Bischof Dr. Gebhard Fürst: Wort zum Sonntag in SWR 2

Stuttgart, Südwestrundfunk

Es sind vor allem seine eindrucksvollen Handlungen und bewegenden Zeichen, die bis heute nachwirken. Zeichen und Gesten von großer Eindringlichkeit und spiritueller Kraft. Zeichen und Gesten mit denen er einen seiner richtungsweisenden Sätze gelebt, vorgelebt hat:

„Der Weg der Kirche ist der Mensch“ Über diesen Weg hat er eben nicht nur gesprochen, er ist ihn auf vielfache Weise zu den Menschen und mit den Menschen gegangen. Und dies durchaus auch auf Wegen, die die Kirche bisher so nicht kannte oder nicht gegangen ist.

Drei Beispiele:

Gegen Ende des 2. Weltkrieges sah Karol Wojtyla eine junge Frau, die halb verhungert am Straßenrand kauerte. Eine Jüdin, die gerade aus dem KZ befreit worden war. Er ging zu ihr hin, sah die in ihre Haut eingeritzte KZ-Nummer und fragte sie. „Wie heißt Du?“ Die Frau blickte auf und nannte ihm ihren Namen. Zu mehr war sie nicht mehr fähig. Karol Wojtyla nahm sie auf und trug sie über viele Kilometer in ihr Dorf nach Hause. 55 Jahre später, im Jahr 2000, während seines Besuches in Jerusalem traf Johannes Paul II. in Yad Vashem, der Gedächtnisstätte des Holocausts, diese Frau wieder. Unter Tränen sagte sie ihm: „Dass Du mich nach meinem Namen gefragt hast, das hat mir das Leben gerettet.“ Sie war keine Nummer mehr, sondern wieder Mensch. Eine tief berührende Geschichte: die Begegnung eines Christen und einer Jüdin, eine Geschichte voller Auferstehung des Lebens mitten am Tag. Den Menschen, der mich gerade braucht, nicht übersehen, ihn beim Namen nennen, ihn nach Hause bringen, das rettet sein Leben.

Der Weg der Kirche ist der Mensch.

Ein zweites Beispiel: 1981 wurde Johannes Paul II. auf dem Petersplatz von dem Attentäter Ali Agça niedergeschossen und schwer verletzt. Zwei Jahre später besucht er im Gefängnis den Mann, der ihn fast getötet hätte. Er umarmt ihn und spricht mit ihm. Er verzeiht dem Menschen, der ihn so schwer verletzt hatte. Ein Beispiel für Nächstenliebe, für Feindesliebe, für Friedenswillen. Versöhnung wollte Johannes Paul II. stiften, wo es irgend ging, wirklich Pontifex sein, Brückenbauer.

Der Weg der Kirche ist der Mensch. Ein letztes konkretes Beispiel: Das Heilige Jahr 2000 leitete der Papst mit einer ökumenische Feier ein. Zur Eröffnung gingen der Primas der Anglikanischen Kirche, Erzbischof Carey, und der Metropolit der griechisch-orthodoxen Kirche, Athanasios, gemeinsam mit Johannes Paul II. durch die Heilige Pforte. Eindrucksvolle Geste und herausfordernde Ouvertüre für das Dritte Jahrtausend, sprechendes Zeichen für den ökumenischen Geist des Papstes. Auch sein konsequenter und offener Dialog mit Judentum und Islam wurzelt in dieser Grundhaltung: Sie ist heute notwendiger als je zuvor.

Der Weg der Kirche ist der Mensch. Ich möchte dieses Anliegen von Papst Johannes Paul II aufnehmen und immer wieder konkret versuchen, solche Wege zu gehen:

Wo kann ich Menschen nach ihrem Namen fragen, ihnen ihre Würde geben und sie so zurück ins Leben holen?

Wo verzeihe ich Schuld und überwinde Feindschaft, wo mich das angeht? Bin ich zur Versöhnung bereit, wo ich beleidigt oder verletzt wurde oder mir geschadet wurde?

Wo fördere ich den ökumenischen Geist in geschwisterlicher Wertschätzung und Respekt vor dem Glaubensreichtum des anderen, ohne dass ich die gemeinsame Bemühung um das, was wahr ist und gut, ausklammere?

Der Weg der Kirche ist der Mensch.