Diakonat

Corona, wir Christen und die Kirche

Die Coronakrise hat die Menschen verändert, nicht allein in ihrem Alltag, sondern auch in ihrem Glauben. Gott hat sich für viele in der Krise abwesend gezeigt.

Diakon Michael Hagelstein aus Tettnang glaubt, dass die Christen und Christinnen sich nach der Krise erneut auf die Suche nach Gott machen müssen. Einfach zu finden, ist er derzeit nicht.

Die Corona-Pandemie ist über uns alle hereingebrochen und hat die Welt in fast allen Bereichen lahmgelegt. Lockdowns allenthalben, vorsichtige (oder weniger vorsichtige) Öffnungen und was niemand anfangs glauben wollte, zweite und wohl sogar dritte Welle, wenn die Mutationen erfolgreich sind. Miteinher wuchsen Befürchtungen und Ängste und daraus folgend heftige Diskussionen darüber, ob es wichtiger und richtiger ist, die wirtschaftlichen Folgen und Einbrüche eher im Blick zu haben und entsprechend zu agieren (wie in Amerika und Brasilien) oder stärker den Schutz des Lebens der Menschen. Immer mehr zeigte sich dabei, dass es vor allem um die Alten und Kranken und Armen ging, die am stärksten bedroht waren.

Diese existentielle Gefährdung des Lebens durch die Pandemie, hat eine riesige Verunsicherung ausgelöst, langsam macht sich auch immer mehr Wut und Verzweiflung breit. Bei vielen sind (wieder) die einfachen und schnellen Antworten gefragt. Das spüren wir im Erstarken populistischer, rechter und rassistischer Umtriebe, die meist einhergehen mit den rasant um sich greifenden neuen und doch so alten „Geschichten“ von der Weltverschwörung durch Bill Gates, Google, die Chinesen, das Weltjudentum und Andere…… In christlichen Kreisen haben Formen des einfachen Kinderglaubens wieder Aufwind bekommen, nach dem Motto: „Uns kann nichts passieren, Gott beschützt uns vor dem Virus“. Und auch - oft noch lauter – die fast schon vergessen geglaubte „Straf-Theologie“: Für welche Sünden der Menschen schickt Gott diese Plage?“

Ich persönlich neige zu einer anderen Sichtweise. Was uns diese Krise (nochmals) aufs neue und ganz dramatisch zeigt: Unsere Welt ist krank. Ich meine damit nicht nur die Pandemie des Coronavirus, sondern auch den Zustand unserer Welt, unserer Schöpfung und unserer Zivilisation. Das, meine ich, müssten wir als ein „Zeichen der Zeit“ verstehen.

Und das ahnen, glaube ich, Viele, die sagen: so kann es nicht weitergehen, wir können nicht wieder zum Althergebrachten zurückkehren und so tun als sei nichts gewesen. Wir müssen Konsequenzen aus dieser Krise ziehen und noch mehr unseren Verstand einschalten. Das hat uns übrigens vor 2000 Jahren Jesus schon ans Herz gelegt: „… Warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?“ (Lk 12,54ff)

Was könnten denn die „Zeichen der Zeit“ sein? Was wollten sie uns als Christen denn sagen? Ich habe mich da mal auf die Suche gemacht und bin bei einigen interessanten Theologen gelandet, die eine spannende Sichtweise der Dinge haben.

Eine erste Erkenntnis:

Die Coronapandemie ist ganz stark ein Globalisierungsphänomen. Die unglaublich schnelle und perfekte Ausbreitung des Virus ist nur durch die globalisierte Vernetzung unserer Welt und durch moderne (Verkehrs-) Technologien möglich.

Vieles spricht dafür, dass das Überspringen von Viren auf Menschen durch die globalen Umwelt- und Klimaprobleme und die Reduzierung der Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren erleichtert und beschleunigt wird und noch öfters zu erwarten sein wird.

