Das Potenzial des Christlichen in Europa wahrnehmen

Dies hat der Joachim Drumm, Leiter der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft der Diözese Rottenburg-Stuttgart, in einem Vortrag über „Christliche Zivilgesellschaften in Europa“ bei der Präsidententagung der Föderation der katholischen Familienverbände in Europa (FAFCE) in Berlin betont.

Der Kernauftrag der Christen laute „Glaube, Liebe und Hoffnung zu wecken: durch unser Lebenszeugnis, durch unsere Diakonie, insbesondere durch die Zuwendung zu den Schwachen und die Anwaltschaft für die Benachteiligten“, sagte Drumm. Zwei „Wesenselemente“ hob er hervor: den „Sinn für das Unverfügbare“ und die „Motivation zur aktiven Weltgestaltung aus dem Geist des Evangeliums“. Ohne den Sinn für das Unverfügbare laufe der Mensch Gefahr, sich selbst und andere „den Gesetzen des eigenen Tuns und Verfügenwollens zu unterwerfen“. Dies widerspreche der aktiven und verantwortungsvollen Weltgestaltung nicht, sondern sei deren Motivation, da er vor falschem Aktivismus und Resignation gleichermaßen bewahre. „Christlicher Glaube und Machbarkeitswahn sind ebenso unvereinbar wie christlicher Glaube und resignatives Nichtstun“, betonte Drumm.

Christliche Verbände, so Drumm hätten wieder neu eine wichtige Aufgabe in Europa, denn die soziale Frage, einst die Wurzel ihres Entstehens, habe sich nicht erledigt. Vielmehr stelle sie sich heute wieder neu und sei nicht mehr im nationalen Kontext zu beantworten. Es gehe dabei um die „Frage nach einer Vision vom künftigen Europa“. Die europäische Gesellschaft stecke in einer Sinnkrise, diagnostizierte der Rottenburger Ordinariatsrat. Das Gefühl scheine sich breit zu machen, dass es nicht mehr weitergehen könne wie bisher. Dabei spiele vor allem eine Rolle, dass alles zunehmend „unter das Diktat der Ökonomie und ihrer Zweckrationalität“ gerate. Vor diesem Hintergrund, so Drumm, sei es eine Herausforderung für die Christen in Europa, dass sie sich in politische und gesellschaftliche Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse einmischten. Aktuelle Bewährungsfelder seien dabei der derzeitige Konsultationsprozess zur Sozialpolitik und die europäische Allianz für Familien. „Wie kann das soziale Wohlergehen aller Bürger in Europa in einer globalisierten Welt am besten gesichert werden?“, formulierte Drumm als zentrale Frage für die Zukunft Europas.

Drumm stellte im Rückblick auf das Treffen christlicher Bewegungen und Gemeinschaften in Europa in Stuttgart fest, dass die geistlichen Gemeinschaften politischer geworden seien und die Verbände die spirituelle Profilierung ihres politischen Engagements deutlicher betonten. Er forderte, dass „das gewaltige Potenzial, welches das Christliche in Europa auch heute noch hat, von den Christen selbst bewusster wahrgenommen und erkannt werden“ müsse.