„Das Christentum muss der beste Verbündete sein, wenn es um die Wahrung der Menschenwürde geht“

Mit großer Sorge beobachte er auch eine weltweite Verfolgung von Christen der unterschiedlichsten Konfessionen. Zu Beginn seiner Rede hatte Bischof Fürst angesichts der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Bedeutung moralisch handelnder Persönlichkeiten sowie auf die auch heute aktuelle Bedeutung der Zehn Gebote als das „ABC des Menschenbenehmens“ hingewiesen. In einem vorausgegangenen Gottesdienst in der Stuttgarter Domkirche St. Eberhard hatte das Oberhaupt der schwäbischen Diözese zuvor der Opfer des Gazakrieges gedacht. Die Motive und Hintergründe dieser neuen Eskalation der Gewalt im Nahen Osten seien zu vielschichtig, als dass eine verantwortungsvolle Bewertung möglich wäre, meinte Bischof Fürst. Doch gebe es überhaupt keine Begründung, die das entsetzliche Leid unschuldiger Menschen rechtfertigen könne, auf welcher Seite auch immer diese dem irrationalen Geschehen ausgesetzt seien. Bischof Fürst appellierte auch an die Bundesregierung, mit allem in ihrer Macht Stehenden dazu beizutragen, dem Blutvergießen unverzüglich ein Ende zu bereiten.

Als Konsequenz aus der globalen Krise der Finanzmärkte, so Bischof Fürst, müsse neben zeitnahen ordnungspolitischen Maßnahmen vor allem eine „neue Wertschätzung von Tugenden und ethisch-moralischen Grundorientierungen“ sowie eine „Wiederbelebung der moralisch verantwortlich handelnden Persönlichkeit“ erfolgen, die persönliche Verantwortung für ihr Tun und Lassen übernehmen. Dem Vorwurf, die Kirchen hätten nicht rechtzeitig ihre mahnende Stimme gegenüber den ausufernden Spekulationen erhoben, entgegnete Bischof Fürst mit dem Hinweis auf mehrere Dokumente der Kirchen aus den letzten Jahren, in denen sowohl die Prinzipien der Katholischen Soziallehre als auch die Bedeutung der persönlichen Verantwortung in den Wirtschaftsprozessen herausgestellt worden sei. Darin werde auch nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die wirtschaftlichen Entwicklungen der Globalisierung nichts zur Bekämpfung von Armut und Ungleichheit weltweit beigetragen hätten. Eine globale Ordnungspolitik müsse „eine neue entwicklungspolitische Richtung weisen“. Die aktuelle Krise sei ein „dramatischer Kommentar zum Thema Aktualität der Zehn Gebote Gottes für die Menschheit“, sagte der Bischof. Vor allem gegen die beiden Gebote „Du sollst nicht lügen“ und „Du sollst nicht begehren Deines nächsten Hab und Gut“ sei massiv verstoßen worden. Eine der wesentlichen Ursache sehe er in der „Privatisierung des Christlichen“, betonte Bischof Fürst. „Was öffentlich nicht präsent sein darf und nicht präsent ist, das ist auch nicht wirklich und spielt deshalb auch für mich selbst und mein Verhalten keine Rolle.“

Bischof Gebhard Fürst stellte in seiner Rede den in letzter Zeit immer aggressiver auftretenden Atheismus in diesen Zusammenhang ethischer Überlegungen. „In der Bestreitung Gottes höhlt der Atheismus auch den Geltungsanspruch der Gebote Gottes für den Menschen aus.“ Die Bestreitung Gottes sei letztlich eine „Kampfansage auch an eine alle bindende Moral“, ebenso an den Verfassungsgrundsatz des Grundgesetzes, dessen Präambel die „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ herausstelle. Der heutige Atheismus instrumentalisiere wieder die Naturwissenschaften für seine Zwecke. Besonders werde das Gedenken des 200. Geburtstags Darwins im Jahr 2009 dazu herangezogen, sagte Bischof Fürst. Heute seien sich jedoch alle wissenschaftlich seriösen Theologen ebenso wie das kirchliche Lehramt darin einig, dass die Evolutionstheorie und der biblische Schöpfungsglaube nicht im Widerspruch zu einander stünden. Eine große Gefahr sehe er allerdings darin, so der Bischof, dass die Darwinsche Lehre vom Überleben des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren „zum Wirtschafts- und Sozialdarwinismus mutiert“. Das Recht des Stärkeren als innere Triebkraft des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der Wirtschaft werde so als Naturgesetz legitimiert. „Mit der Menschenwürde und den Grundrechten des Menschen ist dies unvereinbar“, betonte Bischof Fürst.

