Bischofsstadt Rottenburg als „Pilgerknotenpunkt“

Dies wird dadurch unterstrichen, dass sich hier auch zwei große Pilgerwege kreuzen: der Jakobusweg, der als Netzwerk von Wegen zum Grab des Apostels Jakobus nach Santiago de Compostela ganz Europa durchzieht, und der Martinusweg, der zwischen dem ungarischen Szombathely und dem französischen Tours die dem hl. Martin geweihten Kirchen verbindet und eine Brücke zwischen dessen Geburtsort und dessen Wirkungs- und Begräbnisort schlägt. Mit einem Hauptweg und verschiedenen Regionalwegen führt er zwischen Tannheim bei Biberach und Schwaigern bei Heilbronn auch durch die Diözese Rottenburg-Stuttgart. In vielen Dekanaten der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist er seit seiner Eröffnung im November 2010 gut angenommen worden.

Am Freitagabend des 11. November 2011, Fest des heiligen Martinus und Namenstag der Diözese, hat Bischof Gebhard Fürst Verantwortliche für die Gestaltung der Martinspilgerschaft in der ganzen Diözese und besonders im Dekanat Rottenburg zu einer Begegnung ins Bischofshaus der Domstadt eingeladen. Dabei segnete er großformative Metalltafeln, die die Abschnitte der beiden Pilgerwege durch das Rottenburger Dekanat zeigen. Diese Segnung, so Bischof Fürst, mache die Verbindung von Weg und geistlicher Dimension deutlich. Die Impulse, die die Menschen auf diesen Wegen erhalten, sollten unter den Segen Gottes gestellt werden. Die Tafeln werden am Rottenburger St.-Martins-Dom, an der Morizkirche, an den Kirchen in Frommenhausen und Dettingen und am Bischöflichen Musischen Internat Martinihaus angebracht, dessen Schülerinnen und Schüler sich bei der Gestaltung des Martinswegs in der Diözese vorbildlich engagiert haben.

Rolf Seeger, ehemaliger Leiter der Arbeitsstelle „Berufe der Kirche“, der sich die Förderung des Martinswegs in besonderer Weise zum Anliegen gemacht hat und sein Haus seit Jahren als Gastgeber am „Pilgerknotenpunkt“ Rottenburg öffnet, schilderte bei dem Treffen persönliche Erfahrungen von Pilgern. Neben den Wegen durch schöne Landschaften mit ihren Kirchen und Kapellen seien es vor allem gastfreundliche Menschen, die das Pilgererlebnis ausmachten. Gastfreundschaft gelte allen Religionen als heiliges Gut. Entlang des Martinswegs müssten sich noch Herbergen entwickeln, wie dies auf dem Jakobusweg eine lange Tradition habe. Christliche Gastfreundschaft sei für die Belebung und Pflege der Pilgerwege unerlässlich. Pilger und Gastgeber würden durch die Offenheit der Häuser und der Herzen gleichermaßen zu Beschenkten, betonte Seeger.

Im vorausgegangenen feierlichen Vespergottesdienst zum Namensfest der Diözese und des Rottenburger Doms hatte Bischof Fürst den populären Heiligen aus Tours als einen Menschen mit Profil gewürdigt. Menschen mit christlichem Profil seien in einer Zeit mit allzu oft unheilen Lebensumständen eine notwendige und heilsame Wohltat, betonte der Bischof. Die Geschichte von der Mantelteilung des hl. Martinus werde deshalb bis heute weiter erzählt, weil hier ein profilierter Mensch zum Ausdruck komme, der mehr anspreche als jeder abstrakte Satz. Das christliche Liebesgebot werde hier zu einem Bild, zu einer Szene, die nicht nur auf der Verstandesebene greife, sondern die Menschen unmittelbar betreffe und auch betroffen mache. Martin von Tours, so Bischof Fürst, gebe den Gläubigen und der ganzen Diözese Orientierung und erinnere daran, dass die Kirche Jesu Christi eine diakonische, helfende und heilende Kirche sein müsse. Die Gestalt des Martinus weise über sich hinaus auf einen Gott, der den Menschen in Liebe zugewandt sei. Martin von Tours bedeute auch eine bleibende Aufforderung zur Wachsamkeit, damit das christliche Gebot der Nächstenliebe als Grundlage europäischer Humanität nicht in Vergessenheit gerate.

Dr. Thomas Broch