Bischof Dr. Gebhard Fürst: Wort des Bischofs zur Eröffnung des Hauses der Katholischen Kirche 2009

Stuttgart

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Schuster,
sehr geehrter Herr Stadtdekan, lieber Herr Prälat Brock,
sehr geehrter Herr Stadtdekan Ehrlich,
sehr geehrter Herr Ummenhofer,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Zunächst und vor allem: Liebe Stuttgarter Katholiken, ich gratuliere Ihnen allen zu diesem gelungenen Werk, zu diesem eindrucksvollen Haus der Katholischen Kirche. Ich freue mich mit Ihnen, dass all die Überlegungen und Pläne des letzten Jahrzehnts nun zu diesem über unsere Kirche hinaus wahrgenommenen Ort der Kirche geführt haben. Großer Dank an alle! Wir erbitten Gottes Segen, dass das Haus nun mit dem Geist erfüllt werde, aus dem heraus es entstanden ist!

Wenn wir nach dem Profil dieses Hauses fragen, möchte ich anknüpfend an Worte erinnern, die Bischof Georg Moser anlässlich der Erhebung von St. Eberhard zur Konkathedrale im Jahr 1978 gesagt hat, also zu einer Gelegenheit, die mir - als markantes Datum der Geschichte der Katholischen Kirche in Stuttgart – dem heutigen Ereignis durchaus verwandt ist. Er sagte damals: ‚Jesus Christus hat uns ja aufgetragen, wir sollten seine Botschaft aus dem Binnenraum der Vertrautheit mit ihm hinaus in die Öffentlichkeit tragen. Und wie die Kirche im Namen Jesu als Sinn-Instanz das Menschen- und Weltbild auf Gott hin offenzuhalten bemüht ist, so wird sie auch als ethische Instanz ihre Stimme erheben. Sie will die gemeinsamen Möglichkeiten und Aufgaben hervorheben, damit die Menschenwürde unantastbar sei, von Anbeginn bis zur letzten Stunde des Daseins, und damit die Menschenrechte bei uns und in anderen Ländern ungeschmälert gelten.’

Meine sehr geehrten Damen und Herren, „aus dem Binnenraum der Vertrautheit mit ihm hinaus in die Öffentlichkeit“: Diese Formulierung skizziert die Ausrichtung dieses Hauses der Katholischen Kirche. Was hier geschieht, vermag den Geist, der uns als Christen erfüllt, öffentlich zur Wirksamkeit zu bringen, nicht um unseretwillen, sondern um der Menschen willen und zu ihrem Heil.
Unweit von Bahnhof und Banken, von Politik, Börse und Warenhäusern, inmitten des geschäftigen Treibens dieser Stadt steht nun neben der Konkathedrale dieses Haus der Katholischen Kirche. Es ist einladend geöffnet und gibt allein schon durch seine Lage, vor allem durch seine Gestalt, ein deutliches Zeichen hinein in unsere Gesellschaft: Kirche bleibt nicht im Binnenraum der Sakristei tätig. Nein, wir werden hier Stellung beziehen, wir werden da sein für die Menschen unserer Zeit, wir werden uns einmischen in einen Dialog auf Augenhöhe mit dem Geist der Zeit, womöglich auch mit dem Zeitgeist und den Geistern, die unsere Zeit rief und nun nicht mehr loszuwerden weiß.

Das Haus der Katholischen Kirche setzt Zeichen. Von diesem Haus aus sollen und werden geistige und geistliche Impulse ausgehen, Leben zu erneuern und neues Leben zu wirken. Von daher liegt St. Eberhard und das Haus der Katholischen Kirche nicht nur im Herzen der Stadt. Nein, ich möchte sagen, hier schlägt das Herz der Stadt! Und wir alle dürfen dankbar sein, dass auch an zahlreichen anderen, vom Geist des Christentums geprägten Orten das Herz schlägt. Ohne Religion fehlte der Stadt, unserer Gesellschaft und ihren Menschen das entscheidende Moment, das Sinn stiftet. Ohne die Kräfte der Religion, ohne den Im-Puls der Kirchen würde der Pulsschlag der Zeit bald hohl und sinnlos. Wir alle dürfen dankbar sein, dass es in unserer Stadt in ökumenischer Verbundenheit solche Orte gibt.

Gerade in den Städten erwacht das Interesse für Religiöses für Religion neu. Selbst wenn man das Leben auskostet, bleibt immer ein Rest übrig. Es muss noch etwas mehr geben als Konsum, Karriere und Bankkonto.
Darum freue ich mich, dass mit diesem Haus der Katholischen Kirche und mit den Menschen, die darin arbeiten, ein fruchtbarer Boden für die Hoffnung gelegt ist, die Christen anvertraut ist.

