Bischof Sproll: Tapfer im Glauben den Machthabern widerstanden

Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat dieses Datum nach Aussage von Bischof Gebhard Fürst eine besondere Bedeutung, „denn es ist dauerhaft verbunden mit dem Gedächtnis und dem mutigen Vorbild des Bekennerbischofs Joannes Baptista Sproll“. Obwohl zunächst äußerlich unterlegen, habe Bischof Sproll doch „mit seinen Mitteln, nämlich durch seine Geradlinigkeit und seine Unerschrockenheit, das Naziregime in die Schranken seiner Macht über das Gewissen der Menschen verwiesen“, so Bischof Fürst.

Am 10. April 1938 war der damalige Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll der Volksabstimmung aus Gewissensgründen ferngeblieben. Grund für diesen Aufsehen erregenden Boykott war weniger der durch die Nationalsozialisten vorgeschobene Volksentscheid über den „Anschluss“ Österreichs, als vielmehr die Tatsache, dass damit zugleich eine Volksabstimmung über den „Großdeutschen Reichstag“ und „für die Liste unseres Führers Adolf Hitler“ verbunden war.

Für Bischof Sproll, der den Nationalisten bereits seit langem durch seine Predigtätigkeit und seine Denkschriften gegen das diktatorische und aggressiv atheistische Regime verhasst war, begann mit diesem Boykott eine durch Schikanen und Ausschreitungen der braunen Machthaber geprägte Leidenszeit, die in seinem gewaltsamen Abtransport durch die Gestapo aus Rottenburg zunächst nach Freiburg und in seiner anschließenden Ausweisung aus Württemberg am 24. August 1938 ihren Höhepunkt fanden. Erst am 12. Juni 1945 konnte er als schwer kranker Mann nach Rottenburg zurückkehren. Am 4. März 1949 ist er gestorben.

Der Hass, mit dem die Nationalsozialisten Joannes Baptista Sproll verfolgten, war darin begründet, dass der Rottenburger Bischof – gemäß seinem Bischofs-Wahlspruch „Fortiter in fide“, „Tapfer im Glauben“ – seinem Widerstand gegen die Nazi-Ideologie unbeirrbar öffentlich Ausdruck verlieh. Er wurde dadurch für die braunen Machthaber zu einem Exponenten der katholischen Kirche, die nach den Worten ihres Chefideologen Alfred Rosenberg gemeinsam mit der evangelischen Bekennenden Kirche „in ihrer heutigen Form verschwinden“ müsse. Den „deutschen Gesamtkatholizismus“, so Rosenberg in einer Rede im Jahr 1938 in Karlsruhe, müsse man „aufreiben“ und „als dem ärgsten Feind des Nationalsozialismus den Todesstoß“ geben. In der Zeitschrift „Flammenzeichen“ vom Februar 1938 schrieb deren Schriftleiter Albert Haaga, über Sproll, dass „hinter der Maske eines Bischofs nicht Religiosität, sondern der Vernichtungswille gegen deutsches Wesen und deutsche Art hervorsticht“.

Bereits am 11. April 1938, einen Tag nach der durch Sproll boykottierten Volksabstimmung, fand in Rottenburg die erste von insgesamt sieben Demonstrationen des braunen Mobs statt, aufgestachelt durch Wilhelm Murr, Reichsstatthalter und Gauleiter des Gaus Württemberg-Hohenzollern. Der Hass der Demonstranten führte bis zu Verwüstungen am Rottenburger Bischofspalais. Da Sproll selbst nicht anwesend war, konnte er persönlichen Misshandlungen entgehen. Als Bischof Sproll gegen den Willen der Nationalsozialisten nach längerer Abwesenheit am 15. Juli 1938 nach Rottenburg zurückkehrte, steigerten sich die organisierten Ausschreitungen und fanden am 31. Juli in einer von Vandalismus begleiteten Demonstration ihren vorläufigen Höhepunkt.

Nach dem Abtransport aus Rottenburg durch die Gestapo und die Verbringung nach Freiburg am 24. August 1938 hielt sich Sproll zunächst von 28. August bis 2. September in Bad Dürrheim auf; nach einer Odyssee über mehrere Aufenthaltsorte in Donaueschingen, Konstanz, Lindau und Augsburg kam er schließlich nach Oberbayern. Vom 4. bis 13. September kam er in München, Starnberg und Bad Wörishofen unter.

Wie gefährdet Bischof Sproll in dieser Zeit war, geht aus Tagebuchnotizen und Briefen von Zeitzeugen hervor, die berichten, wie er oft bei Nacht und Nebel inkognito durch Wälder fliehen und in Klöstern Zuflucht hatte suchen müssen.

