Den kommenden Generationen etwas schenken

Bei einer Pressekonferenz im Vorfeld des Deutschen Stiftungstags vom 11. bis 13. Mai 2011 in Stuttgart berichtete der Geschäftsführer des Stiftungsforums der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Claus Michel, 33 der insgesamt 55 rechtsfähigen kirchlichen Stiftungen in der schwäbischen Diözese seien nach dem Jahrtausendwechsel gegründet worden. Dazu seien im selben Zeitraum weitere 100 rechtlich unselbstständige Stiftungen von Privatpersonen, Kirchengemeinden, kirchlichen Verbänden und Ordensgemeinschaften errichtet worden.

Sein Kollege Pfarrer Helmut Liebs, Fundraiser der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, konnte von 44 neuen kirchlichen Stiftungen in seinem Zuständigkeitsbereich allein zwischen 2006 und 2010 berichten. 15 Stiftungen waren es in den zehn Jahren zuvor gewesen.

Als Gründe für diese positive Entwicklung nannten die beiden Stiftungsexperten nicht nur die neue Gesetzeslage im Steuer- und Stiftungsrecht, sondern vor allem auch die Tatsache, dass immer mehr vermögende Menschen den wirtschaftlichen Ertrag ihres Lebenswerks dem Gemeinwesen „auf ewig“ zur Verfügung stellen wollten. „Wer viel bekommen hat, kann auch viel geben“, wird ein Stifterehepaar von Helmut Liebs zitiert. Stiftungen bringen nach den Worten von Claus Michel zum Ausdruck, dass die jetzt lebenden Generationen den künftigen Generationen nicht einfach Kosten hinterlassen, sondern auch etwas Gutes schenken wollen. Dabei spiegeln Stiftungsgründungen immer auch den Bedarf der jeweiligen Zeit wider. Haben Stiftungen zugunsten kranker, pflegebedürftiger oder anderweitig auf Unterstützung angewiesener Menschen eine sehr lange Tradition, die bis heute anhält, so kommen in jüngerer Zeit zunehmend auch Förderstiftungen dazu, die den Bestand wichtiger pastoraler Aufgaben oder den Erhalt kirchlicher Gebäude sichern wollen. So stellte der in Reutlingen lebende Professor Gerhard Egbers den Stiftungsfonds St. Wolfgang vor, mit dem Studienstipendien ausländischer Priester unterstützt werden, die zugleich während der Zeit ihrer Tübinger Promotion in der Seelsorge der Diözese mitwirken. Auf evangelischer Seite stellte Dieter Franke die Stiftung Haigstkirche vor, mit deren Erträgen die nach dem Krieg entstandene Kirche auf dem Haigst im Stuttgarter Süden künftig auch ohne Mittel der Landeskirche den Menschen eine geistliche und kulturelle Heimat geben kann. Das soziale, pastorale und kulturelle Leben, so betonten Michel und Liebs gleichermaßen, wird auch in Deutschland künftig immer mehr auf Stiftungen und private Förderer angewiesen sein – eine Tatsache, die in den USA oder im Nachbarland Schweiz schon seit jeher selbstverständlich ist.

Dr. Thomas Broch