„Das Neue sozial denken“

Angesichts einer seit Jahren hohen strukturellen Arbeitslosigkeit und gefährdeter sozialer Sicherungssysteme reiche es nicht aus, „bloß dahin zu gehen, wo sowieso schon ein Weg ist“, sagte der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart am Donnerstag in Stuttgart bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen des Bündnisses „Pro Arbeit“. Er rief dazu auf, die Anstrengungen in Bildung und Ausbildung zu verstärken und mutig neue Beschäftigungsfelder für geringer Qualifizierte zu erschließen. „Wo gegangen wird, entsteht ein Weg“, so der Bischof, „wir müssen das Neue sozial denken“. Als Beispiele für Arbeitsmöglichkeiten für geringer Qualifizierte nannte er öffentlich mitfinanzierte Tätigkeiten im Umweltschutz, im Sozialen oder in der Pflege. „Ein öffentlich geförderter sozialer Arbeitsmarkt kann längerfristige Beschäftigungschancen für sonst Chancenlose eröffnen“, betonte Bischof Fürst.

Der Bischof beklagte, dass viele Menschen in neue Abhängigkeitsverhältnisse gerieten, „die denen eines Tagelöhners ähneln“. So genannte „atmende Unternehmen“ würden Arbeitnehmer zunehmend nach Bedarf einsetzen und wieder freisetzen. Vor allem junge Menschen seien von solchen Mechanismen betroffen. Bischof Fürst erinnerte daran, dass Arbeit mehr als nur Erwerbsarbeit sei. Er forderte, dass Arbeit für und mit Menschen als die für eine Gesellschaft kostbarste Arbeit mit der Erwerbsarbeit gleichgestellt wird. Die Wertschätzung von Haus- und Erziehungsarbeit sowie von Pflegearbeit und bürgerschaftlichem Engagement müsse durch soziale Anwartschaft oder sogar Bezahlung zum Ausdruck kommen. Für bezahlte Familienarbeit gebe es bereits eine Fülle von sich rechnenden Modellen. Aber es fehle am Mut zu wirklicher Reform und einem Neuentwurf, so der Bischof.

Das Stuttgarter Bündnis „Pro Arbeit“ entstand 1997 nach einer Fachtagung. Die fünf Träger von Arbeitshilfen in der Landeshauptstadt, darunter der katholische Caritasverband und die evangelische Diakonie, veranstalten seither zusammen mit weiteren Partnern Diskussionen und Gesprächsforen. Ziel des Zusammenschlusses ist außerdem, in politischen Streitfragen als Arbeitshilfeträger gemeinsam aufzutreten.