"Bunt, vielfarbig und reich"

Zu dem Treffen kamen am Samstag unter dem Motto "Viele Völker - eine Kirche" rund 200 hauptamtliche und ehrenamtliche Delegierte nach Rottenburg. Bischof Gebhard Fürst dankte den nichtdeutschen und den deutschen Gemeinden für deren Kooperationsbereitschaft in den Seelsorgeeinheiten. Nach der vor zwei Jahren begonnenen und kurz vor dem Abschluss stehenden Bildung der muttersprachlichen Gemeinden sei die gegenseitige Wahrnehmung deutlich stärker geworden, betonte der Bischof. "Es gibt mehr zweisprachige Gottesdienste, mehr gemeinsame Feste und die positive Erfahrung, dass manche Ängste abgebaut werden konnten."

Der Bischof räumte ein, dass hier und da Reibungen beständen. Positive Erfahrungen aber würden Unmut und Ärger überwiegen. Die Kirche bestehe aus vielen Völkern, sie sei "bunt, vielfarbig und reich". So verstanden, werde Vielfarbigkeit nicht zur beängstigenden Bedrohung, sondern zur Chance. Die Schätze der jeweils anderen Traditionen könnten den geistigen und geistlichen Reichtum mehren. Für die Pflege jeweiliger nationaler Identitäten böten muttersprachliche Gemeinden einen Raum und erlaubten gleichzeitig Öffnung hin zu den deutschsprachigen Gemeinden. Dies erfordere Zeit und gegenseitiges Vertrauen. "Ich möchte Sie einladen, miteinander auf diesem Weg zu bleiben", ermunterte Bischof Fürst.

Zur Diözese Rottenburg-Stuttgart gehören Katholiken aus rund 160 Ländern; den größten Anteil bilden Italiener, Kroaten und Spanier. Die Katholiken mit anderer Nationalität stellen rund 11 Prozent der Katholiken insgesamt. Auf der Basis eines von Bischof Fürst unterzeichneten Dekrets vom 1. Juli 2005 gliederte die Diözese in einem bundesweit einzigartigen Prozess die bis dahin 54 "ausländischen Missionen" in ihre Seelsorgeeinheiten ein. Für die 215.000 ausländischen Katholiken werden bis Ende des Jahres insgesamt 98 Gemeinden für Katholiken anderer Muttersprache entstanden sein, kurz: muttersprachliche Gemeinden. Die Kirchengemeinden vor Ort müssen nach dem Dekret ihre Infrastrukturen den ihnen zugewiesenen muttersprachlichen Gemeinden zur Verfügung stellen. Die ausländischen pastoralen Mitarbeiter sind Mitglieder der Pastoralteams. Die muttersprachlichen Gemeinden haben den gleichen kirchenrechtlichen Rang wie die deutschen Gemeinden, so das Dekret. Allerdings genießen sie nicht den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Deswegen übernimmt die deutsche Gemeinde die Außenvertretung.

Die Bildung der muttersprachlichen Gemeinden erfolgte in der Überzeugung, dass Jahrzente nach dem Zuzug der ersten ausländischen Arbeitnehmer Integration einerseits nationale Schranken überwinden und andererseits kulturelle Identitäten bewahren müsse. "In der Kirche gibt es keine Fremde und Ausländer", lautete die Devise. Als Ziel des Prozesses beschrieb Bischof Fürst in einer Richtlinie, es möge immer mehr gelingen, "in den vorhandenen Unterschieden die Vielfalt und den Reichtum zu entdecken, der unserer Diözese geschenkt ist, damit wir gemeinsam Zeugnis ablegen". Integration sei ein gemeinsamer Prozess von Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft. Gerade auch die Einheimischen müssten sich öffnen.