Wie die globale Umweltkrise, ist die Corona-Pandemie eine globale Gerechtigkeitskrise. ARME Menschen (auch hier bei uns!) und ARME Länder sind besonders betroffen und haben wenig Ressourcen sich dagegen zu wehren oder zu schützen.

Es geht also auch darum, sich diesen globalen Problemen zu stellen und sie nicht von sich weg zu schieben. Sie sind nur GLOBAL zu lösen, also im Dialog und mit Beteiligung aller. Und mit vorne dabei sein sollten wir Christen als (eigentlich) erfahrene Global-Player! Und: Wirtschafts-, Gerechtigkeits-, und Ökologie-Fragen müssten ganz oben auf unserer christlichen Tagesordnung stehen, damit müssten wir uns intensiver beschäftigen. Ich meine, es geht für uns hier darum, diese Globalisierung (mit) zu gestalten - in der großen Spannung zwischen global und lokal, zwischen weiter und großer Welt und unserer kleinen Heimat, ohne eben in einen falschen nationalistischen und populistischen Egoismus zu verfallen

Oft tauchte der Begriff der „Systemrelevanz“ auf. Er zeigte uns, wie komplex und deswegen auch anfällig unser System ist, das durch kleine Störungen schon aus dem Tritt gebracht werden kann. Gleichzeitig konnte man bei genauerem Hinsehen gerade in dieser Krisensituation entdecken, wie wichtig und entwickelt unsere Institutionen und die dazugehörige Infrastruktur sind. Ohne Handy, PC und Internet wären Kontakte, Beziehungen und berufliche Kommunikation kaum so möglich gewesen. Allerdings zeigte sich dabei auch, dass die Systemrelevanz der Kirche(n) besonders in der ersten Lockdown-Phase sehr gering war (und bleiben wird?), was am auffälligsten bei der Klinikseelsorge und der seelsorglichen Begleitung von Sterbenden zu beobachten war.

Was hat die Corona Pandemie mit unserer Kirche und unserem Glauben zu tun?

Eine äußerst brisante Frage, die immer öfters gestellt wird: wo und wie wirkt denn dieser (gute) Gott in dieser Not? Ich bin überzeugt, wenn wir nach Gott in dieser Krise suchen, dann sitzt er nicht irgendwo verärgert im Himmel und will die Menschen für ihre Fehler und Sünden bestrafen. sondern ich halte es mit dem bekannten tschechischen Theologen Thomas Halik, der sagt: „Ich denke, Gott ist im Herzen derer anwesend, die in dieser Zeit anderen helfen." Und wenn ich es recht sehe, hat unser Bischof Dr. Gebhard Fürst in seiner diesjährigen Fastenpredigt den gleichen Weg für uns Christen beschrieben. Gott ist die Kraftquelle, die in all denen wirkt, die in so schwierigen Situationen eine solidarische und aufopfernde Liebe zu den Menschen zeigen und leben. „Gott ist die Liebe“ (1Joh 4,16).

In unseren kirchlich-caritativen Einrichtungen, in den Begegnungen von Seelsorgern mit den Menschen, in den vielen kleinen Hilfs- und Unterstützungsgesten für die hilflosen und vereinsamten Menschen ereignet sich eine konkrete, aber auch dezente Form des christlichen Gotteszeugnisses! „Die Bilder von den leeren Kirchenbänken zeigen: Christinnen und Christen werden gerade woanders gebraucht. Sie feiern anders Gottesdienst. Sie helfen, beraten, schweigen, beten. Vielleicht müssen die Kirchen ihre Unsichtbarkeit aushalten, damit der sichtbar wird, den sie bekennen.“ (Regionalbischöfin Petra Bahr, zitiert in: Höhn)

Vielleicht verändert das unseren Maßstab, der immer sehr stark auf den Gottesdienstbesuch ausgerichtet ist. Vielleicht haben wir uns zu stark auf die „traditionelle Sichtbarkeit von Kirche“ konzentriert (Höhn).

