„Dem christlich-jüdischen Dialog ist eine gute Zukunft beschieden“

Als Vortragsredner konnte Kurienkardinal Kurt Koch gewonnen werden, seit 2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen in Rom. Unter den rund 350 Gästen aus Parlament, Regierung, Kirchen, öffentlicher Verwaltung und gesellschaftlichem Leben begrüßte Bischof Fürst Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Landtagspräsident Guido Wolf, die Fraktionsvorsitzenden im Landtag von Baden-Württemberg, Peter Hauk, Edith Sitzmann und Claus Schmiedel, Elisabeth Jeggle MdEP, die Landesbischöfe Frank Otfried July und Ulrich Fischer, den Bischof der Altkatholischen Kirche, Matthias Ring, und den Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche, Hanna Aydin, ebenso Landesrabbiner Netanel Wurmser und Imam Abdelmalik Hibaoui.

Das gemeinsame Erbe Abrahams und der Dialog zwischen Juden und Christen sei an diesem 9. November bewusst zum Thema gewählt worden, betonte Bischof Gebhard Fürst. Dieses Datum erinnere an die Schreckensnacht vom 9. auf 10. November 1938, an dem überall in Deutschland Synagogen gebrannt hätte, die Häuser jüdischer Mitbürger verwüstet und ihre Bewohner misshandelt und oft auch ermordet worden seien. Das Böse, das man als Möglichkeit im Menschen ernst nehme müsse, habe sich hier mit elementarer Wucht Ausdruck verschafft. „Wie konnte es geschehen, dass nicht nur eine Gruppe verbrecherischer Machthaber, sondern ungezählte Menschen zu Tätern und Mittätern wurden und Verbrechen für Recht halten konnten?“, so Bischof Fürst. Auch die Christen und die Kirchen müssten „sich selbstkritisch fragen, ob es neben zahlreichen herausragend mutigen Christen nicht zu viel Schweigen, Anpassung und manchmal insgeheime oder offene Billigung gegeben“ habe. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart habe den 9. November als offiziellen Gedenktag in ihren liturgischen Kalender aufgenommen. Sie ehre damit das Andenken der Opfer und bitte um Vergebung für das Unrecht, das auch unter dem Zeichen des Kreuzes immer wieder verübt worden sei. Die Kirchen stünden gemeinsam mit allen Menschen guten Willens in der Verantwortung, für die Unantastbarkeit menschlichen Lebens, für Menschenwürde und Menschenrechte einzutreten, wo immer diese bedroht seien.

„Das heutige Datum erinnert uns auf schmerzliche Weise an die dunkelsten Jahre unserer Geschichte“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann. „Vor 72 Jahren brannten jüdische Synagogen in ganz Deutschland. Nur wenige Christen wagten es damals, offen dagegen Stellung zu beziehen. Dem jüdisch-christlichen Dialog kommt vor diesem Hintergrund eine zentrale Bedeutung zu. Es ist gut, dass in den vergangenen Jahrzenten viel Vertrauen zwischen Juden und Christen wachsen konnte.“

Für ein gedeihliches Miteinander von Christen, Juden und Muslimen plädierte Landtagspräsident Guido Wolf. Ein ehrlicher Dialog verlange allerdings nicht, den Kern des eigenen Glaubens aufzugeben. Die Aufgabe laute vielmehr, über bleibende und folglich auch klar zu benennende Unterschiede hinweg Verständigung zu suchen.

An die Adresse der Kirchen gewandt, betonte Wolf, es werde eine Konstante seines Wirkens als Landtagspräsident sein, nachdrücklich zu einem vertrauensvoll-fruchtbaren Verhältnis zwischen den Kirchen im Land und dem Landtag beizutragen. Es müsse um eine „verständige Kooperation“ gehen. Beides, so der Landtagspräsident, dürften die Kirchen bei ihm voraussetzen: den Willen zur Zusammenarbeit, die im Einzelfall auch konstruktive gegenseitige Kritik ertragen müsse, und das notwendige Grundverständnis dafür.

Als „Verrat am christlichen Glauben“ hat Kurienkardinal Kurt Koch den Antisemitismus bezeichnet. Die Kirche sei in die Pflicht genommen, daran zu erinnern, dass die geistige Verwandtschaft zwischen Juden und Christen in der Bibel „ihr solides und ewiges Fundament“ habe. Zwischen beiden seien durch eine „einzigartige, aber komplexe Geschichte“ verbunden. Einheit und Differenz habe das Verhältnis von Anfang an angeprägt. Der „Ur-Riss“ der Trennung von Synagoge und Kirche habe zu einer zunehmenden Entfremdung geführt, die vielfach in der Geschichte zu Gewaltausbrüchen geführt habe. Der Massenmord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden sei der nicht mehr unterbietbare Tiefpunkt eines primitiven rassistisch motivierten Antisemitismus gewesen, der sich schon im 19. Jahrhundert entwickelt habe. Dieser rassistische Antisemitismus sei dem Christentum allerdings von Grund auf fremd, die Schoa dürfe „als der grauenhafte Tiefpunkt einer neuheidnischen Weltanschauung“ nicht dem Christentum als solchem zugerechnet werden. Hitler habe das Christentum ebenso gehasst habe wie das Judentum. Mit tiefer Beschämung müssten Christen zur Kenntnis nehmen, dass Hitler die innere Verwandtschaft zwischen beiden Religionen besser erkannt habe als diese selbst, betonte Kardinal Koch. Dies hätte bei Christen zu einem viel tieferen Mitleiden führen müssen, als es der Fall gewesen sei. Der Widerstand der Christen gegen die grenzenlos inhumane Brutalität der Nationalsozialisten habe nicht das Ausmaß und die Klarheit erkennen lassen, die man mit Recht hätte erwarten dürfen. Vielmehr habe sich „ein altes antijüdisches Erbe in den Seelenfurchen von nicht wenigen Christen eingegraben“.

Als grundlegenden Neubeginn im Verhältnis zwischen Christen und Juden identifizierte der Kardinal das Zweite Vatikanische Konzil und die dort am Ende verabschiedete Erklärung „Nostra Aetate“ über der Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Die einmalige und einzigartige Beziehung zwischen Christen und Juden sei wieder ins christliche Bewusstsein zurückgekehrt und darin trotz immer wieder zu beklagender Störungen gegenwärtig geblieben. Aus christlicher Sicht gebe es allerdings keine zwei „parallele Heilswege“. Andererseits müsse eine institutionelle Judenmission durch die Christen prinzipiell abgewiesen werden. Christen müssten Juden gegenüber Zeugnis von ihrem Glauben geben. Angesichts „der großen Tragik der Schoa“ müssten sie dies aber „in einer unaufdringlichen und demütigen Weise“ tun. Diese sensible Gratwanderung werde der jüdischen und ebenso der christlichen Glaubensüberzeugung gerecht, betonte der Kardinal. Auf dem Fundament des Bundes, den Gott mit Abraham geschlossen habe und der für den jüdisch-christlichen Dialog von grundlegender Bedeutung sei, sei diesem Dialog eine gute Zukunft beschieden.