Christentum – Politikpotenzial für Europa

Dies hat Bischof Gebhard am Dienstag, 9. März, bei einem Vortrag zu dem Thema „Christliches Europa? Fundamente gesellschaftlicher Identität heute“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Forum im Präsidium“ des Regierungspräsidiums Tübingen betont. Richtig sei, so Bischof Fürst, dass das Christentum in Europa sein religiös-weltanschauliches Monopol verloren habe, kaum aber seinen legitimen Ort, geschweige denn seinen Sinn.

Europa zeichnet sich heute nach den Worten des Bischofs durch eine „erfreulich große Vielgestaltigkeit“ aus. Es habe seine Identität vor allem in der Auseinandersetzung und im Dialog mit dem Anderen, dem Fremden weiterentwickelt. Prägend seien für Europa und seine Kultur neben dem Christentum und dem Erbe der griechischen und römischen Antike vor allem auch das Judentum und später die europäische Aufklärung geworden. Auch der Islam habe im Mittelalter etwa im Bereich der Philosophie, der Literatur oder des Gesundheitswesens wertvolle Beiträge geleistet. Heute sei der Islam als Wirklichkeit in Deutschland und in Europa zu sehen, was viele noch nicht wirklich begriffen hätten. Täglich zeige sich die Notwendigkeit des Dialogs zwischen Religionen und Kulturen, dies habe es so noch zu keiner Zeit gegeben.

Christen bejahten die Pluralität der europäischen Gesellschaften ausdrücklich, betonte Bischof Fürst. Pluralismus stelle auch die Rahmenbedingung für das Wirken der Christen und der Kirchen in Europa dar. Er sei aber auch überzeugt davon, dass die Kirchen zur künftigen Gestaltung Europas und der Europäischen Union Beiträge von zentraler Bedeutung leisten könnten. „Unsere Gesellschaft würde sich entscheidender Dimensionen berauben, wenn sie diese Facetten leichtfertig, nachlässig oder sogar mutwillig ausklammern würde“, sagte der Bischof.

Über die Folgen der christlichen Wurzeln Europas bestehe ein Zwist, so Bischof Fürst. Für die einen sei daraus ein „Europa der Kultur und Humanität“ entstanden, für die anderen ein „Europa des Unfriedens und der Intoleranz“. Man dürfe nicht vergessen, dass in der Geschichte des Christentums furchtbar gegen den eigenen Grundsatz der Friedfertigkeit gesündigt worden sei. Aber christliche Perspektiven für Europa seien „als wesentliche Gesprächsbeiträge keineswegs obsolet“, sondern vielmehr hochaktuell. Gerade die christlichen Wurzeln bedeuteten Zukunftspotenzial für Europa, sagte Bischof Fürst. Die „Strategien der Humanität und des Freiheitsbewusstseins“ verdanke Europa ursprünglich dem Christentum, demzufolge nicht nur wenige einzelne, sondern alle Menschen frei seien. Auch sei das Christentum im Ansatz eine karitativ-diakonische Kirche. Sollten in Europa die sozialen Dimensionen der Kultur aufrecht erhalten werden, liege der Bezug auf die christliche Identität nahe. Und schließlich sei das Christentum „eine im historisch-geschichtlichen Impuls und in der Botschaft humane, friedensstiftende und zum Frieden befähigende Religion“, betonte der Bischof.

Keine Religion denke größer vom Menschen als die christliche, so Bischof Fürst weiter. Darum sei sie mit Blick auf den Menschen die aktuellste Botschaft für unsere Zeit, die sich denken lasse. Als Gottes Geschöpf, Abbild und Ebenbild genieße jeder Mensch höchste Würde. Indem das Christentum den Menschen als Wesen der Transzendenz und Freiheit betrachte, räume sie dem Prinzip der Menschenwürde absoluten Vorrang ein. Die unbedingte Würde jedes Menschen werde durch die Zugehörigkeit zu einer Rasse, Klasse, Nation, Partei oder Religion in keiner Weise gemindert oder gesteigert.

Durch seine Betonung der Gottebenbildlichkeit aller Menschen begründe der biblische Glaube eine „vorbildliche fundamentale Demokratisierung sozialer und politischer Beziehungen“, führte Bischof Fürst weiter aus. Die Gesellschaft brauche eine größere Sensibilität dafür, dass wichtige Bereiche der sozialen Wirklichkeit kaum politische Beachtung fänden, wenn Politik „allein aus dem Willen zur Selbstbestimmung der Aktiv-Bevölkerung“ gestaltet werde. Vernachlässigt würden oft besonders die Rechte der „sozial und politisch Unmündigen“ – von den Ungeborenen über Kinder bis hin zu Schwerstkranken oder Schwerstbehinderten. Auch ziehe der christliche Gottesbegriff eine „Grenze der Zuständigkeit politischer Systeme“. Die Vorstellung einer „autoritativen Instanz vor und über aller politischen Macht“ fordere „die Begrenzung staatlichen Handelns und staatlicher Herrschaft dort, wo es um erste und letzte menschliche Werte geht“, betonte der Bischof. Solche Werte schaffe sich der Mensch nicht selbst, sie begründeten aber als ethische Fundamente jedes menschliche Recht.

Dr. Thomas Broch