Bischof Fürst: Das Christentum verleiht Europa Flügel


Europapolitisch berge die deutsche Ratpräsidentschaft im neuen Jahr Herausforderungen und Chancen. Zudem sei die EU mit jetzt 27 Mitgliedstaaten „europäisch vollständiger“ geworden. Der Verfassungsvertrag befinde sich zwar in der Krise, es deute sich jedoch an, dass sie überwindbar sei. „Diesbezüglich richten sich im In- und Ausland große Erwartungen auf die deutsche Ratspräsidentschaft. Man erhofft sich neue, überzeugende Impulse hin zu einem ‚europäischen Grundgesetz’“, so der Bischof. Die Kirchen dürften sich bei diesem Prozess nicht in die Zuschauerposition zurückziehen, sondern müssten diese wichtige Etappe des europäischen Integrationsprozesses mit ihren Möglichkeiten unterstützen. Die Religionsfreiheit und das Verhältnis Staat-Kirche würden dabei erstmalig geregelt und die EU-Organe zu einem offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog mit den Kirchen und anderen religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaften verpflichtet. Dabei solle ihre Identität und ihr besonderer Beitrag für Europa anerkannt werden.

Mit Sorge erfüllt den Bischof, dass das christliche Bild vom Menschen in Vergessenheit zu geraten drohe. Es beschreibe den Menschen als Abbild und Geschöpf Gottes mit unverlierbarer Menschenwürde. Diese Vorstellung müsse auch den Umgang mit dem menschlichen Leben an seinem Anfang und an seinem Ende bestimmten.

Dagegen werde der Lebensanfang zunehmend von den Möglichkeiten der Reproduktionstechnologien bestimmt. Als Beispiele nannte der Bischof die künstliche Befruchtung bei einer 67-jährigen Spanierin und die amerikanischen Leihmütter, die „Designerbabys“ zur Welt bringen, die den Wünschen der Eltern entsprechen. „Welch eine monströse Fremdbestimmung“, so der Bischof. „Hier löst sich der Zusammenhang von Liebe – Sexualität – Zeugung und Verantwortung für das Kind auf. Die psychischen und gesellschaftlichen Folgen für solche Kinder und für die in diese Prozesse involvierten Menschen sind unabsehbar.“ In Deutschland sei eine solche Praxis gesetzlich verboten. Doch wie lange noch, fragte der Bischof. „In Deutschland wird derzeit die restriktive Gesetzeslage aufgeweicht und die Novellierung des Gesetzes zum Verbot der Einfuhr embryonaler Stammzellen betrieben.“ Dabei führe die Gewinnung von embryonalen Stammzellen zur Tötung von Embryonen. Die Tötung „embryonaler Menschen“ werde billigend in Kauf genommen, um Grundlagenforschung betreiben zu können. Dabei gäbe es andere Forschungswege, die genauso zur Heilung schwerer Krankheiten führten, ohne dass dabei Embryonen geopfert werden würden.

Auch am Ende des Lebens gerate das christliche Bild vom Menschen in Vergessenheit. Das Christentum mache deutlich, dass Sterben und Tod eines Menschen kein Unfall seien, sondern zum Leben gehörten und dementsprechend sensibel und verantwortungsbewusst gestaltet werden müssten. „Das Sterben als Teil des Lebens anzunehmen, bleibt eine persönliche, grundeigentliche Aufgabe eines jeden Menschen, die ihm niemand abnehmen kann“, sagte Bischof Fürst. Vor allem dürfe die Debatte um gesetzliche Regelungen nicht auf die Ermöglichung von Tötung auf Verlangen oder aktive Sterbehilfe hinauslaufen. „Europäische Länder haben hier negative Erfahrungen machen müssen, die wir nicht übersehen dürfen.“ Die Antwort von Christen auf das Sterben des Menschen bestehe in Hospizarbeit und Palliativmedizin. Mit dem Satz: „Es geht um das ‚Sterben an der Hand eines Menschen und nicht durch die Hand eines Menschen’, brachte der Bischof die christliche Haltung auf den Punkt.

Am Ende seiner Neujahransprache wies der Bischof auf die Bedeutung des Engagements der Ehren- und Hauptamtlichen in der Kirche hin, die sich im Sinne der christlichen Nächstenliebe anderen zuwenden. Der pastorale Schwerpunkt des Jahres 2007 liege auf dem aufmerksamen Bemühen um ehrenamtliches Engagement und um Berufe in der Kirche. Das Jahr 2007 sei das „Jahr der Berufung“ in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. „Wenn wir die frohe Botschaft weitergeben wollen, reichen Geld und gute Konzepte nicht aus. Nur durch die Nähe zu den Menschen ist der christliche Glaube traditionsfähig. Nähe zu den Menschen erreichen wir nicht über Papiere, sondern durch Menschen. Wir brauchen engagierte Menschen, christliche Persönlichkeiten, missionarische Christen“, so Bischof Fürst. Jeder Christ, alle getauften Frauen und Männer seien Berufene, jede und jeder mit ihren Begabungen. Froh ist der Bischof, dass es weiterhin Laienberufe im pastoralen Dienst in der Diözese geben werde. „Es lohnt sich, Theologie zu studieren! Die kirchlichen Berufe, zu denen das Studium befähigt, sind Berufe mit Zukunft und sinnvolle Berufe, die Menschen erfüllen“, ermunterte der Bischof die jungen Leute. Der Priesternachwuchs bereite ihm jedoch Sorge. Das Jahr der Berufung wende sich an junge Menschen, die sich überlegten, welchen Beruf sie ergreifen möchten. „Wo sind die Menschen, die sich anderer annehmen, nicht zuerst, weil sie Geld verdienen wollen, sondern weil sie für Andere da sein wollen, die sie brauchen?“ fragte der Bischof. Denn wo Menschen für geistliche Berufe gewonnen würden, da verändere sich das Zusammenleben in der Gesellschaft insgesamt. Seelsorger genössen in der Gesellschaft hohes Vertrauen. „Wer in einem pastoralen Beruf arbeitet, mehrt das Vertrauenspotential in unserer Gesellschaft. Engagierte Christen leben die Grundhaltungen und Werte, die unser Gemeinwesen braucht, um auch in Zukunft zu bestehen“, so der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart Gebhard Fürst.