„Dem unverantwortliche Spiel mit dem Risiko ein Ende setzen“

Wenn es für Klimaexperten schon jetzt fraglich sei, ob die angezielte Begrenzung der Erderwärmung auf 2 Grad Celsius überhaupt noch realisierbar sei, bedeute jede weitere Verzögerung eine Erweiterung der Hypothek, die die Menschen in den Armutsregionen dieser Erde und die später kommenden Generationen für den heutigen Lebensstandard der hoch entwickelten Gesellschaften bezahlen müssten. „Dem unverantwortlichen Spiel mit dem Risiko muss ein Ende gesetzt werden“, betonte Bischof Fürst.
Er würdige die Bemühungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Deutschland zu einer europäischen und internationalen Vorreiterrolle beim Klimaschutz zu führen, sagte der Bischof. Nun sei es an der Bundesregierung, auch innerhalb der Europäischen Union für einen Konsens dafür zu kämpfen, dass die EU die Selbstverpflichtung, ihre Emissionen bis 2020 um 30 Prozent zu senken, auch wirklich umsetze und dies nicht von einem Erfolg des Kopenhagener Gipfels abhängig mache. Es sei auch eine Frage der Fairness und der Gerechtigkeit, dass die reichen Industrienationen den armen Ländern einen erforderlichen Finanzausgleich nicht verweigerten, nachdem diese schon jetzt die Hauptleidtragenden der ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Klimawandels seien. Angesichts der dramatischen Entwicklungen müsse die Verantwortung für das Gesamtwohl einer globalisierten Welt über allen nationalen Einzelinteressen stehen, sagte der Bischof weiter. Auch müsse in internationaler Zusammenarbeit der Spitzenwissenschaftler der Erforschung neuer umwelt- und klimaverträglicher Verfahrensweisen und dem Einsatz modernster Technologie höchste Priorität eingeräumt werden.

Christliches Gebot einer „Umkehr zur Zukunft“

Es wäre allerdings zu einfach, erklärte Bischof Fürst, die Verantwortung für den Klimaschutz jetzt ausschließlich an die Politik zu delegieren. Dringend erforderlich sei vielmehr ein Verantwortungsbewusstsein in der gesamten Gesellschaft, den eigenen Lebensstil zu überdenken und zu prüfen, auf welche Weise Privathaushalte und Institutionen zur Reduzierung des Energieverbrauchs und zur Verringerung des CO2-Ausstoßes beitragen können. Für Christen sei es eine zentrale Frage ihrer Glaubwürdigkeit, wie weit sie ihren Glauben an den Schöpfergott und ihre Dankbarkeit für die Schöpfung in konkretes umweltgerechtes Verhalten umsetzten, so der Bischof. Dies sei auch eine Übertragung des biblischen Gebots der Nächstenliebe auf die Anforderungen des modernen Lebens. Der Nächste, der auf unsere Hilfe angewiesen sei, sei angesichts der globalen Vernetzungen nicht mehr nur der notleidende Mensch im sozialen Nahbereich, sondern auch der Ferne am anderen Ende der Welt und in den Jahrzehnten und Jahrhunderten nach uns. Ein schonender und respektvoller Umgang mit den Ressourcen dieser Erde sei außerdem eine Form, den christlichen Gedanken der Umkehr zu verlebendigen – nicht als Rückwärtsorientierung verstanden, sondern als „Umkehr zur Zukunft“. Denn nichts weniger stehe auf dem Spiel als eine Zukunft, in der auch künftig ein Leben in Frieden und in Menschenwürde möglich sei, sagte der Bischof.

Interdisziplinäre Klima-Initiative: ein Beitrag der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart trage das Ihre dazu bei, um dieser Verantwortung gerecht zu werden, so Bischof Fürst weiter. Er habe im Jahr 2007 eine interdisziplinäre Klima-Initiative ins Leben gerufen, die bereits vorhandene Aktivitäten im Sinne strategisch gesteuerter Synergieeffekte bündele und erhebliche finanzielle Investitionen in die ökologische Weiterentwicklung und energetische Ertüchtigung des Gebäudebestands, in die Förderung klimaeffizienter Technologien und in die systematische Schulungsarbeit im Energie- und Umweltmanagement der Kirchengemeinden und der kirchlichen Einrichtungen tätige. Auch fördere sie Klimaschutz-Pilotprojekte in ausländischen Schwesterkirchen, vor allem auf dem indischen Subkontinent. Entscheidend sei dabei eine systematisch entwickelte aktive Bildung von Bewusstsein und Verantwortung bei jungen Menschen ebenso wie bei Erwachsenen. Ohne diese drohe alles im Bereich seelenloser Technokratie zu verbleiben, sagte Bischof Fürst.