Christlicher Denker in Zeitgenossenschaft mit der Moderne

Mit der Tätigkeit als Direktor des Rottenburger Instituts endet die berufliche Laufbahn des 1944 in Ulm geborenen Theologen, die zuvor bereits mehrere Stationen im Dienst der Diözese Rottenburg-Stuttgart gesehen hat. Nach dem Studium der katholischen Theologie und der Germanistik und einer einjährigen Lehrtätigkeit für Deutsch in Neu-Seeland war Kessler zunächst von 1976 bis 1982 Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl des Tübinger Fundamentaltheologen Max Seckler, bei dem er mit einer Arbeit über den Philosophen Johann Gottlieb Fichte promoviert wurde. Eine umfangreiche Veröffentlichungsliste Kesslers macht nach Aussage des Bischofs deutlich, dass wissenschaftliches Arbeiten und Publizieren ihn seither immer bewegt haben. Die Jahre 1982 und 1983 sahen ihn als Pastoralreferenten und Klinikseelsorger in Tübingen. Im Oktober 1983 wurde er mit einer halben Stelle als Referent für Religion und Theologie an die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart berufen. Mit dem anderen Stellenanteil war Kessler als Theologischer Mitarbeiter im Synodensekretariat der von Bischof Georg Moser initiierten Rottenburger Diözesansynode eingesetzt. Kessler habe diesen Abschnitt, der von zentraler Bedeutung für den Weg der Diözese Rottenburg-Stuttgart sei, aus nächster Nähe miterlebt, betonte Bischof Fürst. Der Wunsch Bischof Mosers, „das Ereignis Synode möge weiter wach und lebendig bleiben und helfen zu einem gelingenden Leben im Glauben, zu einer gewinnenden Weitergabe des Glaubens in unserer Zeit“ ist nach den Worten von Bischof Fürst zu einer „programmatischen Überschrift des beruflichen Weges“ und zu einem wichtigen inhaltlichen Anliegen der Arbeit Michael Kesslers geworden.

Nach einer weiteren beruflichen Etappe als Leiter der Fachstelle für Medienarbeit der Diözese wurde Kessler von Bischof Walter Kasper am 1. November 1989 zum Direktor des Instituts für Fort- und Weiterbildung berufen. Zentrales Anliegen seiner Arbeit sei es an diesem Platz gewesen, den „missionarisch-evangelisierenden Grundzug“ der Diözesansynode für die gesamte Pastoral zum Tragen zu bringen, sagte Bischof Fürst. Fortbildung und pastorale Entwicklung seien für Kessler nie getrennt gewesen, sondern seien stets in gegenseitiger Wechselwirkung gesehen worden. Dies, so der Bischof, müsse auch künftig die Arbeit des Instituts für Fort- und Weiterbildung prägen. Für Kessler sei es dabei auch selbstverständlich gewesen, dass das theologische Fachgespräch nie von der jeweiligen Zeit und den Fragen und Themen der Gesellschaft abgesondert stattfinden könne. Vielmehr müsse es stets die Herausforderung durch Kunst und Kultur der Gegenwart suchen und dieser standhalten. So sei es auch kein Zufall, dass Kessler seit 2002 als Vorsitzender des Kunstvereins der Diözese Rottenburg-Stuttgart „viel Herzblut, Zeit und Kraft einsetzt für die Wahrnehmung, die Rezeption und vor allem für das Gespräch mit der Kunst sowie den Künstlerinnen und Künstlern“, rundete Bischof Fürst sein „kräftiges Wort des Dankes und der Anerkennung“ ab.
Die Kunst, so sagte Michael Kessler am Ende der Feier, gehöre zu den Früchten seiner „langen diözesanen Inkubationszeit“, in denen „sich Pflicht und Neigung in angenehmer Weise haben verbinden lassen“. Den Mitarbeitenden seines Instituts dankte er für ihre in vielfältiger Weise eingebrachten Fähigkeiten, dank derer das Institut „eine recht gute Figur gemacht und im Sinne ihres Auftrags gehandelt“ habe. Sein Dank galt aber auch den vielen Kooperationspartnern im Bischöflichen Ordinariat und der Diözese sowie in zahlreichen außerdiözesanen und außerkirchlichen Institutionen der Fort- und Weiterbildung – „Netzwerke“, wie er betonte, „die nicht nur aus Stricken und Kabeln bestehen, sondern auch Menschen“. Nicht zuletzt seien er und das Institut bei Bischof Gebhard Fürst „in guten Händen und in guter Obhut“. Dies zeige sich auch an Signalen, dass das Institut auch künftig wieder eine Direktorin oder einen Direktor bekommen werde.

In einem sehr persönlichen Plädoyer wandte er sich Kessler gegen einen Fundamentalismus, der oft mit Frömmigkeit verwechselt werde. „Leichter Hand abverlangte Verstandesopfer“ und „blinde Gefolgschaft“ widersprächen „dem Wesen des christlichen Glaubens“. Der Glaube suche Verstehen und fordere vernünftigen Gehorsam. Der Gegensatz von Vernunft sei nicht Glaube, sondern Unvernunft, betonte Kessler. Vernunft und Glaube bildeten eine „kritische Konstellation“, und diese Verbindung seine „eine humane Konstellation im eminenten Sinn, die der Menschendienlichkeit des christlichen Glaubens Rechnung“ trage. Diese Auseinandersetzung müsse in der Kirche geführt werden – im Interesse des Glaubens und seiner Wahrheit. Dafür bedürfe es der Theologie, die nicht einfach akademisch, sondern „spirituell relevant“ sei. Notwendig sei eine Offenheit, die die Sache des Glaubens zugänglich, lebbar und lebendig werden lasse. Dies müsse in der kirchlichen Fort- und Weiterbildung und in der Ausbildung der Theologen „als geistig-geistliches Abenteuer gelebt, als Herausforderung angenommen und als gemeinschaftsstiftende Spiritualität erfahren“ werden, so der scheidende Direktor.

Foto: Verabschiedung Direktor Dr. Michael Kessler, gemeinsam mit Bischof Dr. Gebhard Fürst (Foto: Jochen Wiedemann, Diözese Rottenburg-Stuttgart)