Am 13. September 1938 wurde Bischof Sproll offiziell aus Württemberg und seiner Diözese verbannt und lebte zwei Jahre in St. Ottilien, unterbrochen durch Kuraufenthalte im bayerischen Krumbad und in Bad Wörishofen, durch Besuche in bayerischen Pfarreien und in Freiburg, aber auch durch einen mehrwöchigen Klinikaufenthalt in München. Die Zeit vom 24. Januar 1941 bis 12. Juni 1945 verbrachte er in Krumbad. Am 12. Juni 1945 kehrte er nach Rottenburg zurück.


Kurzbiographie Bischof Joannes Baptista Sprolls

Joannes Baptista Sproll wurde am 2. Oktober 1870 in Schweinhausen bei Biberach an der Riß geboren. Nach dem Abitur in Ehingen und dem Theologiestudium in Tübingen wurde er 1895 zum Priester geweiht. Er war mehrere Jahre Pfarrer, bevor er zunächst Generalvikar, später Weihbischof und dann im Jahr 1927 Bischof von Rottenburg wurde.

Während der Zeit des Nationalsozialismus bewies Bischof Sproll großen Mut. Schon bald hatte erkannt, dass die nationalsozialistischen Machthaber sich nicht an geschlossene Verträge wie das Reichskonkordat von 1933 hielten, sondern Christentum und Kirche bekämpften und beseitigen wollten. In mehreren Predigten und Denkschriften kritisierte er diese Politik der Nationalsozialisten offen und deutlich. Das brachte ihn selbst zunehmend in Bedrängnis.

Aus Gewissensgründen boykottierte Sproll die Volksabstimmung am 10. April 1938, in der über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und über „die Liste unsere Führers Adolf Hitler“ zugleich abgestimmt werden sollte. Dies führte zur offenen Verfolgung durch die Nationalsozialisten, die seinen Amtssitz verwüsteten und ihn aus der Diözese verbannten. Erst nach Ende des Kriegs konnte Bischof Sproll nach Rottenburg zurückkehren, wo er am 4. März 1949 verstarb.


Stimmen zu Bischof Joannes Baptista Sproll

Bischof Dr. Georg Moser am 3. März 1979 zum 30. Todestag Bischof Sprolls:

„Bischof Sproll hat uns Wesentliches für heute und morgen zu sagen. Es ist für mich und für viele unbegreiflich und unverständlich, wieso sein Bekennermut und sein Leiden in zahlreichen Darstellungen der Nazizeit stillschweigend übergangen oder einfach vergessen wird; so dass auch in unserer Diözese ratlos von jungen Leuten gefragt wird, ob denn niemand die Stimme gegen Totalitarismus und gegen Rassismus damals erhoben habe. Nein, die Kirche hat nicht einfach zugesehen, was geschah. Unter der Führung des Bischofs, dessen Todestag wir (...) begehen, leisteten Priester und Laien, Frauen und Männer den Widerstand des Gewissens gegen tyrannisierende Gewalt.“ – „Sein (Sprolls) Beispiel der Wahrheitsliebe, des Gerechtigkeitssinnes und des Mutes bleibt auch heute gültig.“

Bischof Dr. Karl Lehmann, Mainz, am 24. August 1988 in einem Grußwort zum 50. Jahrestag der Vertreibung Bischof Sprolls:

„Sproll war kein Verfechter politischen Widerstandes, sondern Bekenner einer Gesinnung, die er selbst in die Worte gefasst hat, nicht Macht und Gewalt, sondern Gerechtigkeit und Liebe überwänden den zerrütteten Zustand der Welt. Das ließt ihn bald nach 1933 zu einem kompromisslosen Gegner des neuen Regimes werden. Bei den Reichstagswahlen vom 10. April 1938 weigerte er sich, erklärten Feinden der Kirche seine Stimme zu geben. Daraufhin wurde er zum Opfer eines ungewöhnlichen Kesseltreibens.

Durch diese freilich nicht voraussehbare Eskalation aufgeschreckt, haben schon Zeitgenossen die Frage gestellt, ob Sprolls Schritt den hohen Preis wert war, den er dafür zahlen musste. Seinen Intentionen wird man aber dadurch nicht gerecht. Bischof Sproll hat ohne langes Wenn und Aber sein Gewissen über politisches Kalkül gestellt, er hat ernst gemacht mit der biblischen Forderung, ‚Gott mehr zu gehorchen als den Menschen’ (Apg 5,29).

