im Strom einer sich wandelnden Gesellschaft, die zunehmend die Würde des Menschen bedroht, die des werdenden Menschen, die der Alten, der unheilbar Kranken, wie auch seine Fähigkeit, das Leben weiterzugeben. Der Schutz all dieser Werte ist weithin Euren Händen anvertraut. Von Eurem Dienst hängt für viele die Glaubwürdigkeit der Kirche ab, in der sie der dienenden Liebe Christi begegnen wollen.“

Das „Evangelium des Lebens“, eine von Papst Johannes Paul II. häufig programmatisch gebrauchte Formulierung fordere, so der Papst, „das Bemühen um die Humanisierung der Medizin und die Krankenbetreuung durch Christen.“ Menschen, so der Papst, die dem Leidenden ihre fürsorgliche Nähe beweisen, rufen im Herzen eines jeden die Gestalt Jesu, des Arztes für Leib und Seele, wach. Er hat es nicht unterlassen, unter die Anweisungen, die er seinen Aposteln gegeben hat, auch die Aufforderung zur Heilung der Kranken aufzunehmen: Das Himmelreich ist nahe, heilt Kranke! (Mt 10,7.8) Daher verdient auch die Organisation und Förderung einer angemessenen Seelsorge für die im Gesundheitswesen tätigen Personen wirklich Vorrang...“

 

5.3 Aktuelle Verlautbarungen

Mit den aus dem ersten Johannesbrief (4,16) entnommenen Worten « Deus caritas est » hat Papst Benedikt XVI. seine erste Enzyklika in zugleich prägnanter wie programmatischer Weise überschrieben. Er betont darin neben der inneren Zusammengehörigkeit des dreifachen Auftrags der Kirche (kerygma – martyria, leiturgia, diakonia) vor allem auch die Unentbehrlichkeit der Caritas für unsere Kirche, die Gesellschaft und die Menschen unserer Zeit. Caritas ist, so schreibt der Papst, „für die Kirche nicht eine Art Wohlfahrtsaktivität, die man auch anderen überlassen könnte, sondern gehört zu ihrem Wesen, ist unverzichtbarer Wesensausdruck ihrer selbst“ (Nr. 25a). Als Konsequenz aus dieser inneren Wesensbestimmung der Kirche ruft Benedikt im direkten Anschluss mit aller Deutlichkeit zur Universalität der Liebe auf und verweist dabei auf den programmatischen Urtext jeder kirchlichen Caritas, das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter: „Die Kirche ist Gottes Familie in der Welt. In dieser Familie darf es keine Notleidenden geben. Zugleich aber überschreitet Caritas-Agape die Grenzen der Kirche.“ (25b, vgl. Lk 10,31 und Gal 6,10)

In ihrem Schreiben „Zeit zur Aussaat“ (2000) stellen die Deutschen Bischöfe unmissverständlich fest: „Die Kirche sucht, in dem was sie tut und wie sie sich darstellt, ihr Leben aus dem Glauben zu bezeugen. Das drückt sich besonders durch das Zeugnis der Nächstenliebe aus, wie wir es in persönlicher und amtlicher Caritas wahrnehmen dürfen, in der Sorge für Arme, Kranke, Alte, Alleinstehende und Fremde.“

 

6. Orte der Verwirklichung des diakonisch-karitativen Anspruchs

Meine Damen und Herren, die Einrichtungen der Caritas und von kirchlichen Verbänden, sowie die Katholischen Stiftungen und deren Einrichtungen, die diese christlich-diakonisch-karitative Dimension amtlich und institutionell-professionell verwirklichen, verstehe ich als mitten in der säkular und oft pseudoreligiös bestimmten, gegenwärtigen Welt liegende Orte von zeichenhafter Repräsentanz für christliches Leben und Handeln im Sinne von Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Ich möchte allen meinen Dank und meine hohe Wertschätzung ausdrücken, die hier für die Menschen in Not da sind, sich in unterschiedlichen Funktionen einsetzen und sie hilfreich und heilsam begleiten.