Thomas Halik hat dazu noch eine andere Interpretation: er sieht die derzeit leeren Kirchen als Symbol oder Vorzeichen einer Entwicklung, wie die Kirchen in 10 oder 20 Jahren aussehen werden. Und wenn ich die Altersstruktur unserer Gottesdienstbesucher derzeit ansehe, dann erscheint mir diese Vorhersage ziemlich realistisch. Gott ist für das Leben vieler Menschen nicht mehr wichtig und nötig. Und in dieser Zeit des Lockdowns haben sich wahrscheinlich auch eine große Zahl von Menschen, die noch leichte Formen der Bindung hatten, der Kirche, bzw. des mehr oder weniger regelmäßigen Gottesdienstbesuchs entwöhnt. Ein schon lange schleichender Prozess, der sich jetzt vermutlich stark beschleunigt hat. Diese Perspektive, sagt Halik, zeigt „eine mögliche Zukunft auf, die eintreten könnte, wenn die Kirchen nicht ernsthaft versuchen, der Welt eine ganz andere Gestalt des Christentums zu präsentieren“. Er meint damit einen Glauben, der sich wieder mehr an den biblischen Wurzeln orientiert, der in die Tiefe geht und vor allem die philosophischen Erkenntnisse und Anfragen der Gegenwart und besonders auch der Atheisten, die seiner Ansicht nach viel falsch verstandenes Christentum demaskiert haben, aufgreift und da gute Antworten gibt.

Die Zumutungen, Anfechtungen und Verunsicherungen nicht nur dieser Krise, sondern auch unserer gegenwärtigen Zeit, haben sehr viel mit unserem Gottesbild und mit dem Verhältnis von Gott und Welt zu tun. Vielleicht hat die Krise das noch einmal richtig zugespitzt. „Wir können nicht von einer Beziehung zwischen Gott und Welt reden, ohne die stets größere Verschiedenheit von Gott und Welt zur Sprache zu bringen“, sagt Höhn und zitiert Dietrich Bonhoeffer, der schon vor langen Jahrzehnten in einer auch sehr krisenhaften Zeit dazu geschrieben hat:

„Wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen – ‚etsi deus non daretur‘ (als ob es Gott nicht gäbe). Und eben dies erkennen wir – vor Gott! … Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt (Mk 15,34)! Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen.“

Die Erfahrungen, die wir in dieser Pandemie machen konnten, scheinen die Gottesferne (und Gottesunnötigkeit) für viele Menschen zu bestätigen. Für Viele ist die Konsequenz daraus, dass sie sagen oder denken: diesen Gott gibt es nicht, ich brauche Gott gar nicht. Ein „Leben vor Gott ohne Gott“, wie es Bonhoeffer beschreibt, das ist eine sehr große Herausforderung für uns alle – auch für uns Seelsorger. Vielleicht deckt sich das mit dem, was Thomas Halik als die neue Form des Glaubens, als „Wende vom statischen „Christ sein“ zum dynamischen „Christ werden“ beschreibt.

Durch Krisen gehen heißt: mit Leid, Not, Dunkelheit und Unsicherheiten leben lernen.

Ich glaube, wir haben in Hiob ein gutes Vorbild für den Umgang mit solchen Krisen und verdunkelten Zeiten. Alle gut gemeinten Ratschläge und Antworten seiner Freunde helfen in seiner tiefen existentiellen Verzweiflung nicht. Er kann nur sagen: „Auch heute noch besteht meine Klage im Widerspruch“ (Hiob 23,2) und seine Bitte sollte uns Seelsorgern die Richtung und die Art und Weise zeigen, in der wir bei den Menschen sind: „Hört doch, hört doch mein Wort, ertragt mich“ fleht Hiob. (21,2f.) Also: Dasein, Hören, Mitgehen, Mittragen, Ertragen.