Die bitteren Folgen seines Handelns trug er in tiefer Gläubigkeit, mit Größe und Würde, ohne dabei – von bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen – in der Kirche die notwendige Solidarität und entschlossene Gegenwehr zu finden.“

Bischof Dr. Gebhard Fürst am 19. April 2006 anlässlich eines Gedenkgottesdienstes für Staatspräsident Eugen Bolz und Bischof Joannes Baptista Sproll in der Kirche San Bartolomeo in Rom:

„Der Glaubenszeuge und Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll widerstand dem nationalsozialistischen Pöbel bereits so frühzeitig, dass er mehrfach bedroht, mit Steinen beworfen wurde und schließlich aus seiner Bischofsstadt fliehen musste. Aus dem langjährigen Exil kam er erst nach Kriegsende als körperlich gebrochener und schwerkranker Mann zurück. Wohl kein anderer deutscher Bischof hat so intensiv unter dem Nationalsozialismus gelitten wie Bischof Sproll.

‚Ihr werdet meine Zeugen sein ... bis an die Grenzen der Erde’: Zeuge ist niemand von Geburt an oder gar von Beruf. Eher bedeutet Zeuge zu sein eine Berufung. Eine Berufung ergibt sich aus dem Zusammentreffen des Glaubens, den mir Gott schenkt, mit der Situation, in die ich hineinkomme - manchmal auch nur hineinfalle. Es ist die Situation, in der ich mich fragen muss, wer ich bin, wofür ich stehe und wofür ich einstehe. Zeuge zu sein lässt sich nicht abtreten an andere. Ich kann kneifen. Ich kann zu dem Schluss kommen, dass es sinnvoller ist, den Mund zu halten. Dort aber wo es um Wichtiges geht, kann ich das nicht mehr, ohne den Glauben an den zu verraten, der für uns in den Tod gegangen ist. Deswegen bedeutet Christ zu sein, Zeuge zu sein.
[...]
Die Erinnerung an Menschen wie Eugen Bolz oder Bischof Sproll kann für uns zum heilsamen Impuls, zur anregenden Erinnerung werden, am gegebenen Ort, in unserer jeweiligen Gegenwart Zeugen für unseren Glauben zu sein. Das wird vermutlich häufig – und Gottseidank - nicht in so dramatischer Weise sein müssen wie in jenen furchtbaren Jahren des Nazismus. Aber auch wir sind aufgefordert und eingeladen, Zeugen zu sein bis an die Grenzen der Erde: Wir können nicht überall mitmachen. Auch wir werden in unserer Zeit sagen müssen: Hier ist die Grenze erreicht, und zwar immer dann, wenn menschliches Leben mit Füßen getreten wird. Und wir werden unliebsame Mahner sein müssen. Und wir werden darauf hinweisen müssen, dass unser Heil nicht in einer noch so perfekten äußeren Sicherheit liegt, die sich mehr und mehr gegen den Menschen richtet. Jesus Christus ist gibt unserer Welt Zukunft und Hoffnung, er hat uns nicht verlassen, sondern will uns als seine Zeugen hineinnehmen in seinen Herrschaftsbereich, so will er unser Leben segnen. ‚Ihr werdet meine Zeugen sein ... bis an die Grenzen der Erde’.“

Bischof Dr. Gebhard Fürst am Ostermontag 2008 zum 200-jährigen Bestehen der Heimatpfarrei Maria Himmelfahrt in Schweinhausen:

„Wer zu den Menschen geht, kann sich dem Mit-Leiden, ja dem Leiden nicht entziehen.
Der unvergessene Bischof Joannes Baptista Sproll hat in seiner Zeit eindrucksvoll und konsequent bis zuletzt vorgelebt, was Zeugenschaft Jesu in der Gegenwart heißen kann.

Die Erinnerung an den Rottenburger Bekennerbischof ist ein auch in unserer Zeit notwendiger Aufruf, damit Christen und Gemeinden Zeugen des Glaubens seien. Sprolls Wahlspruch ‚Fortiter in fide’, ‚Tapfer im Glauben’, ist in besonderer Weise ein Mut machender Hinweis angesichts auch der Herausforderungen, die in unserer Zeit auf uns warten.

Mit Augen, denen durch den Osterglauben neue Hoffnung geschenkt ist, schaut man an Ostern sowohl auf die biblischen Emmaus-Jünger als auch auf Bischof Sproll: Die einen auf ihrem Weg mit der Enttäuschung nach der Katastrophe der Kreuzigung, der andere, der tapfer im Glauben gegen die Anfechtungen und gegen den Terror und die Gewalt seiner Zeit den Machthabern widerstanden hat.“

 

 

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