An den Orten solcher karitativ-diakonischer Einrichtungen können Menschen erfahren und erleben, an solchen Orten können sie ablesen und sehen, was christliche Nächstenliebe – Diakonia und Caritas – heißt und wie sie sich verwirklichen lässt und verwirklicht. An solchen diakonischen Orten realisiert sich heute, - lassen Sie mich das theologisch formulieren – das, was das Offenbarungsgeschehen in der Geschichte zum Heil der Menschen bedeutet: Der dreifaltige Gott hat sich selbst in Jesus Christus zu unserem Heil geoffenbart und befähigt uns, in der Kraft des Heiligen Geistes in seiner Nachfolge in den Werken der Barmherzigkeit zu handeln. (Seipsum revelat – propter nostram salutem). An solchen Orten wird nicht über Nächstenliebe geredet, hier kommt christliche Caritas zur lebendigen Anschaung (Handke) und leibhaftigen Erfahrung. Es geht also darum, im diakonischen Wirken der Kirche Christus zu vergegenwärtigen, ‚der nicht gekommen ist, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele’(Mk 10,45)“. Caritas in ihren Diensten und Einrichtungen ist der Teil von Kirche, der die Botschaft vom Reich Gottes in die Gesellschaft trägt, sie dort verdeutlicht und profiliert. Sie – die Einrichtungen - tun dies in besonderer Weise in Form des Tatzeugnisses und der Anwaltschaft für Not Leidende, Benachteiligte und Kranke.“

 

7. Diakonische Orte als Orte mit Wirkung

Profilierte Orte von Diakonie und Caritas sind Orte oder können dies zumindest sein, Orte sinnstiftender, oft lebensentscheidender Erlebnisse und auch transzendenter Erfahrungen, von denen eine positive Wirkung auf die Menschen ausgehen kann. Dies möchte ich im Folgenden erläutern.

 

7.1 Religiöse Erfahrungen als Ausdruck menschlicher Freiheit

Für Franz-Xaver Kaufmann ist es heute „weniger der Inhalt des christlichen Glaubens als die Veränderung seines gesellschaftlichen Stellenwerts..., wodurch sich sein Bedeutungsverlust für die Individuen erklären lässt.“ Trotzdem bleibe auch in unserer Gesellschaft „das ursprünglich christliche Ideal der Personalität als Ausdruck menschlicher Freiheit“ erhalten. Die Personalität als Ausdruck menschlicher Freiheit muss gerade deshalb der existentielle Ort sein, an dem heute für den Lebensweg des Menschen relevante, religiös-christliche Erfahrungen gemacht werden können. Solche Sinn-Erfahrungen, bei denen sich Menschen zugleich transzendieren und von einer transzendenten Kraft ergriffen werden, können in existentiellen Situationen von außen, vom Lebenskontext, von Anlässen und Räumen induziert, bzw. ermöglicht werden. Orte, wo diese Sinn- und Transzendenzerfahrung geschehen kann, sind diakonische Einrichtungen als temporäre Lebenswelten mit Anschauung und mit Erlebnisqualität in existentiell kritischen Lebensphasen eines Menschen oder auch Einrichtungen permanenter Lebenswelten für Menschen, die solcher Fürsorge lebenslang bedürfen.

 

7.2 Seelische und leibliche Not als Anlass für existentielle Sensibilität

In die sozial-karitativ-diakonischen Einrichtungen kommen die Menschen in schwierigen Lebenssituationen, in denen sie Hilfe brauchen und suchen und existentiell ‚sensibilisiert’ sind, d. h. leiblich-seelisch erschlossen sind für Fragen nach dem Sinn, nach der wirklichen „Qualität“ und „Entität“ des Lebens des Menschen.