Die weltweite Verfolgung von Christen, so Bischof Gebhard Fürst in einem weiteren Teil seiner Rede, sei „ein für die Achtung der Menschenwürde und der Grundrechte ebenso zentrales wie globales Problem“. Von den weltweit aus religiösen Gründen verfolgten Menschen seien 80 Prozent Christen. Von den rund 2,2 Milliarden Christen hätten im Jahr 2008 rund 230 Millionen, also jeder Zehnte, unter Diskriminierung, Benachteiligungen, Ausschreitungen und Verfolgung zu leiden gehabt. Die Liste der Staaten, in denen dies geschehe, sei bedrückend lang, sagte der Bischof. In der Regel seien dies Staaten, in denen auch die Grundrechte und Freiheitsrechte missachtet würden. Dass darunter auch viele islamisch geprägte Staaten seien, müsse gerade wegen des „notwendigen und wünschenswerten Dialog mit dem Islam“ angesprochen werden, betonte Bischof Fürst. Die Achtung der Religionsfreiheit sei der beste Garant dafür, das Freiheit und Menschenwürde insgesamt geachtet würden. Das Christentum müsse der beste Verbündete sein und sei es fast ausnahmslos, wenn es darum gehe, in einer Gesellschaft die Menschenwürde und die Grundrechte zu wahren, unterstrich der Bischof.

Vom Glauben getragene Wertvorstellungen in die Politik einbringen

Diözesanrat-Sprecher Johannes Warmbrunn kündigt verstärkte Initiativen zur Kinderarmut und zur Europapolitik an und sagt Unterstützung bei der Aufnahme irakischer Flüchtlinge zu

Der Vorsitzende des Diözesanrats der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Johannes Warmbrunn, brachte in seinem Grußwort den Wunsch zum Ausdruck, das kommende Jahr solle „in unserer Gesellschaft genutzt werden zu einem klaren Bekenntnis für Frieden, für gegenseitige Solidarität sowie für ein eindeutiges Eintreten für größtmögliche soziale Gerechtigkeit“. Er wies darauf hin, dass der Diözesanrat im Jahr 2008 eine Resolution verabschiedet habe, in der eine zeitnahe politische Entscheidung zur Aufnahme von Irak-Flüchtlingen in Deutschland gefordert worden sei. Die Reaktionen aus der Politik zeigten, dass die „von unserem Glauben getragenen Wertvorstellungen nicht ungehört verhallen, sondern im politischen Raum aufmerksam registriert werden“, betonte Warmbrunn. Der Diözesanrat sei bereit, bei der erfolgreichen Aufnahme der Irak-Flüchtlinge tatkräftig mitzuwirken. Angesichts der weltweiten Verfolgung von Christen, so unterstrich Johannes Warmbrunn ebenso wie zuvor Bischof Fürst, sei es nicht nur die Pflicht der Kirchen, den Verfolgten zu helfen. Sie hätten auch eine Verantwortung dafür, für die Rechte und die Freiheit der Menschen einzutreten. „Sie tun nichts anderes“, sagte Warmbrunn mit Blick auf die unter Verfolgung leidenden Christen, „ als das ihnen zustehende Menschenrecht auf Religionsfreiheit wahrzunehmen und ihren Glauben zu leben und zu verkünden“.

Um Menschenwürde und Grundrechte gehe es hierzulande auch bei der Kinderarmut. Trotz mancher erfolgreicher Maßnahmen in der Armutsbekämpfung dürften sich die Kirchen in dieser Frage nie zurücklehnen und sich mit dem Erreichten zufrieden geben. Der Diözesanrat werde zum Thema Kinderarmut auch im neuen Jahr gezielte und differenzierte Vorschläge erarbeiten. Ebenso werde er verstärkt das Gespräch und die Zusammenarbeit mit den Europa-Parlamentariern suchen und im Januar eine Vollversammlung zum Thema „Europa“ durchführen. Es werde immer bedeutsamer, sich in die europäischen Entscheidungsprozesse einzubringen „und christlichen Werten Gehör zu verschaffen“, betonte Warmbrunn.