Bischof Fürst: Das Zweite Vatikanische Konzil als Leitbild der Kirche

Von Anfang an habe sich die Kirche versammelt, um dem Glauben Gestalt zu geben. Diese Versammlung sei jedoch kein Selbstzweck. Sie diene vielmehr der Sendung der Kirche in die Welt hinaus. „Wir sind als Kirche, als Ekklesia, herausgerufen, aus allen Winkeln und allen Nischen“, so der Bischof. Zusammenkunft und Sendung seien die beiden Bewegungen, die die konziliare Kirche Jesu Christi auszeichne. Kirche sei keine Sonder- oder Gegenwelt, sondern teile die Freude und die Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten, zitierte der Bischof den Konzilstext. „Der Platz des Christentums ist mitten in der Welt. Christliches Grundverständnis bedeutet kein Sonderraum, keine Entfremdung von der Welt, sondern Mitleben, Mitreden und Mithandeln in der Welt.“

Elf große Bischofssynoden habe es seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gegeben. Auch in Deutschland wurde das synodale Element wiederbelebt und der Prozess der Festsetzung der Pastoralen Prioritäten und der Pastoralen Posterioritäten in der Diözese Rottenburg-Stuttgart sei aus dem Geist und in der Spur der Konstitutionen und Dekrete des Zweiten Vatikanischen Konzils erfolgt.

Das Konzil verschaffte der Bibel ein neues Gewicht in der Kirche, sagte Bischof Fürst. Nach der Konstitution über die göttliche Offenbarung sei ein „Bibelfrühling“ gekommen. „Wie viel an biblischem Geist, an Erschließung der frohen Botschaft des Evangeliums ist inzwischen in unseren Gemeinden gewachsen.“ In besonderer Weise sei das Amt in der Kirche der Heiligen Schrift unterstellt. Bei der Bischofsweihe werde das besonders deutlich, wenn der Bischof die aufgeschlagene Bibel über das Haupt gehalten bekommt. “Wir alle mit unseren Charismen und Aufgaben sind eingeborgen in diese Botschaft der Heiligen Schrift in der lebendigen Überlieferung unserer Kirche.“

Als Geschenk des Konzils bezeichnet der Rottenburger Bischof auch die neuen kirchlichen Berufe in der Kirche, den verheirateten Diakon und die Laienberufe, die Pastoral- und Gemeindereferenten. Ohne sie wäre die Pastoral heute nicht mehr möglich. Ganz bewusst versammelten sich denn auch die verschiedenen Dienste und Ämter beim Abschlussgottesdienst des Symposiums in der Tübinger Johanneskirche, um die Eucharistie mit zu feiern. Hunderttausende Laien seien heute in der Kirche ehrenamtlich tätig, das sei ein Anteil, der so hoch wie noch nie in der Kirchengeschichte ist, so der Bischof. Das sei keine Notlösung, sondern eine Frucht des Konzils. Dahinter stecke das Verständnis von Kirche als dem Volk Gottes und einer Gemeinschaft, die von möglichst vielen mitgetragen werde. Ohne das Zweite Vatikanische Konzil sei die heutige Situation der Kirche in Deutschland nicht denkbar. Bischof Fürst zitierte ein Schreiben von Papst Johannes Paul II, indem er die beratende Rolle der Räte in der Kirche hervorhebt: „Es besteht eine Art Kreislauf zwischen dem, was der Bischof mit persönlicher Verantwortung zum Wohl der seiner Sorge anvertrauten Kirche zu entscheiden hat, und dem Beitrag, den die Gläubigen ihm mittels der beratenden Organe wie Diözesansynode, Priesterrat, Bischofsrat und Pastoralrat leisten können.“

Bischof Fürst hob auch die Reform der Liturgie und die Erneuerung der Feier der Eucharistie durch das Konzil hervor. In den Gemeinden wachse heute das Verständnis für die sonntägliche Eucharistiefeier und damit wachse auch der Wunsch nach Priestern, die die Eucharistie feiern. Das mache den Priestermangel besonders schmerzlich bewusst. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart werde sich weiterhin um den Priesterberuf bemühen.