Bischof Gebhard Fürst: Familienpolitik im Wandel

Die Bereitschaft Kindern das Leben zu schenken, könne man nicht mit der Begründung wecken, dass damit die Versicherungssysteme saniert würden. Es gehe dabei vielmehr um eine Veränderung des Bewusstseins. Familie müsse wieder in ihrer Bedeutung als „Werte-, Beziehungs- und Verhaltensgenerator ersten Ranges“ erkannt werden, sagte Bischof Fürst. Eine familienfreundliche Grundeinstellung und ganz konkrete Maßnahmen müssten zusammenkommen. „Dementsprechend müssen wir die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens bewusster von der Familie, ihren Belangen und Bedürfnissen her vornehmen“, sagte der Bischof. Die Politik müsse sich von einer bloßen Sozialpolitik für Familien zu einer familienorientierten Politik wandeln.

Die Familie verändere sich entsprechend dem Wandel von Gesellschaft und Kultur. Der Wunsch nach persönlicher Freiheit, nach mehr Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen in der Ehe, nach Förderung der Würde der Frau und Verbesserung der Erziehung gehe einher mit der Verkümmerung anderer, positiver Werte. So gäbe es zweifelhafte Auffassungen von Freiheit und gegenseitiger Unabhängigkeit der Eheleute und die zunehmende „Versingelung“ innerhalb des Familienbundes. Je mehr sich die Familienstrukturen lösten, desto größer werde die Sehnsucht nach einem überschaubaren Lebensraum in Vertrauen und Liebe, beschrieb Bischof Fürst die gegenwärtige Situation junger Menschen. Trotzdem sei die Entwicklung der Altersstruktur in Deutschland dramatisch, das gesamtgesellschaftliche Klima für Kinder zu wenig kinderfreundlich.

Dabei sei die Familie der „Lernort des Lebens“, wo soziale Verantwortung und Solidarität wachse. In der Familie entscheide sich, ob jemand lebenstüchtig und gemeinschaftsfähig werde. „An der Hand ihrer Eltern erfahren die Kinder, dass sie dem Leben trauen dürfen. Sie lernen, Beziehungen aufzunehmen, mit Ängsten umzugehen und Vertrauen zu gewinnen“, sagte der Bischof. Wer sich angenommen wisse, könne "Ja" zu sich selbst, zu anderen und zu Gott sagen. Familien seien Orte, an denen christlicher Glaube und christliches Leben erfahren und Mitmenschlichkeit eingeübt würden. Die Kirche sehe daher in der Familie die grundlegende Form menschlichen Zusammenlebens, weil sie wesentlich zu gelingendem Leben beitrage. Es gehe um mehr als das körperliche oder materielle Wohlergehen des Menschen, es gehe um sein Heil.

Ehe und Familie seien die Lebensformen, die den menschlichen Grundbedürfnissen nach Annahme, Zuwendung und Geborgenheit in besonderer Weise entsprächen, betonte der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Persönlichkeit und Stabilität des Einzelnen wurzelten und reiften vor allem in einem gelingenden familiären Zusammenleben. In ihm erlebten Kinder in den ersten Lebensjahren vorbehaltlose Annahme und unbedingte Verlässlichkeit. Das seien Kernkompetenzen, die in der heutigen Arbeitswelt gefordert seien. „Nichts wünschen sich Menschen mehr als die Beheimatung in einem familiären Lebensort“, so Bischof Fürst.

Als unzureichend bezeichnet der Bischof die strukturellen Rahmenbedingungen für Familien. Die materielle Lage der Familien habe sich verschlechtert. Familienpolitik müsse weniger Subventionspolitik und mehr Strukturpolitik sein. Soziale Absicherung, die Steuer- und Rentengerechtigkeit, die Situation auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt und die Bereitstellung von unterstützenden Diensten für Familien müssten verbessert werden. Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart habe die Familie eine klare Priorität. Sie werde die Familien unterstützenden Maßnahmen weiter beibehalten. Bei der Seelsorge für Familien, der kirchlichen Bildungsarbeit, den Hilfs- und Erholungsangeboten werde auch in Zeiten des Sparens nicht gekürzt.

Generalvikar Clemens Stroppel forderte in seiner Predigt beim Gottesdienst zum Tag der Organisationen und Verbände, Kinder nicht um Gott zu betrügen. Jeder in unserer Gesellschaft bräuchte „den Weg, die Wahrheit und das Leben unseres Evangeliums“, sagte Stroppel. Damit sie nicht um ihr Leben betrogen würden, sollten wir die Kinder und Jugendlichen nicht um Gott betrügen. Konkret forderte er die Gläubigen auf, Wohnraum für Familien mit Kindern und Alte bereitzustellen. Auch so könnten wir „Gott in unserer Welt wohnen lassen.“