Jugend

Bischof Sproll mit Farben und Facetten

Wie lässt sich die Geisteshaltung von Bekennerbischof Joannes Baptista Sproll in künstlerischer Abstraktion darstellen? Ulmer Jugendliche haben in einem Firmprojekt die Betonwand im Wengengarten gestaltet. Foto: DRS/Jerabek

Ulmer Firmlinge haben sich mit dem Leben und Wirken von Bekennerbischof Sproll beschäftigt - und eine Betonwand im Wengengarten gestaltet.

Es ist ein Feuerwerk der Farben und Formen, das Firmlinge der Ulmer Kirchengemeinden St. Georg und St. Michael zu den Wengen an der Betonwand des kleinen Gartens entlang der Wengenkirche gezündet haben. Mal drängen sich die Streifen, Kreise, sichel- und schlangenförmige Elemente dicht beieinander, mal scheinen sie regelrecht in alle Richtungen zu explodieren, die Mauer zu überwinden. Optisch zusammengehalten werden die verschiedenen abstrakten Szenen durch ein wellenförmiges Band von Streifen und Sicheln aus verschiedenen Pink- und Rottönen. Bischof Joannes Baptista Sproll (1870-1949), dessen Skulptur im Wengengarten eine beliebte Anlaufstelle für Menschen ist, die meditieren, beten oder des glaubensstarken NS-Gegners gedenken wollen, hätte sicher seine Freude an dem Kunstprojekt, das die Jugendlichen mit Unterstützung der Ulmer Künstlerin Marianne Hollenstein hier umgesetzt haben.

Hintergrund

Die Skulptur des Rottenburger Bildhauers Ralf Ehmann aus rotem Untersberger Marmor, die im Ulmer Wengengarten steht, zeigt Joannes Baptista Sproll als den "heimgekehrten Bischof". Er ist in sitzender Haltung dargestellt, der Kopf und eine Hand sind sichtbar ausgearbeitet und treten aus dem Marmorblock hervor. Gestiftet hat die Skulptur der in Munderkingen lebende pensionierte Pfarrer und Kunsthistoriker Dr. Franz Xaver Schmid. Er ist nicht nur ein großer Verehrer Sprolls, sondern auch Kenner seines Lebens und Wirkens und unermüdlicher Förderer des Gedenkens an den Bekennerbischof.

Den Geistesgaben auf der Spur

Sproll ist in gewisser Weise auch der „Inspirator“ für die ungewöhnliche Aktion, die Pastoralreferentin Beate Traum-Peters und Pastoralassistentin Tabea Maillet in der Firmvorbereitung initiiert haben. Persönlichkeiten mit Geistbegabungen, die besonders mit Ulm verbunden sind, sollten die jungen Leute bei einer Stadtsuche kennenlernen, so lautete die ursprüngliche Idee; also Menschen wie Albert Einstein, Sophie Scholl, Albrecht Berblinger und eben auch Bischof Joannes Baptista Sproll. Auch eine kreative Annäherung an das pfingstliche Thema war angedacht. Doch unter Coronabedingungen sei das Firmprojekt in der geplanten Form nicht umsetzbar gewesen, berichtet Beate Traum-Peters. Warum dann nicht einfach bei Sproll bleiben und die graue Wand gestalten?

In mehreren Stationen lernten die Jugendlichen anhand verschiedener Bibelstellen die Gaben des Geistes kennen – etwa Mut und Tapferkeit, Rat und Stärke –, beschäftigten sich mit dem Leben Bischof Sprolls, lasen Auszüge aus Predigten und Briefen und überlegten, welche Geistesgaben den Bekennerbischof auszeichnen und welche Bedeutung sie für heute haben – und schließlich, wie sie sich künstlerisch ausdrücken lassen.

Vielfältiger Protest

Für Carla Schreiber, zum Beispiel, sollen die verschiedenen Elemente, die sie an die Wand geklebt hat, die vielfältige Weise des Protests zeigen, die Bischof Sproll in der Auseinandersetzung mit dem verbrecherischen NS-Regime wählte: seine frühen Warnungen in Predigten und Reden, seine Weigerung im April 1938, sich an der „Wahl“ der NSDAP-Liste in den Deutschen Reichstag zu beteiligen. „Ich wollte zeigen, dass er auf ganz unterschiedliche Weise dafür gesorgt hat, dass die Leute besser verstehen, was eigentlich in Deutschland passiert und dass das nicht in Ordnung ist.“ Bis zuletzt habe er für seine Ideale und seine Stellung gekämpft, sich solange es ging seiner Ausweisung aus Rottenburg widersetzt. Auch heutzutage sei es sehr wichtig, aufzupassen, was generell in der Politik passiert, und sich für Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen.

In der Darstellung von Noah Geiger mit den silbernen Streifen und neongrünen Sicheln und Dreiecken ist „die Quelle des Ganzen“ auf der anderen Seite der Mauer, „kommt über die Mauer rüber“; vielleicht so interpretierbar, dass Sprolls Mut in seinem starken Glauben, also jenseits der sichtbaren Wirklichkeit wurzelt, aber sein Handeln konkret und für alle sichtbar bestimmt. Was sich der Bischof in der Hitler-Zeit getraut hat, habe ihn schon überrascht, sagt er. Antonia Betz will mit ihren Elementen, die in alle Richtungen zeigen, Freiheit darstellen, „weil der Bischof ja auch für Freiheit und Gerechtigkeit eingetreten ist“. Beeindruckt hat sie, dass Sproll „als einer der wenigen gegen den Nationalsozialismus angekämpft hat und da so stark geblieben ist“.

Bewegende Formen für ein bewegtes Leben

Um den Firmlingen einen Zugang zur künstlerischen Abstraktion ihrer Gedanken zu öffnen, hat Künstlerin Marianne Hollenstein die Streifen und anderen farbigen Elemente zu einem großen Teil schon vorgearbeitet. Die Elemente sind aus etwas stärkerer Alufolie geschnitten, die mit Baumwolle beschichtet ist und dann bemalt wurde. Zum Befestigen an der Wand diente ein Teppichklebeband. Sprolls Haltung und Handeln drückt sich für die Künstlerin in bewegenden Formen aus; durch die Abstraktion gelingt es, „von einer festen Form in eine sprühende, eine visionäre Situation zu kommen“, sagt Marianne Hollenstein, die viele Jahre als Bühnenbildnerin gearbeitet hat.

Doch wie wird aus den einzelnen Bildern, die jeder Firmling für sich gestaltet hat, ein Gesamtkunstwerk? „Ich fand die Idee schön, die Bilder der anderen zu verbinden“, sagt Josephine Schmid. Die Gedanken, die sich die anderen Firmlinge gemacht haben, sollten so zu einem großen Ganzen zusammengeführt werden.

Ganz zum Schluss vollendet Marianne Hollenstein das Werk: Mit einem wellenförmigen rosa-roten Band von Streifen und Sicheln umspült oder durchkreuzt sie die einzelnen Bilder, greift ihre Dynamik auf, trägt sie weiter, und damit auch die Geisteshaltung und die Ideale des Bekennerbischofs, mit denen sich die Jugendlichen hier künstlerisch auseinandergesetzt haben. So bringt das Firmprojekt nicht nur Farbe auf die graue Wand eines sonst wunderschönen Gartens, der in besonderer Weise dem Andenken an Joannes Baptista Sproll gewidmet ist. Es ruft auch wichtige Facetten und Eigenschaften Sprolls in Erinnerung – als großes Vorbild eines mutigen Glaubens.