Bleibende Verpflichtung

Theologen meiner Generation, die wir das Konzil erleben durften, hat es begeistert und im Glauben ermutigt: Die Kirche hat Türen und Fenster weit geöffnet, damit nach Generationen währender Erstarrung frischer Wind herein kommen kann.

„Aggiornamento“, war das Stichwort, das der unvergessene Papst Johannes XXIII. dafür geprägt hat. „Heutig“ zu werden, das ließ sich damals und lässt sich heute konkret umreißen. Was dieses Konzil im wesentlichen Grund kennzeichnet, ist sein Aufbruchsgeist, sein Vertrauen in eine von Gott geschenkte und getragene Zukunft. Das bedeutet im Geist des Konzils etwa solidarische Zeitgenossenschaft mit den Menschen heute und mit allem, was diese an „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ (gaudium et spes) bewegt.

Dieses Vertrauen auf Gott schließt ein die Option für die Armen und gesellschaftlich Ausgeschlossenen weltweit, eine respektvolle Anerkennung des Glaubens in anderen Religionen und die Achtung der Freiheit des Glaubens und des Gewissens. Es fordert von uns, Rechenschaft abzulegen von unserer auf Christus gegründeten Hoffnung in einer säkularen, multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. Der Geist des Konzils verpflichtet uns zum ökumenischen Gespräch und zum Suchen nach einem gemeinsamen Zeugnis des christlichen Glaubens in einer zunehmend säkularen Umwelt. Dieser Geist befähigt schließlich zu einem kollegialen und geschwisterlichen Umgang in der Kirche, in der sich alle Geistesgaben im Sinne eines allgemeinen Priestertums der Getauften entfalten können.

Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils sind bleibende und verpflichtende Grundlage von Theologie und Seelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Pastoral unserer Diözese geschieht im Geist dieses Konzils und in redlicher Zeitgenossenschaft, von mir als Bischof verantwortet. Wir bleiben ohne Wenn und Aber dem Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils und seinen zentralen Anliegen verpflichtet, die auch durch die nachkonziliaren Päpste Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. kontinuierlich umgesetzt worden sind und werden. Das Konzil ist zwar beendet, aber in seiner Dynamik noch lange nicht abgeschlossen. Wir sollten es noch intensiver erschließen und zu verwirklichen suchen.

Tradition heißt ja, Feuer zu hüten, und nicht Asche zu verwahren. Es geht also nicht darum, Überkommenes der Form nach zu erhalten, sondern das Evangelium, die Frohe Botschaft Christi, lebendig, glaubwürdig und eben „heutig“ zu verkündigen und zu leben. Treue zur Tradition schließt daher immer Reformbereitschaft ein, wie es die deutschen Bischöfe im September in Fulda formulierten.

Das Konzil hat jedem getauften und gefirmten Christen Mündigkeit zugesprochen, über den Glauben Rechenschaft abzulegen. Ja, es verlangt dies geradezu. Mit seinen lehramtlichen Texten hat das Konzil Hilfen dafür bereitgestellt. So rückt etwa das Dokument zur göttlichen Offenbarung („Dei Verbum“) allgemein verständlich in den Blick, dass Gott sich selbst von Anfang an den Menschen zuwendet, dass diese Zuwendung Gottes ihren Höhepunkt in seiner Menschwerdung in Christus findet, und dass sich die Menschwerdung Gottes in der Heiligen Schrift in besonderer Weise vermittelt. Das Konzil gab wichtige Impulse dafür, dass alle Gläubigen in einem erneuerten Geist neu Zugang zur Heiligen Schrift finden. Mit dem Dialog- und Erneuerungsprozess, den unsere Diözese derzeit gestaltet, soll dieser Geist unter heutigen Voraussetzungen neu konkrete Gestalt bekommen. Darauf hoffe ich, und dafür bete ich.

Uwe Renz