 

7.3 Orte der amtlichen Caritas als Erlebnis-Orte kompetenten
praktisch-christlichen Lebenszeugnisses

In den sozial-karitativ-diakonischen Einrichtungen erleben Menschen in unterschiedlichen Rollen am eigenen Leib, an der eigenen Seele, was es heißt und wie das aussieht und sich anfühlt, aus dem christlichen Glauben heraus anderen beizustehen – oder von anderen (Ärzten, Pflegern, Betreuern, etc.) heilsamen und heilenden Beistand zu erfahren.

 

7.4 Orte der Caritas als Orte von Heil und Heilung

Die sozial-karitativ-diakonischen Einrichtungen sind also etwas salopp ausgedrückt „Servicestationen“ in Sachen Heil und Heilung, Orte an denen der christliche Dienst am Menschen in unheilen Situationen unter der Perspektive der Bestimmung des Menschen zum wahren, erfüllten und in letzter Hinsicht gelungenen Leben hautnah und seelisch ‚passiv’ erlebt oder ‚aktiv’ vollzogen werden kann.

 

7.5 Orte der Caritas als Orte des Selbstreferenz

Die sozial-karitativ-diakonischen Einrichtungen sind deshalb zugleich Orte der Selbstreferenz der christlichen Verkündigung und des christlichen Ethos. In ihnen erfüllt sich der Auftrag an alle Christen, in lebendiger Nächstenliebe tätig zu sein. Wo dies geschieht, wird Kirche glaubwürdig. Die Glaubwürdigkeit der Kirche, ihre Reputation, Relevanz und ihr missionarisches Wirken wird von einer solchen Verlebendigung nur profitieren. In vielerlei Hinsicht muss sich die Kirche in ihren Strukturen, Organisationsformen und Diensten hierbei neu aufstellen, um auch zukünftig ihrem Auftrag gemäß und möglichst wirksam handeln und im Dienst für die Menschen präsent sein zu können. Denn nur so kommen wir einerseits dem Auftrag des Evangeliums nach und sorgen zugleich dafür, dass die soziale Dimension in unserer Gesellschaft keinen nachhaltigen Schaden nimmt.

 

7.6 Die sozial-karitativ-diakonischen Einrichtungen können „Orte starker Wertungen“ sein.

Die sozial-karitativ-diakonischen Einrichtungen sind für die Persönlichkeits-Bildung von Menschen, die sie beanspruchen, von großer Bedeutung: In ihnen können Menschen, auch als Akteure, aber besonders als Betroffene, als ‚Patienten’, das machen, was Viktor Frankl „starke, sinnkonstituierende Erfahrungen“ nennt. Solche sinnkonstituierende Erfahrungen sind „qualifizierte Erfahrungen von besonderer Verbindlichkeit,“ die nicht als fremdbestimmt(!), sondern als tiefster Ausdruck des Eignen (Personalität) erfahren werden. – Solche religiöse Erfahrungen vermögen einer Person eine ‚widerstandsfähige Identität’ zu vermitteln.

Die sozial-karitativ-diakonischen Einrichtungen sind für den in ihnen Gesundheitsführsorge erfahrenden Patienten Orte ‚starker Wertungen’. An ‚starken Wertungen’, an normativ gewordenen Erfahrungen, orientieren wir uns beim Abwägen unterschiedlicher Entscheidungsalternativen in letzter Instanz. Solche Erfahrungen von Selbstbindung und Selbsttranszendenz machen das charakteristische Moment persönlichkeitsbestimmender ‚Werte’ aus.

 

7.7 Die sozial-karitativ-diakonischen Einrichtungen können „Orte religiöser Erfahrungen“ sein

Christliche Krankenhäuser z. B. können vor diesem Hintergrund als Orte der Erfahrung bestimmt werden, dass hinter dem, was kranke Menschen hier erleben, doch letztlich eine (heilende) Wirklichkeit steht. Wenn Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil bezüglich ihrer Aufgabe gegenüber der politischen Gemeinschaft als ‚Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person’ bezeichnet wird, dann erweist sie sich als solche besonders in diakonisch-karitativen Einrichtungen.