Ich bin sicher: Gerade mitten in der Großstadt sind heute neue, ungeahnte Orte des Glaubens zu entdecken, geradezu Biotope des Lebens aus dem und mit dem Glauben. Es braucht Mut und Offenheit, Neues zu wagen, sich auf fremde, verstörende Erfahrungen einzulassen, auch Ungewohntes zuzulassen. Nicht um es einfach zu übernehmen, Christen brauchen den Mut, sich auf den Marktplatz zu stellen genauso wie die Kraft aus dem sie erfüllenden Geist Jesu Christi lebendiges und wirksames Zeugnis zu geben. Ich bin sicher: Wo wir in dieser Weise da sind für die Menschen, die Antworten und Hilfestellungen, Trost und Rat, ein geduldiges Ohr oder einen kompetenten Rat, ein freundlichen Blick und ein gutes Wort suchen, da wirken wir in missionarisch heilsamer Weise für die Menschen und für unsere Gesellschaft.

Missionarisch Kirche sein heißt, aus dem Geist Jesu Christi, der in uns lebt, selbst zu leben und uns Menschen zuzuwenden. Missionarisch Kirchesein zeigt sich im Mitleben, Mitleiden, Mitfreuen mit den Menschen unserer Zeit. Und ich bin sicher: Wer die Schicksalswege von Menschen in der Stadt begleitet, der erfährt, dass über alle Abgründe hinweg und durch alles Beziehungselend hindurch sich auch heute Gott ins Spiel bringt und dass sein heilender Geist wirkt.

In dieser Hinsicht können wir dankbar sein, auf welch vielfältige und so sinnvoll wie kompetente Weise sich das Haus schon jetzt zu Beginn zeigt.
Da wird die karitativ-diakonische Seite unserer Kirche genauso gut sicht- und vor allem erfahrbar wie eine kompetente, spannende und einladend-offene Seite. Hier zeigen sich Erziehungs- und Lebenshilfe ebenso wie die verschiedensten Akzente des Bildungsangebotes aus ökumenisch offenem, christlich-kirchlichem Geist. Mitten in der Stadt bilden Konkathedrale und Haus der Katholischen Kirche heilsame Oasen in dem Getriebe des Geschäftslebens. Hier sind Orte, wo jede und jeder auch einfach verweilen darf. Ein Dach für die Seele, eine Wärmestube in dieser gefühlskalten Welt.

Und wohlgemerkt: Dies Angebot gilt unabhängig von Konfession oder Religion, die Einladung gilt unabhängig von Hautfarbe und Herkunft, von Bildungsgrat oder Einkommensumfang. Das Haus soll ein einladend offenes, gastfreundliches Haus sein in einer Gesellschaft der Passanten und Unbehausten. Es bemüht sich um niederschwellige Türen für Erstkontakte mit einer verloren gegangenen Welt und um ‚Probierstationen’, wo keiner vereinnahmt werden soll; um therapeutische Orte, wo die vielfältigen Nöte zur Sprache kommen können, wo erste Hilfe als Krisenintervention möglich ist, wo Menschen zur Begegnung, zur geistlichen Begleitung und zum Heilungsgespräch ansprechbar sind.

Da hat die Ehrenamtsbörse ebenso ihren Ort gefunden wie die Verwaltung des Stadtdekanats und das Dompfarramt. Hier knüpft zukünftig das Verbindungsbüro ebenso Kontakte in die Region Stuttgart wie die Katholische Nachrichtenagentur ihre Meldungen in die verschiedensten Medien sendet; hier besteht die Möglichkeit zu einer Tasse Kaffee mit einem sinnvollen Buchtipp ebenso wie es möglich ist, ganz konkrete Hilfe und Rat in Notsituationen zu finden; da steht der Ratschlag für Familien genauso bereit wie das Fortbildungsangebot für den Single.

Die vielen Angebote, Möglichkeiten und Hilfen, die zahlreichen Begegnungen sie alle mögen geschehen indem einen Geist, der uns geschenkt ist: Gottes Geist im Geist Jesu Christi für Menschen sichtbar und erfahrbar geworden.
All dies wünsche ich diesem Haus, dieser Stadt und ihren Menschen an diesem Tag!

In diesem Sinn danke ich allen, die zum Werden dieses Hauses auf vielfältige Weise - teilweise schon seit langer Zeit - beigetragen haben! Ich nenne stellvertretend, aber doch bewusst einen Namen: Ich danke sehr herzlich als Bischof und im Namen der ganzen Diözese Rottenburg-Stuttgart dem Stadtdekan Prälat Michael Brock, der sich in den letzten Jahren in so beharrlicher wie aufopferungsvoller Weise bis über den Rand seiner Belastbarkeit hinaus für dieses Haus und seine Entstehung eingesetzt hat. Ihm gilt mein besonderer Dank an dieser Stelle! Danke Michael Brock!

Allen, die mitgewirkt haben gilt mein und unser ebenso herzlicher Dank. Die Katholiken Stuttgarts haben hier – auch ein wenig mit Hilfe diözesaner Gelder - ein Haus der Kirche geschaffen, das zum Wohle dieser Stadt wirken möge. Ich bin sicher dass es dieses Haus mit Gottes Hilfe und in seinem Geist auch tun wird. Ihnen allen danke ich nun für Ihre Aufmerksamkeit!