Den Blick zurück wagen

Er steht neben dem Altar der Klosterkirche im heutigen Vinzenz-von-Paul Hospital in Rottweil-Rottenmünster. Bischof Gebhard Fürst hat dort anlässlich des Nationalen Gedenktags der Opfer des Nationalsozialismus und der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar in einem Gottesdienst der Opfer aus Rottenmünster stellvertretend für ungezählte andere gedacht.

Dieses Gedenken mache deutlich, wie tief Menschen sich verrennen und sich abgrundtief gegen die Menschen und Gott versündigen können, betonte Bischof Fürst. Auch die Kirche sei nicht frei von Schuld aus dieser Zeit heraus gekommen und habe nicht geschlossen Widerstand geleistet gegen die Menschen verachtende und Menschen vernichtende Propaganda der nationalsozialistischen Machthaber. Es habe aber auch Formen der indirekten Verweigerung gegeben, die nicht schwächer bewertet werden sollten als der aktive Widerstand. So habe der damalige Chefarzt Josef Wrede 150 Menschen das Leben gerettet, indem er Krankenakten umgeschrieben oder Patienten vorzeitig entlassen habe. Menschen wie er seien Beispiel dafür, dass „Liebe unendlich erfinderisch“ sei, wie es der Namenspatron der Klinik, der heilige Vinzenz von Paul, gesagt habe. Sie seien „lichte Hoffnungspunkte“ in dem braunen Staat und „der Aufweis der Möglichkeit des Unmöglichen“ gewesen. Selbst in einem totalitären System sei nicht „gänzlich das Leben kontrollierbar und manipulierbar“, sagte Bischof Fürst. Nicht nur für junge Menschen sei es wichtig, den Blick zurück zu wagen, der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken, das Versagen auch von Christen zu bedenken, sich aber ebenso auch mutiger Menschen in dieser finsteren Zeit zu erinnern, so der Bischof.

Dr. Thomas Broch