 

8. Schlussteil

Unentdeckte Dimensionen diakonischer Orte als Orte
missionarischer Kirche am Beispiel kirchlicher Krankenhäuser
Bei der zweiten Arbeitstagung der Rechtsträger der Unternehmen in der Caritas im September 2004 im Tagungszentrum der Katholischen Akademie, Berlin, wurde bei der Podiumsdiskussion die Frage gestellt, ob z.B. die Krankenhäuser ein missionarisches Feld der katholischen Kirche seien. Dazu einige Antworten:

  • Dr. Gerhard Rey, proCumCert antwortete:
    „Das... Geschäft von Caritas und Kirche kann nur sein, dort zu helfen, wo Menschen in Not sind. Die Extreme sind hier das Menschwerden und das Abschiednehmen von dieser Welt. Das sind zentrale Elemente, die kirchliche Krankenhäuser niemals aufgeben dürfen. Dieser Themen muss sich die Caritas annehmen. Der Umgang mit Sterbebegleitung, Todgeburt, Frühgeburt und allen Problemen, die damit zusammenhängen, die Tätigkeit auf einer Palliativstation sind zentrale Elemente von einem kirchlichen Krankenhaus.“
  • Schwester Edith-Maria, Marienhaus GmbH, Waldbreitbach
    „Die Träger bemühen sich um das kirchliche Profil. Zielvereinbarungen, Seelsorge, Qualifizierungsmaßnahmen sind hier zu nennen. Ich wünsche mir, dass die Kirche in ihren Wesensvollzügen Liturgie und Verkündigung den Trägern der Caritas etwas mehr den Rücken stärkt, so dass man gemeinsam diese wesentlichen missionarischen Felder nicht aufgeben muss. Es wäre schade, wenn wir uns da zurückziehen, ohne dass die Kirche sich kundig macht, was dort geschieht.“

Wo solche Überlegungen wirklich übersetzt werden in überzeugende, professionelle und funktionierende Praxis im christlichen Geist von Diakonie und Caritas, da wird auch ein großer und zentraler Beitrag geleistet zur Kirche als anschauliches und wirkmächtiges Zeichen des Heiles, von Heil und Heilung, in unserer Gesellschaft.

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss:
Ich wollte ihnen diese meine Gedanken und Überlegungen zur karitativ-diakonischen Dimension unserer Kirche weitergeben, um Ihnen daran Anteil zu geben. Ich hoffe, dass ich vermitteln konnte, wie sehr ich unsere Einrichtungen in dieser Art schätze und für wichtig ich sie halte für die Menschen, in unserer Diözese, aber auch für unsere Ortskirche Rottenburg-Stuttgart.

Wie Kirche zeitgemäß und so überzeugend wie wirkungsvoll gestaltet werden kann, das kann man an solchen Orten vorzüglich erfahren. Denn ‚eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts’, oder, um nochmals die Enzyklika des Papstes zu zitieren: "Kirche als Familie Gottes muss heute wie gestern ein Ort der gegenseitigen Hilfe sein und zugleich ein Ort der Dienstbereitschaft für alle der Hilfe Bedürftigen, auch wenn diese nicht zur Kirche gehören." (32)
So wird Hilfe wirksam möglich, so zeigt sich Christentum und Kirche von ihrer eigentlichen Seite, so wird Kirche in der Nachfolge Jesu auch heute als betretbares und nutzbares Heil-Land erfahrbar. Besseres kann ich mir für unsere Kirche insgesamt nicht vorstellen, um den zukünftigen Weg von der Volkskirche hin zur missionarischen Kirche im Volk finden und gehen zu können. Besseres kann ich uns allen nicht wünschen!

Ich danke für die Aufmerksamkeit!