Den Strukturen ein Gesicht geben

450 Priester, Diakone, Pastoral-, Gemeinde- und Dekanatsreferentinnen und –referenten haben im „Jahr der Berufung“ über das Thema „Entdeck den roten Faden deines Lebens“ nachgedacht und sich ausgetauscht. Und sie haben dabei auf jeden Fall eines entdeckt: Dieser Tag muss eine Fortsetzung finden und den Beginn einer Tradition darstellen.

Nach dem Auftakt mit einem Pontifikalgottesdienst, gefeiert im Rottenburger Dom von Bischof Gebhard Fürst, und einem Impulsreferat des Bischofs befassten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Nachmittag in Arbeitsgruppen mit den vormittags vorgetragenen Thesen.

Eine Podiumsdiskussion am Abend brachte die Erfahrungen und Fragen der Seelsorgerinnen und Seelsorger auf den Punkt. Wie lässt sich der Leitgedanke des Bischofs – „Von der Volkskirche zu einer missionarischen Kirche im Volk“ – in der Alltagssituation umsetzen? Wenn eine „missionarische Kirche“ eine „personale Kirche“ ist, so die Frage eines Diskussionsteilnehmers auf dem Podium, wie lässt sich dies in Strukturen verwirklichen, die immer großräumiger und anonymer zu werden drohen? Welcher Raum bleibt angesichts der kaum zu bewältigenden Anforderungen und Erwartungen von innen und von außen noch für ein eigenes geistliches Leben der Mitarbeitenden – Voraussetzung dafür, auch in den Gemeinden geistliche Impulse setzen zu können? Wie kann das Miteinander von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen in den Gemeinden gestaltet und wie können die daraus entstehenden Spannungen aufgelöst werden?

Viele Fragen an Bischof Gebhard Fürst. Der Anspruch einer „missionarischen Kirche“ müsse zu erst „von inner her“ verstanden werden, sagte er. Es gehe nicht um eine fundamentalistisch verstandene „Evangelisierung“, sondern darum, selbstbewusst und glaubhaft aus dem Evangelium zu leben, damit daraus „ein Impuls auf die Gesellschaft“ übergehe. Nicht zuletzt hätten rund fünftausend Religionslehrerinnen und –lehrer in der Diözese Rottenburg-Stuttgart eine große Chance, dass bei vielen Kindern und ihren Familien ein Funke überspringe. Dass es für die Form der persönlichen Spiritualität keine Norm gebe, darüber bestand in der Diskussion Konsens. Es gehöre zur „Existenz der Jünger“, so Bischof Fürst, von den Ansprüchen der Menschen überfordert zu werden. Dennoch sei eine große Gelassenheit notwendig, sich Zeit für das eigene Gebet, für das Gespräch über geistliche Fragen sowie für die „Erzählgemeinschaft“ über Probleme und positive Erfahrungen zuzugestehen, sagte Bischof Fürst. Zu dem oft spannungsreichen Verhältnis zwischen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden in der Seelsorge betonte der Bischof, Ehrenamt sei kein „Zauberstab“, um alle personellen Überlastungsprobleme der Hauptamtlichen zu lösen. Er forderte, die ehrenamtlich engagierten Menschen nicht als Instrumente, sondern „als großen Schatz“ wahrzunehmen und ihnen entsprechende Wertschätzung entgegen zu bringen. Ehrenamt bedeute neben dem Gewinn für andere auch für die eigene Person einen „Mehrwert an Sinn und Freude am Leben“, betonte der Bischof.

Die neuen Strukturen – eine kontrovers diskutierte Frage in der Diözese Rottenburg-Stuttgart: Tragen die neu geschaffenen Seelsorgeeinheiten zur Kooperation und zur Gemeinschaftsbildung bei, oder fördern sie die Anonymisierung sowie die Überforderung der Pfarrer? Strukturen müssten dem Leben dienen, betonte Bischof Fürst und plädierte gegen einen von oben verordneten Zwang zur Zusammenlegung von eigenständigen Pfarreien. Denn nur in kleinen Einheiten könnten sich Menschen wirklich begegnen. Andererseits sei die Zusammenlegung von Gremien für ihn durchaus sinnvoll, wolle man über der Fülle von Verwaltungsaufgaben nicht vernachlässigen, dass „Menschen ein Gesicht brauchen“ - also Seelsorger, die Zeit und Offenheit für die Menschen haben. Mit der Berufung auf ein Bibelwort des Apostels Paulus – „Wir tragen unseren Schatz in irdenen Gefäßen“ – betonte der Bischof: „Unsere Strukturen sind irdene, d.h. zerbrechliche Gefäße. Wenn es bessere gibt – warum nicht?“ Aber er warb auch dafür, in den bestehenden Strukturen zunächst einmal das Gute und Zukunftsfähige zu sehen und zu gestalten.

Fortsetzung? Von den Teilnehmenden nachdrücklich erbeten, vom Bischof zugesagt.