Die Klage im Leid wird zum Widerspruch gegen die Gewissheit, dass alles seinen Sinn und seine Ordnung hat, dass alles gut wird.
Da haben wir alte Vor-Väter, die das schon lange so erkannt (und gelebt) haben. Meister Eckhart schreibt über den oft verdunkelten und nicht erkennbaren Gott:

„Gott ist weder dies noch das.
Wer da glaubt, dass er Gott erkannt habe,
und dabei irgendetwas erkennen würde,
der erkennt Gott nicht“
(Meister Eckhart, Predigt 22)

Die dunklen Zeiten sind die, in denen unsere Gewissheiten zerbrechen. In denen wir die Fragen stellen, in denen wir Gott anklagen, weil er nicht so ist, wie wir ihn uns gedacht haben. Im Dunkeln können wir uns nicht orientieren, wir sehen nichts, das Dunkel wirkt bedrohlich. ABER: „Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt; er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen.“  1 Kö 8,12

Das Dunkle kann so zum Ort der Gottesbegegnung werden. Das Dunkel verliert seinen nur bedrohlichen Charakter, es ist der Ort an dem Gott wohnt. Dort will er zu unserem Herzen sprechen. Das gelingt nur, wenn wir dieses Dunkel nicht bekämpfen, sondern auch das Dunkel als einen Ort des Lebens begreifen.

Mit Unsicherheiten leben lernen

Jürgen Habermas hat schon lange vor Corona unsere Zeit als eine Zeit der Unsicherheit und des Nichtwissens (trotz aller gigantischen Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung) bezeichnet. „So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie“.

Für mich ist das eine der heutzutage wichtigsten Lebens-Aufgaben: das Dunkle, die Unsicherheit und Ungewissheit anzunehmen und auszuhalten.

Mögliche (und tragende) Antworten, wie das gehen kann, finden wir Christen nicht so einfach als fertige Vorlage in Schrift und Tradition. Sie entstehen erst aus den Krisen- und Lebenserfahrungen, aus Sprachlosigkeit, aus Trauer und Dankbarkeit, aus geteilter Sorge und aus Glaubenshoffnungen im Unsicheren. Genau das meint ein Glauben und Leben im Werden!

„Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben“ (Dtn 30,20)

An ihm, dem Unbegreiflichen und Verborgenen, festhalten, heißt lernen, dass die Vieldimensionalität unseres Lebens die Dimension unseres Erkennens und Erfassens übersteigt und vieles für uns Geheimnis bleibt.

„Je älter ich werde, desto größer wird das Geheimnis in allem. Aber auch etwas Anderes geschieht: Das Geheimnis wird bewohnbar.“ (Romano Guardini)

Fortschreiten im Glauben bedeutet, immer weniger Gewissheit zu haben, es bedeutet sich im Geheimnis zu beheimaten, in der geheimnisvollen Welt vertrauensvoll zu leben. (Und für uns Seelsorger hieße es, die Menschen in dieser Unsicherheit und Ungewissheit ihres Lebens zu begleiten und zu vertrauensvollem Leben zu verhelfen.)

Fulbert Steffensky erinnert uns in dieser hoffnungsarmen Zeit daran, dass die Hoffnung keine theoretische Größe oder Kraft ist, die aus gesichertem Wissen heraus entsteht und zum Leben und Handeln führt, sondern in der Verunsicherung und in der Brüchigkeit und Bedrohtheit des Lebens an das Gelingen glaubt, geradezu ins Gelingen verliebt ist. „Wählen wir also das Leben“ (Dtn 30,19) und gehen wir los hinaus ins Leben, hinaus zu den Menschen (mutig – und natürlich mit der allergrößten Vorsicht und Umsicht, die in diesen Coronazeiten angebracht ist!).

Diakon Michael Hagelstein

Seelsorgeeinheit Tettnang

Der Artikel ist entnommen aus dem Heft „Auge und Ohr“, der Zeitschrift des Rates der Ständigen Diakone in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Rottenburg, 2021. Das ganze Heft ist kostenlos zu beziehen unter expedition-drs.de.

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